Mit einem Sieg in einer kuriosen Wahl hat sich der britische Rechtspopulist Nigel Farage erneut einen Parlamentssitz gesichert. Der größte Konkurrent war ein Spaßkandidat.
Der Chef der Partei Reform UK gewann die Nachwahl im Wahlkreis Clacton in der englischen Grafschaft Essex mit 22.239 Stimmen (knapp 63 Prozent), wie die Auszählung Freitagmorgen ergab. Als größter Konkurrent des früheren Brexit-Vorkämpfers galt Spaßkandidat Count Binface („Graf Mülltonnengesicht“). Er kam auf 9455 Stimmen.
Schon vor der Verkündung seines Siegs erklärte sich Farage zum klaren Gewinner. Der offiziellen Veranstaltung, bei der das Ergebnis verkündet wurde, blieb er allerdings fern.
„Das Ergebnis in Clacton spricht für sich“, schrieb Farage nach der Bekanntgabe knapp auf X. Eine für Freitagvormittag geplante Rede in Clacton wurde abgesagt, wie mehrere britische Medien unter Berufung auf ein Statement von Reform UK berichteten.
Ausgelöst wurde die Nachwahl von Farage selbst. Erst vor wenigen Wochen gab der auch als „Mr. Brexit“ bekannte Politiker seinen Parlamentssitz in einem politischen Stunt ab. Zuvor war er unter anderem wegen eines umstrittenen Geldgeschenks in die Schlagzeilen und schließlich in den Fokus einer parlamentarischen Untersuchung geraten.
Wie der Guardian zuletzt enthüllte, hatte Farage kurz vor seiner Wahl zum Abgeordneten 2024 ein Geldgeschenk in Höhe von fünf Millionen Pfund (rund 5,9 Mio. Euro) erhalten, das er nicht als Spende deklarierte. Seinen Angaben nach handelte es sich um ein persönliches Geschenk ohne Bedingungen. Der Vorgang wurde vom Beauftragten für parlamentarische Standards untersucht. Nach Farages Abgang wurde die Untersuchung jedoch ausgesetzt. Die WählerInnen sollten über sein Handeln entscheiden, sagte bei seinem Rücktritt.
Farage hatte die Nachwahl als Duell zwischen den Wählern und dem politischen Establishment zu inszenieren versucht. Entwickelt hatte sich der Wahlkampf jedoch zu einer Farce. Alle großen Parteien verzichteten aus Protest darauf, jemanden aufzustellen, und warfen ihm ein Ablenkungsmanöver vor.
Die Untersuchung gegen Farage dürften nun aller Voraussicht nach wieder aufgenommen werden. Sollte dabei ein Vergehen des Reform-Politikers festgestellt werden, droht ihm im schlimmsten Fall ein Ausschluss aus dem Unterhaus – und die nächste Nachwahl mit ungewissem Ausgang. Eine Untersuchung konnte er also nur kurzfristig zum Erliegen bringen. Mit dem Wahlsieg kann er jedoch seine Erzählung untermauern, den Wählerwillen in Clacton hinter sich zu haben.
Taktische Rücktritte
Die regierende Labour Party von Premierminister Andy Burnham bezeichnete die Nachwahl als Ablenkungsmanöver. „Um es klar zu sagen: Das ist kein Sieg für Nigel Farage“, erklärte Frauenministerin Bridget Phillipson. „Der Berg an Filz und Skandalen, in dem er und die Reform-Partei mittlerweile versinken, ist gewachsen und gewachsen, während er versucht hat, die Öffentlichkeit mit einer Nachwahl gegen eine Mülltonne abzulenken.“
Trotz der Kritik an den Umständen der Nachwahl fanden sich auf dem Wahlzettel neben Farage 33 weitere Kandidaten. Durch die Absage etablierter Parteien galt als Hauptkonkurrent aber der Spaßkandidat Graf Binface alias Jon Harvey.
Graf Binface tritt regelmäßig bei Wahlen an. Er erinnert an eine Art Weltraumkrieger in einem vage an den Star-Wars-Bösewicht Darth Vader angelehnten Kostüm mit Umhang und Mülltonne als Helm.
Spaßkandidaten wie Graf Binface haben in Großbritannien Tradition. Als der frühere Premier Boris Johnson 2019 seinen Sieg bei der Parlamentswahl feierte, tummelten sich neben dem Weltraumkrieger u. a. noch ein Kandidat im Kostüm der Sesamstraßenfigur Elmo und ein Lord Buckethead (Lord Eimerkopf) gemeinsam auf der Bühne mit dem siegreichen Kandidaten.
Taktische Abgänge haben bei Farage schon Geschichte. Kurz nach dem Brexit-Referendum 2016 trat Farage als Chef der Ukip-Partei ab – nur um später an der Spitze der neu gegründeten Brexit-Partei wieder ins Rampenlicht zurückzukehren. Die Partei wurde später in Reform UK umbenannt. Auch deren Vorsitz legte Farage nach dem EU-Austritt 2021 nieder und kehrte 2024 an die Spitze zurück. Reform UK lag in den vergangenen Monaten in Umfragen teils deutlich vorn. (TT, APA)
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