Kennst du dieses Gefühl, auf einen Pickel zu schauen und ihn unbedingt ausdrücken zu wollen? Einerseits weißt du, dass der Anblick widerlich sein wird, wenn das weiße Innenleben nach außen quillt. Andererseits wohnt dem Aufplatzen eine Faszination inne, bei der man einfach nicht wegsehen kann. David Cronenbergs Sci-Fi-Horror-Klassiker Die Fliege ist für mich ein solcher herrlicher Pickel in Filmform. Heute wird er 40 Jahre alt und hat nichts von seiner hässlichen Schönheit verloren. Happy Birthday, Brundlefly!

Sci-Fi-Horror der Extraklasse: Die Fliege wird 40 und ist bis heute mein Ekel-Ideal

Am 15. August 1986 startete Die Fliege (im englischen Original: The Fly) in den USA im Kino und erzählte die Geschichte des Wissenschaftlers Seth Brundle (Jeff Goldblum). Der will eigentlich eine Maschine zur Teleportation erschaffen, schließt sich beim Selbstversuch allerdings mit einer Stubenfliege ein und beginnt daraufhin, mit ihrer DNS zu verschmelzen. Eine groteske Verwandlung ereignet sich vor den Augen seiner Freundin

Veronica (Geena Davis).

Kleine Erinnerungsauffrischung im Trailer zu Die Fliege gefällig?

The Fly – Trailer (English) HD

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In den 80ern schwang sich Regisseur David Cronenberg zum Meister des Bodyhorrors auf. Schon Die Brut, Scanners und Videodrome spiegelten seine Vorliebe für aus der Form geratene Körper wider. Filme wie eXistenZ setzten sie auch später noch fort. In Die Fliege packte mich Cronenbergs Zuneigung zum Ekel aber besonders. Und das, obwohl es weder der erste noch der letzte Film war, der im Sci-Fi- und Horror-Bereich den menschlichen Leib an seine Grenzen bringt.

Als Die Fliege erschien, existierten mit Das Ding aus einer anderen Welt (1982) und Dämonen 2 (1985) bereits andere Vertreter, die die Filmwelt mit absolut großartigen, handgemachten Effekten das Gruseln lehrten. Doch selten wurde für mich eine Transformation des Grauens so eng an eine Identifikationsfigur geknüpft wie hier, wo ich dem quälend langsamen Verfall hilflos zusehen musste … und wollte!

Die Fliege nimmt ihre grausige Verwandlung persönlich

Vorlagenautor

George Langelaan wählte für seine Kurzgeschichte The Fly von 1957 noch eher einen gruseligen Krimiansatz. Genau wie die erste (ebenfalls sehr sehenswerte) Verfilmung Die Fliege (1958) von Kurt Neumann. In beiden Versionen findet die Enthüllung des verwandelten Wissenschaftlers im Rahmen eines ermittelnden Rückblicks auf einen Schlag statt (mittels eines weggezogenen Lakens überm Kopf). Cronenberg wählte zusammen mit Co-Drehbuchautor Charles Edward Pogue hingegen die intimere Perspektive des schaudernden Miterlebens.

Schon wenn die ersten Haare aus

Seth Brundles Rücken sprießen, will ich selbst die Hand nach den Borsten ausstrecken, die sich beim Sex so schwarz von seiner hellen Haut abheben. Ihre Entfernung in Nahaufnahme ebnet nur den Weg für das nächste Stadium, in dem aus Brundles Gesicht zwischen Akne-ähnlichen Narben weitere Härchen wachsen. Eingebettet in menschliche Schönheitshindernisse, die jeder kennt, der sich rasiert oder gegen Hautunreinheiten gekämpft hat, eskaliert die Situation ins Extrem. Und lässt uns dabei jeden Evolutionsschritt der Insektentransformation von ausgefallenen Fingernägeln bis zum wuchernden Tumorantlitz beobachten.

Ich sah Jurassic Park lange vor Die Fliege und konnte Jeff Goldblums Charisma sowie seinen Status als Sexsymbol lange nicht verstehen. Erst als Wissenschaftler Seth Brundle rastete der Star für mich vollkommen ein: in der Rolle des Exzentrikers (mit ohnehin schon insektenhaft leicht hervorstehenden Augen), der eine schwer greifbare Anziehung mitbrachte und bei aller Selbstüberzeugung doch nahbar blieb. Seinem Seth gönnte ich die Liebesgeschichte mit der Reporterin, die im Film meine stellvertretende Zeugin des Grauens wird, wenn sie seinem inneren und äußeren Zerfall beiwohnt. Bis ätzender Speichel die letzte Menschlichkeit wegschmilzt.

Der Mensch unter dem Monster bleibt dank Goldblum und dem wohldosiert zunehmenden Make-up quälend lange sichtbar. Der letzte Schritt, wenn in einer großartig widerwärtigen Szene die Fliege endgültig aus dem Mann hervorbricht, sprengte meine Vorstellungskraft und ließ meinen Kiefer zeitgleich mit seinem herabfallen. Hier wird der Ekel-Goldstandard mit einer zu Herzen gehenden Figurenentwicklung verknüpft.

Nach 40 Jahren hallt das Vermächtnis von Die Fliege noch immer nach

Selbst heute meldet sich Die Fliege noch unverhofft in meinem Kopf, wenn ich neuere Filme schaue.

Hat Guillermo del Toros Frankenstein-Adonis nicht auch etwas von Brundles grotesker Attraktivität? Ähneln die Garnelen-Aliens in District 9 nicht auffällig Seths Verwandlungsendstadium? Cronenbergs Brundlefly ist im Prinzip ein Horror-Spider-Man. Mit dem Unterschied, dass der Forscher seine Spinnen-(oder hier: Fliegen-)DNS nicht so einfach unterdrücken kann, um ausschließlich die Vorteile seiner übermenschlichen Kraft und Akrobatiktalente zu nutzen. (Heimlich wünscht sich mein monsterliebendes Hirn einen Peter Parker mit acht haarigen Beinen.)

Wenn The Substance körperliche Verwandlungen bis zum Äußersten treibt, muss ich ebenso an Die Fliege denken wie wenn Christopher Nolan in Die Odyssee auf handgemachte Schweine-Deformationen zurückgreift. Das sind auch im CGI-Zeitalter immer noch die besten, greifbarsten Effekte des Horrors. Deshalb funktioniert Die Fliege heute immer noch so gut.

Filme wie Cronenbergs Klassiker haben mich gelehrt, die Schönheit der Monstrosität zu genießen. Selten habe ich mich so freudig geekelt wie vor Seth Brundle. Dass der 20th-Century-Fox-Film mittlerweile ausgerechnet beim familienfreundlichen Streaming-Dienst Disney+ im Abo zu sehen ist, präsentiert sich da nur als amüsantes Eiter-Sahnehäubchen.

Eines ist jedoch gewiss: Die Fliege ist ein faszinierender Filmpickel, an dem ich auch 40 Jahre später noch gerne herumdrücke.