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Die Frage „Können weiße Männer Blues singen?“ wird seit Jahrzehnten diskutiert, vor allem seit ernsthaft bemühte weiße Jugendliche in den 1960ern begannen, sich an der Musik zu versuchen. Im Fall von Gregg Allman hat sie sich jedoch niemand gestellt.

Das lag nicht allein an seiner rauhen, oft gequält klingenden Stimme und dem echten Gefühl von Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Trotz, das sie transportierte. Es spiegelte auch die Tragödien wider, die Allmans Leben verfolgten – vom Mord an seinem Vater, als Gregg zwei Jahre alt war, bis zu den Motorradunfällen, die in den 1970ern im Abstand von einem Jahr seinem Bruder Duane und Allman-Brothers-Band-Mitglied Berry Oakley das Leben kosteten.

Dazu kamen der Ruhm, das Promi-Dasein, chemische Versuchungen und Scheidungen – besonders schwer zu tragen für jemanden so in sich gekehrten wie Allman. Er hatte sein Recht, den Blues zu singen, mehr als verdient. „Man muss sich fragen, warum überhaupt jemand Musiker werden will“, sagte Allman 1973 zum ROLLING STONE. „Ich habe gespielt, um meinen Seelenfrieden zu finden.“

[Diese Liste wurde ursprünglich 2017 veröffentlicht. Der neue Dokumentarfilm „Gregg Allman: The Music of My Soul“, an dem der ROLLING STONE als Koproduzent beteiligt war, zeichnet Allmans Leben und Karriere anhand eines seltenen Interviews aus dem Jahr 2014 nach – geführt nur drei Jahre vor seinem Tod an den Folgen eines Leberkrebsleidens. Der Film taucht tief in Allmans persönliche Krisen ein, allen voran seine Sucht, bleibt dabei aber fest in den Songs verwurzelt, die er schrieb und aufführte. Dies sind seine 20 unverzichtbaren Stücke.]

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„It’s Not My Cross to Bear“
1969

Der erste Allman-Gesang auf dem ersten Allmans-Album beginnt genau richtig: mit einem kehligen Aufschrei. Eines der frühesten Stücke, das er seinen Bandkollegen zeigte – geschrieben, als Gregg in L.A. war und mit späteren Mitgliedern von Poco abhang –, ist diese Slow-Blues-Unabhängigkeitserklärung von einer schlechten Beziehung die Messlatte von Anfang an hoch. Allman klingt reifer als seine Jahre (er war gerade mal 22) und wechselt im selben Song mühelos zwischen Härte und Zärtlichkeit.

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„Dreams“
1969

Dieses Allman-Original war laut Gregg das erste seiner Stücke, das seine Bandkollegen wirklich begeisterte. „Ich sage euch, die sind sofort eingestiegen“, erzählt er über eine frühe Probe, bei der er ihnen den Song zeigte. „Der war drin, Bruder. Die liebten ihn.“ Die Lyrics – „I’m hung up on dreams I’ll never see / Ah, help me baby / Or this surely will be the end of me“ – waren Lehrbuch-Blues. Doch vom jazzigen Feeling (teilweise von Miles Davis inspiriert) bis zur schwebend-sumpfigen Arrangements bewies dieser Track vom Debütalbum „The Allman Brothers Band“, dass Gregg alles andere als ein sturer Traditionalist war.

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„Whipping Post“
1969

Um sein schlafendes Baby nicht zu wecken, schrieb Gregg diesen wegweisenden frühen Allmans-Song mitten in der Nacht auf einem Bügelbrett, weil er kein Papier finden konnte. Als gequälter Hilferuf hatte er allerdings nicht so angefangen, wie Gitarrist Dickey Betts dem Allmans-Biografen Alan Paul erzählte: „‚Whipping Post‘ war eine Ballade, als Gregg ihn uns brachte. Ein echter melancholischer, langsamer Blues.“ Das änderte sich, als Oakley das berühmte Intro entwickelte und der Song Fahrt aufnahm – und Greggs intensive, am Scheideweg stehende Darbietung treibt ihn vollends über die Kante.

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„Don’t Keep Me Wonderin’“
1970

Von dem zweiten Album „Idlewild South“ setzt dieses Gregg-Original seine damalige Schreibsträhne fort. „Sag mir, warum du aufspringst und zur Tür rennst, wenn das Telefon klingelt“, fleht Gregg – beantwortet von Bruder Duanes herrlichem Slidegitarren-Spiel. (Ja, Handys gab es 1970 noch nicht.) Wie Greggs Stimme scheinbar auf und neben dem Mikrofon zu schweben scheint, verstärkt die Wirkung noch zusätzlich.

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„Please Call Home“
1970

Den Schmerz, einen geliebten Menschen durch die Tür gehen zu sehen, fängt kaum jemand so ein wie Gregg in dieser schwermütigen „Idlewild South“-Ballade: „Take one last look before you leave / Because, oh, somehow it means so much to me.“ Der Song offenbart eine neue Reife in Greggs Songwriting wie auch in seinem Gesang – etwa in den Momenten mit falsetthaftem Soul-Einschlag. Eine majestätische Neuaufnahme des Stücks findet sich auf seinem Soloalbum „Laid Back“ von 1973.

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„Statesboro Blues“
1971

Das ikonische Allmans-Album „At Fillmore East“ eröffnet mit dieser knackigen, druckvollen Version von Blind Willie McTells Blues-Klassiker aus den 1920ern, der auf Statesboro, Georgia, Bezug nimmt. Gregg klingt selten so stark und selbstsicher, und die wechselseitigen Soli von Duane und Betts katapultierten den Song in die Top 10 von ROLLING STONEs „100 Greatest Guitar Songs“.

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„Done Somebody Wrong“
1971

Ein weiteres Juwel aus den Allmans‘ Fillmore-Set: Dieser Elmore-James-Blues hat einen so freudvollen Swing, dass Gregg stimmlich richtig aufdrehen kann – er feuert an, fleht und prahlt im Wechsel. Angesichts des Todes seines Bruders Duane kurz nach diesen Shows sollte Greggs Stimme nie wieder so wuchtig und geerdet klingen.

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„One Way Out“
1971

Bei den Fillmore-East-Shows aufgenommen, aber erst ein Jahr später auf „Eat a Peach“ veröffentlicht, zeigt diese aufgepeitschte Version von Sonny Boy Williamsons Song Gregg dabei, wie er sich vor unseren Ohren in einen abgebrühten Bluesman verwandelt.

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„Trouble No More“
1971

Muddy Waters‘ Blues-Hit aus den Fünfzigern passte wie angegossen zu Duanes Slidegitarre, dem dunklen Shuffle der Allmans – und vor allem zu Greggs überschwänglicher Stimme. Wie „One Way Out“ fand auch dieser Fillmore-East-Cut auf dem späteren „Eat a Peach“ seinen Platz.

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„Ain’t Wastin‘ Time No More“
1972

„Ich hatte diesen Lick schon eine Weile, und ich erinnere mich, dass [Berry] Oakley sagte: ‚Mann, was ist das kleine Ding, das du immer spielst?’“, erzählte Gregg. Gut, dass Oakley ihn drängte, den Song fertigzustellen. Vom düsteren Eröffnungsgrollen von Greggs Piano bis zu Betts‘ wehmütigen Slide-Parts ist dieses „Eat a Peach“-Kleinod zugleich Anerkennung von Duanes Tod und Grund zum Weitermachen. Gregg sagte, er sei teilweise von „Menschen inspiriert worden, die aus dem Vietnamkrieg zurückkehrten“ – doch Duanes Geist schwebt unverkennbar über diesem eindringlichen, bewegenden Song.

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„Melissa“
1972

„Melissa“ stammte noch aus Greggs Zeit vor den Allmans, als er in der Band 31st of February spielte, und war so beschaulich, dass er ihn den Allmans jahrelang vorenthielt; der Song tauchte erst wieder auf, als die Band für „Eat a Peach“ zusätzliche Stücke brauchte. (Da Duane den Song so geliebt hatte, war es auch eine Verbeugung vor ihm.) Doch die Kombination aus gezupften Akustikakkorden und Greggs stimmlicher Wärme fügt sich wie selbstverständlich ins Band-Gefüge ein und macht ihn sofort zum Allmans-Klassiker. Lange rang Gregg um einen Frauennamen für den Song – bis er in einem Supermarkt eine Mutter hörte, die ihrer umherschweifenden Tochter nachrief: „Oh, Melissa, come back!“

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„Wasted Words“
1973

„Kannst du mir sagen, Freund, wo genau ich gewesen bin?“ singt Gregg im Eröffnungstrack von „Brothers and Sisters“, dem ersten vollständigen Studioalbum, das die Band nach Duanes und Oakleys Tod aufnahm. Einer der ersten Songs, der für das Album eingespielt wurde, balanciert Greggs herausgeschleuderte Phrasierung mit dem lebhaften Piano des neuen Bandmitglieds Chuck Leavell.

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„Midnight Rider“
1973

In einer fast leeren Probehalle geschrieben, nahmen die Allmans diesen Gregg-Song erstmals für „Idlewild South“ auf. Doch Greggs Neuaufnahme auf seinem Soloalbum „Laid Back“ fügt neue Ebenen verlorener Seele hinzu – getragen von einem ausladenden Orchesterarrangement. Die Verkörperung des Begriffs „heimgesucht“ und einer von Greggs schmerzhaftesten Gesangsdarbietungen. Wie Gregg dem ROLLING STONE 1973 über Oakleys Tod sagte: „Es war so schwer, nach diesem zweiten Verlust wieder in irgendetwas reinzukommen. Ich ertappte mich sogar dabei zu denken, dass es immer enger wird – dass ich vielleicht der Nächste bin.“

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„These Days“
1973

Viele haben Jackson Brownes vorzeitig weise Ballade, geschrieben als er noch ein Teenager war, gecovert – und tun es bis heute. Doch niemand trifft die schwermütige Nachdenklichkeit von Allmans Version auf „Laid Back“, die seinem Sound zudem einen Hauch Country-Balladerie verleiht.

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„Can’t Lose What You Never Had“
1975

1975 standen die Allmans kurz vor dem Zerfall, und Gregg hatte sich zunehmend von seinen Bandkollegen entfremdet und war auf Drogen angewiesen, um das alles zu überstehen. Dieser Nebel aus verlorenen Seelen umhüllt diese Version von Muddy Waters‘ Song auf dem Allmans-Album „Win, Lose or Draw“. Gregg hatte noch nie so erschöpft und belastet geklungen.