Kaum ein Begriff wurde im vergangenen Jahr in Europa mehr durch die Medien getragen als digitale Souveränität. Die Idee, alternative Strukturen zu datensammelnden, unter der Fuchtel von Autokraten stehenden Unternehmen aufzuzeigen und zu fördern, halte ich auch immer noch für sinnvoll. Auch ich habe deswegen immer wieder Projekte beleuchtet, die auf dem Boden und mit den Werten der EU aufgezogen wurden. So wie Mistral. Wir haben die Firmenstruktur analysiert und ihr Topmodell getestet. Jetzt scheint das französische Startup, trotz staatlicher Beihilfen im hohen einstelligen Millionenbereich, trotz milliardenschwerer Finanzierungsrunden, das Vertrauen in sein eigenes Produkt zu verlieren. Oder zumindest das Vertrauen darin, dass die Mistral-Modelle allein reichen, um das Startup in die schwarzen Zahlen zu führen.

Dass die Firma sich schon länger Unterstützung von außerhalb der EU holt, ist nicht neu. Erst im Juli kündigte Mistral an, seine Partnerschaft mit Microsoft zu intensivieren. Auch das passierte unter dem Deckmantel der Souveränität. Bedenken hinsichtlich US Cloud Act und Co. gab es anscheinend keine. Und jetzt geht die Firma einen Schritt weiter, indem sie GLM-5.2, ein Open-Weights-Modell des chinesischen KI-Labors Z.ai, über ihre Infrastruktur verfügbar macht. Die Modelle von Mistral sind damit nicht nur auf dediziert uneuropäischen Plattformen eingeklinkt. Die französische Firma verbannt sie schlichtweg zugunsten eines laut Benchmark der KI-Modell-Analyseplattform Artificial Analysis deutlich leistungsfähigeren Konkurrenten aus der Volksrepublik in die zweite Reihe.

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KI in Europa: Warum Mut zur Nische jetzt wichtiger wird

Natürlich muss man hier auch fair bleiben. Es ist schwierig bis unmöglich, mit öffentlichen Geldern und dem überschaubaren Kapital in Europa ein Konkurrenzmodell zu den Produkten von OpenAI, Anthropic, Qwen oder selbst so Nachzüglern wie Meta aufzuziehen. Einen Versuch war es auf jeden Fall wert. Leider scheint sich Mistral, lange Zeit das mit Abstand vielversprechendste Generalisten-Startup aus der EU, jetzt in die Riege von Projekten wie Teuken-7B oder den Modellen von Aleph Alpha einzureihen. Die funktionieren für bestimmte Anwendungszwecke und in bestimmten Kontexten. Aber ein neues ChatGPT oder ein neues Claude sind sie nicht.

Bedeutet das, dass der KI-Sektor in der EU gerade untergeht? Ja und nein. Mistrals Öffnung für die Konkurrenz, die anders als bei Firmen, die wie Google oder Microsoft hauptsächlich Cloud-Kapazitäten anbieten, eher unerwartet kommt, ist vielleicht das vorläufige Ende einer echten Frontier-Modell-Strategie in Europa. Aber vielleicht macht das Kapazitäten für andere Bereiche frei. Für einen verstärkten Fokus auf die Industrie, die zwar wenig sexy ist, aber hochspezialisierten Modellen eine echte Bühne bieten kann. Oder in Nischen wie OCR, kurz für Optical Character Recognition, in denen Mistral mit seinem Modell OCR 4 laut Firmenangaben im Juni 2026 sowieso schon Top-Werte erzielte.

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Während Mistral im Rennen um State-of-the-Art-Modelle zu kapitulieren scheint, denkt man bei Soofi schon gar nicht mehr so weit. Das groß angekündigte Open-Source-Projekt will mit Soofi S bald sein erstes Modell veröffentlichen. Mit 30 Milliarden Parametern, also einer Größe, die es theoretisch auch auf leistungsfähiger Endkonsument:innenhardware lauffähig macht. Auch das ist weder ein Claude noch ein ChatGPT, nicht mal ein Muse Spark oder Grok. Aber die braucht es überhaupt nicht. Dass man in Europa, bewusst oder unbewusst, aufhört, den Platzhirschen nachzujagen, ist sowieso der smarteste Weg.