Im Dezember eröffnete in Graz ein Living Museum. Im geschützten Raum bietet Kunst einen Ausdruck für Menschen, denen alles zu viel geworden ist.

„Manchmal hab ich das Gefühl, ich bin für nichts mehr gut“, sagt Sylvia Sommer mehr zu sich selbst als zu den Menschen um sie herum. Ihr Werk liegt vor ihr auf dem Boden der ehemaligen Anstaltsmeierei. Die hohen Wände sind voll behangen mit Bildern. Auf Regalen stapeln sich Skulpturen und Plastiken. Überall stehen Pinsel, Farben und Leinwände. Sie sei kein Mensch für zu Hause, meint Sommer. In diesen Raum kann sie kommen und etwas tun.

Eine Frau steht zwischen Farben, Pinseln und Leinwänden. Sie hält einen roten Regenschirm über ihrem Kopf © Klz / Stefan PajmanSylvia Sommer kommt regelmäßig in das Living Museum, um sich dort künstlerisch auszudrücken

Sommer kommt regelmäßig ins Living Museum am Gelände des LKH Graz II. Solche Museen sind offene Ateliers. Jeder kann dort kreativ werden. Der Ort soll Menschen Beschäftigung, Gemeinschaft und eine neue Identität als Künstler geben. In einem Raum frei von Ansprüchen und Leistungsgedanken können sie ihren künstlerischen Ausdruck finden.

„Ich habe so viel geredet in meinem Leben, ich will nicht mehr. Wenn ich male, geht es mir besser“, meint Sommer. Früher war sie in Gesprächstherapie. Das habe ihr kaum geholfen, meint sie. „Ich wollte alles aufschreiben, aber dann kamen die Panikattacken“, meint Sommer. Mit Bildern kann sie ausdrücken, was mit Worten zu weh tut.

Der Körper weiß es besser

Früher war Sylvia Sommer Schlossermeisterin. Gemeinsam mit ihrem Mann baute sie ein Unternehmen auf. „Ich habe meine Töchter bekommen und war ein Monat später zurück in der Werkstatt“, erinnert sie sich. Zeitgleich mit ihrer Ehe geht auch das gemeinsame Unternehmen in die Brüche. Als kurz darauf ihr zweiter Mann unerwartet stirbt, rutscht sie in ein Burnout. „Ich habe versucht weiterzumachen, aber mein Körper konnte nicht mehr. Manchmal weiß es der Körper besser als der Kopf“, erzählt sie.

Eine Frau steht zwischen Farben, Pinseln und Leinwänden. Sie zeigt einen bemalten Stuhl in Richtung Kamera © Klz / Stefan PajmanNicht nur die Leinwände, sondern auch die Möbel werden im Living Museum bemalt

Wie den meisten Menschen, die hier sind, ist Sylvia Sommer irgendwann im Leben alles zu viel geworden. Dennoch ist sie nicht als Patientin hier. „Man begegnet sich hier als Mensch“, erklärt Karin Schagerl, Leiterin des Ateliers. Im Unterschied zur Kunsttherapie will ein Living Museum Menschen einen offenen und gleichzeitig geschützten Raum bieten, in dem sie eine Gemeinschaft bilden können. Um mitzumachen ist aber keine Diagnose oder ähnliches nötig.

Vom Patienten zum Künstler

Die Idee des Living Museums stammt aus den USA. In der ehemaligen Anstaltsküche der psychiatrischen Klinik Creedmoor in New York sind Klientinnen und Klienten kreativ aktiv. Sie legen ihr Selbstverständnis als Patienten ab und stärken im künstlerischen Ausdruck ihre Persönlichkeit. „Hier wandelt sich die Identität vom Patienten hin zum Künstler. Dieser Prozess ist zutiefst heilend“, erklärt Initiatorin Alexandra Plettenberg bei der Eröffnung im Dezember.

In einer Ecke der alten Meierei beugt sich Thomas Eder über eine Figur aus Gips. „Meine Puppe war zuerst eine Schüssel“, erzählt Eder. Seine Hände sind weiß vom Gips. Er wirkt konzentriert. Gerade bringt er einen Schuh am rechten Bein an. Eder verhandelt in der Kunst einen weiteren Aspekt von sich selbst. Zuerst war die Puppe als Mann gedacht, mittlerweile ist sie eine Frau. „Ich bin mir mit meiner sexuellen Identität nicht ganz sicher. Die Puppe kehrt etwas von mir nach außen. Mit der Zeit ist sie mir immer wichtiger geworden“, erzählt er.

Ein Mann bringt einen Schuh an einer Puppe aus Gips an. Im Hintergrund hängen Bilder an der Wand © Klz / Stefan PajmanKünstler Thomas Eder bei der Arbeit

Thomas Eder und Sylvia Sommer sind zwei von rund 40 Besuchern des Grazer Living-Museums. Der Standort ist nach Linz der zweite in Österreich. Dass es ihn gibt, liegt maßgeblich am Engagement von Alexandra Plettenberg. 20 Jahre arbeitete sie selbst im Living Museum in New York mit und brachte die Idee in die Steiermark. Bis zur Eröffnung im vergangenen Dezember dauerte es sieben Jahre. Mittlerweile gibt es mehr als 60 Einrichtungen nach diesem Vorbild weltweit.

Sich zueinander malen

Neben dem Stiften von Sinn, Beschäftigung und kreativem Ausdruck ist die Gemeinschaft eine wesentliche Säule im Konzept des Living-Museums. Menschen kommen aus der ganzen Steiermark nach Straßgang, um gemeinsam Kunst zu schaffen. Eine von ihnen ist Elke Ysopp. Mit dem Zug reist sie einmal im Monat aus Judenburg an, um im Living Museum zu malen und zu zeichnen. „Das brauche ich für meine seelische Hygiene“, meint sie. Den weiten Weg nach Graz macht Ysopp für die Gemeinschaft. „Ich könnte auch zu Hause malen, aber ich mag die Menschen. Hier kann man sich gut zueinander malen.“

Eine Frau präsentiert ihr Kunstwerk lachend der Kamera. Sie hält es hoch über dem Kopf. © Klz / Stefan PajmanElke Ysopp reist extra mit dem zug aus Judenburg an, um hier zu sein

Neben ihr arbeitet Erich Maier an einem Bild. „Seit mehreren Wochen schon“, meint er. Im März besucht der pensionierte Innenarchitekt das Living Museum zum ersten Mal auf Anraten einer Sozialpädagogin. „Du merkst gleich, ob du dich wohlfühlst“, meint Maier, „Ich habe einen völlig neuen Zugang und eine künstlerische Linie gefunden.“ Das Living Museum bietet ihm einen Raum für Spontanität. „Hier kann ich mich so ausleben, wie ich will“, sagt er.

Ein Mann beugt sich über einen Tisch und studiert konzentriert die Bilder, die darauf ausgebreitet sind. © Klz / Stefan PajmanKünstler Erich Maier hat im Living Museum für sich einen neuen Stil gefundenDas lebendige Museum

Seit acht Monaten ist das Living-Museum in Betrieb. Bis zu 30 Menschen schaffen hier gleichzeitig. Die Wände des hohen Raumes sind bis oben hin behangen mit Bildern. Auf Regalen stapeln sich Plastiken und Figuren. „Hier entsteht so viel, dass wir die Werke immer wieder wechseln“, erklärt Leiterin Schagerl. „Auch daher kommt der Name ‚Living Museum‘. Das Atelier verändert sich stetig“.

Eine Frau steht in der Mitte des Raumes und hält ein großes Gemälde. Sie ist umgeben von Leinwänden, Arbeitstischen, Pflanzen und Bildern. © Klz / Stefan PajmanKarin Schagerl ist stolz auf die Kunstwerke der Teilnehmenden

In Zukunft plane man auch Ausstellungen, um die Werke einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Das sei aber zweitrangig, meint Schagerl. In erster Linie gehe es um den Raum und die Gemeinschaft – oder wie es Sylvia Sommer formuliert: „Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin für nichts mehr gut, aber in der Kunst bin ich noch beschäftigt.“