Bunte Blumensträuße und eigenwillige Frauenfiguren hat die Künstlerin Grace Weaver auf riesige Leinwände gebracht. So ist man allein durch die schiere Größe überwältigt, wenn man die Räume im Kunstmuseum Magdeburg durchschreitet, zudem die bis zu vier Meter breiten Gemälde eine eher unerwartete figürliche Malerei zeigen: ohne Details oder Hintergrund, vielmehr geprägt durch Linien und einen malerischen Gestus.

Für Museumsleiterin Annegret Laabs zeigen die Blumensträuße den Beginn von Grace Weavers Auseinandersetzung mit einer neuen Art und Weise der Malerei. Auf den Bildern sei nichts zu sehen außer das Wesentliche: „Genau das ist, was sie an der Malerei interessiert, dieser Knackpunkt: Was muss ich alles weglassen und was brauche ich, um zu erkennen, dass es doch mit einer großen Emotion gemalt ist?“

In Tradition von Picasso und Matisse

Noch deutlicher wird das bei den Frauenfiguren, die die US-Amerikanerin mit wenigen Pinselstrichen als Konturen auf die Leinwand bringt. Mit den weichen Rundungen und den verdrehten Köpfen oder Gesichtern erinnern sie an Pablo Picasso und Henry Matisse, sind aber in ihrer Art ganz anders – allein durch die Größe und Arbeitsweise, sagt Laabs. Weaver schaffe es, Merkmale der Arbeiten dieser Meister durch Malerei ins große Format zu übertragen: „Nicht abzumalen, nicht nah zu bleiben an dem, was da ist, sondern eine ganz neue Entwicklung zu zeigen, einen neuen Schwung.“

Statt mit Tusche auf Papier bringt Weaver mit riesigen Pinseln in weiten Schwüngen Acrylfarbe auf die überlebensgroßen Leinwände. Eine Arbeitsweise, die nicht nur Kraft braucht, sondern vor allem Konzentration und Vorbereitung. Denn sie muss genau wissen, wie die Figur aussehen soll. Korrekturen sind kaum möglich. „Sie geht mit diesem Pinsel in großen Schwüngen vom Kopf über den Hals, über die Schultern bis in die Taille, bis zum Gesäß ihrer Figuren“, beschreibt die Museumsleiterin Weavers Arbeitsprozess. „Man merkt, dass die Bilder in ihrem Kopf sind.“

Frauenbilder geprägt durch den Female Gaze

Um dieses Vorstellungsvermögen zu erreichen, hat Weaver immer wieder den weiblichen Körper studiert. Sie zeichne viel, mache Naturstudien und besuche die Antikensammlungen der Museen, erzählt sie selbst in einem Video. Gerade die Gesten der Frauen, die sich über die Jahrhunderte tradiert haben, seien für sie faszinierend: „Ich schaue mir archaische griechische Skulpturen an und sehe diese Gesten, eine Frau, die trauert, mit den Händen auf der Brust oder am Kopf“, erklärt die Künstlerin. „Das sind Gesten, die wir auch heute noch nutzen.“

Wir bekommen nur so viel, dass wir unsere eigenen Gedanken spielen lassen können.

Annegret Laabs
Kunstmuseum Magdeburg

Die Frauenfiguren, die die 38-Jährige auf die Leinwand bringt, sind jedoch anders konnotiert. Denn obwohl sie immer einen besonderen, zentralen Platz in der Kunstgeschichte eingenommen haben, waren Frauenfiguren auch immer vom männlichen Blick dominiert. Die meisten Darstellungen von Frauen in der Geschichte der Menschheit seien wohl von Männern geschaffen, so Weaver: „Es gibt also einen sehr voyeuristischen Blick auf die Figur, der interessant ist. Aber ich glaube, dass ich etwas anderes beitragen kann, weil ich eine empathische Verbindung zu der Frauenfigur habe.“

Eine empathische Verbindung, in der Museumsleiterin Laabs sowohl das Wesentliche als auch das Neue in Weavers Malerei sieht: „Das Neue an den Werken von Grace Weaver ist tatsächlich die Überführung der Malerei in die Zeichnung und die der Zeichnung in die Malerei.“

Damit schaffe die Künstlerin eine völlig neue Idee der Figürlichkeit in die Malerei des 21. Jahrhunderts. „Wir kriegen nicht etwas vorgegeben bis ins letzte Detail, sondern bekommen nur so viel, dass wir unsere eigenen Gedanken spielen lassen können.“ Das mache Weavers Arbeiten großartig.

Museum in Magdeburg sichert sich Weavers Ausstellung

So war es sicher clever, die bisher eher unbekannte Künstlerin einzuladen, ihre Werke im Kunstmuseum zu zeigen. Denn wenn sich erst die großen Museen für sie interessieren – und das Städel in Frankfurt hat bereits ein Bild angekauft – wird Magdeburg kaum mehr eine Chance haben, sie auszustellen. Und Grace Weaver weiß es zu schätzen – denn immer wieder zeigen sich auch und gerade die internationalen Künstler fasziniert von den Ausstellungsräumen im ehemaligen Kloster. Dort passen die Sujets, also die Madonnen, natürlich ganz besonders gut.