Rund 36.000 Kilometer über der Erdoberfläche tobt ein unsichtbarer Konflikt um die Sicherheit der westlichen Infrastruktur im Weltraum. Russische Spionagesatelliten nehmen dort ganz gezielt die geheime Kommunikation europäischer Raumfahrzeuge ins Visier. Zwar ist das enge Beschatten fremder Sonden kein völlig neues Phänomen. Im Zuge der massiven geopolitischen Spannungen gewinnt diese Taktik jedoch rasant an Brisanz. Bereits seit der ersten Invasion der Ukraine im Jahr 2014 verfolgen russische Inspektorsatelliten europäische sowie amerikanische Pendants und kommen ihnen dabei bedrohlich nah. Das Ziel dieses Manövers ist das heimliche Abgreifen hochsensibler militärischer und ziviler Daten.
Satelliten spielen Katz und Maus
Wie Aleix Nadal, Analyst für Verteidigung und Sicherheit beim Thinktank RAND Europe, in einem aktuellen Beitrag für The Conversation darlegt, sind sogenannte Rendezvous and Proximity Operations (RPOs) im geostationären Orbit nicht per se bösartiger Natur. Zivile und militärische Akteure nutzen diese Manöver zur gezielten Annäherung an ein anderes Raumfahrzeug für Betankungen, die Beseitigung von Weltraumschrott oder für Inspektionen.
Auch das US-Militär betreibt mit dem Space Surveillance Program Satelliten, die sich anderen Objekten bis auf zehn Kilometer nähern. Selbst kommerzielle Raumfahrtunternehmen bieten mittlerweile Inspektionen im All an.
Das Verhalten der russischen Systeme mit den Decknamen Luch beziehungsweise Olymp weicht jedoch von üblichen Inspektionsprofilen ab. Neben Nadal beschreibt auch Space Review-Analyst Bart Hendrickx, wie die Sonden ihre Zielobjekte teils über Monate hinweg beschatten und sich ihnen auf bis zu fünf Kilometer annähern. Beobachtungen aus dem Herbst 2023 zeigten beispielsweise auf, wie Luch-2 wochenlang in unmittelbarer Nähe eines anderen Satelliten manövrierte, statt nach einer kurzen Inspektion weiterzuziehen.
Einen prominenten Präzedenzfall gab es bereits im Jahr 2018. Damals beschuldigte die französische Verteidigungsministerin Florence Parly Russland öffentlich eines Akts der Spionage, nachdem sich Luch-Olymp dem französisch-italienischen Militärsatelliten Athena-Fidus genähert hatte.
Das können die Späher wirklich abhören
Der Vorfall um Athena-Fidus illustriert das eigentliche Ziel der russischen Sonden. Der europäische Satellit überträgt im Ka-Band verschlüsselte Breitbandkommunikation für Streitkräfte und den Zivilschutz. Dass Russland die hochverschlüsselten Inhalte einfach „mitliest“, gilt als unwahrscheinlich, doch ist das für eine effektive Aufklärung auch gar nicht zwingend nötig.
Die russischen Luch-Satelliten fungieren primär als Signals Intelligence (SIGINT)-Systeme. Wenn sie sich physisch in der Nähe der Kommunikationslinie zwischen dem Zielsatelliten und dessen Bodenstation manövrieren, können sie wertvolle Metadaten abfangen. Das Mitschneiden von Frequenzen, Wellenformen, der Intensität des Datenverkehrs und dem Timing der Bodenstationen verrät viel über das operative Tempo und die Truppenbewegungen am Boden. Wer weiß, wann wie viele Daten fließen, kann daraus präzise militärische Schlüsse ziehen.
Topaktuell
Das Risiko für Europas Infrastruktur
Eine noch größere Gefahr geht vom potenziellen Abfangen der Telemetrie- und Steuerungslinks (TT&C) aus. Generalmajor Michael Traut, Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, erklärte im Gespräch mit der Financial Times erst Anfang Februar, er gehe davon aus, dass die russischen Satelliten wahrscheinlich auch die Befehlsverbindungen ihrer Ziele ins Visier genommen haben.
Sollten diese Verbindungen unzureichend geschützt sein, könnten Angreifer*innen die Kommunikationsmuster replizieren. Ein solches Szenario würde es ermöglichen, falsche Steuerbefehle an europäische Satelliten zu senden und deren Betrieb massiv zu stören.
Dieses Vorgehen reiht sich nahtlos in Russlands hybride Kriegsführung ein. Es erinnert stark an das jahrelang verdeckte Kartieren westlicher Unterseekabel Dass die Bedrohung von Satellitennetzwerken sehr real ist, zeigt sich bereits beim Angriff auf das europäische KA-SAT-Netzwerk zu Beginn der Ukraine-Invasion 2022, bei dem zivile und militärische Kommunikationsterminals massiv gestört wurden.
„Satellitennetzwerke sind heute eine Achillesferse moderner Gesellschaften“, mahnte im September 2025 zudem Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). „Wer sie angreift, legt ganze Staaten lahm.“ Schon heute seien nicht nur Deutschlands Truppen von Stör-Angriffen betroffen, sondern auch die Wirtschaft und Gesellschaft. „Das russische Verhalten ist auch und gerade im Weltraum eine fundamentale Bedrohung für uns alle. Eine Bedrohung, die wir nicht länger ignorieren dürfen.“
Die Krux der Beweisführung
Ein wesentlicher Grund, warum diese hybride Taktik für Russland so attraktiv ist, liegt in der Natur des Weltraums selbst. Der Orbit ist eine extrem raue Umgebung, in der kosmische Strahlung, Sonnenwinde oder schlichte Materialermüdung jederzeit für technische Anomalien sorgen können.
Fällt ein europäischer Satellit aus oder reagiert er auf unerklärliche Weise, während ein russischer Späher in der Nähe kreist, ist ein gezielter elektronischer Angriff – etwa durch das Einspeisen falscher Steuerbefehle – kaum zweifelsfrei nachzuweisen. Diese sogenannte glaubhafte Abstreitbarkeit spielt den Akteuren in die Karten. Sie erschwert offizielle Verurteilungen und bindet den betroffenen Staaten bei potenziellen Gegenmaßnahmen die Hände.
Europas Antwort auf die neue Bedrohung
Das Problem bei der Abwehr liegt in rechtlichen Grauzonen. Der Weltraumvertrag verlangt von den Staaten zwar gebührende Rücksichtnahme, definiert aber keine expliziten Sperrzonen im geostationären Orbit. Solange Satelliten nicht physisch angreifen, lassen sich solche Annäherungen politisch leicht als harmlose Inspektionen deklarieren.
Um dieser Grauzone zu begegnen, setzt Europa zunehmend auf Transparenz und eigene Überwachung. Ein zentraler Baustein ist das Space Surveillance and Tracking-Netzwerk der EU. Hier bündeln 15 Mitgliedstaaten ihre Sensordaten, um kritische Infrastruktur wie die Galileo- und Copernicus-Satelliten sowie zukünftige sichere Kommunikationsnetze zu überwachen und Annäherungen frühzeitig zu erkennen.
Um dieser rechtlichen Grauzone im Orbit zu begegnen setzt Europa nun verstärkt auf Transparenz und eine engmaschige eigene Überwachung. Ein zentraler Baustein dafür ist das europäische Netzwerk für die Weltraumüberwachung. Darin bündeln zahlreiche Mitgliedstaaten ihre Sensordaten. Sie wollen kritische Infrastrukturen sowie zukünftige sichere Kommunikationsnetze permanent überwachen und feindliche Annäherungen frühzeitig erkennen.
Gleichzeitig fordern europäische Akteure wie Deutschland und Großbritannien immer vehementer die Entwicklung eigener Abwehrsysteme und aktiver Gegenmaßnahmen für den Weltraum. Nur so lässt sich langfristig verhindern, dass die europäische Infrastruktur der russischen geostationären Schattenflotte schutzlos ausgeliefert bleibt.
Quellen: The Conversation; The Space Review; Vie publique; Financial Times; Bundesministerium der Verteidigung
Hinweis: Ukraine-Hilfe
Seit dem 24. Februar 2022 herrscht Krieg in der Ukraine. Hier kannst du den Betroffenen helfen.