
AUDIO: Filmtipp: „Spaziergang nach Syrakus“ (5 Min)
Stand: 18.08.2026 08:46 Uhr
Vor Kurzem war Charly Hübner als zweifelhafter „Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ im Kino zu sehen. Jetzt spielt er die Hauptrolle in der nächsten skurrilen DDR-Geschichte: „Spaziergang nach Syrakus“ basiert auf einem 1995 erschienenen Roman.
Es gibt ein reales Vorbild für den Helden dieser Geschichte, Klaus Müller – im Roman wie im Film heißt er aber Paul Gompitz. Nickelbrille, Rauschebart, der intellektuelle Typ, dem das Studium jedoch verwehrt blieb. Paul ist beruflich Kellner, privat Bücherwurm, Hobbyphilosoph, Romantiker. Sein Idol ist der Schriftsteller Johann Gottfried Seume, der 1801 zu Fuß von Sachsen bis Sizilien wanderte. Das will er nun auch – das Problem ist nur: Es ist 1982 und Paul wohnt in der DDR. Italienreisen sind staatlich nicht vorgesehen, Sturköpfe wie Gompitz ebenso wenig.
Video:
Trailer zum Film „Spaziergang nach Syrakus“ (2 Min)
„Spaziergang nach Syrakus“ ist ein verfilmter „Schelmenroman“, in dem der Held nun Jahre seines Lebens in das Ausklügeln von Fluchtplänen steckt – inklusive gerissener Westmark-Beschaffung und autodidaktischem Segelkurs. Alles hinter dem Rücken der Ehefrau, die er zwar aufrichtig liebt, aber schützen muss.
Die stillen Wegbereiter der Wende
Dass es in der DDR überhaupt solche „Querköpfe“ gab, hätten manche im Westen vielleicht gar nicht vermutet. Charly Hübner aber, der 1972 in Neustrelitz geboren wurde, kennt Typen wie Paul Gompitz noch aus seiner eigenen Kindheit und Jugend: „Wir haben die ‚Renegaten‘ genannt: Menschen, die gegen das System waren, aber auf keinen Fall die DDR verlassen wollten – das bezog sich auch auf Biermann. Und die Punker haben das dann ein bisschen mit übernommen, nach dem Motto: ‚Wir wollen immer artig sein, denn nur so hat man uns gern.‘ Das habe ich als Teenager aufgesogen wie sonst was. Mich hat diese Position interessiert, dass man bleibt und dagegen ist.“ Letztlich, davon ist Hübner überzeugt, hat dieser Geist, den auch Paul Gompitz in sich trägt, den Boden für die friedliche Revolution bereitet.
Rückkehr als noch größere Herausforderung
Nun ist Pauls Flucht schon eine Herausforderung – die geplante Wiederkehr aber eine noch viel größere. Das macht die Geschichte so kurios. Er will dringend zu seiner Frau zurück, die von Charly Hübners Frau im echten Leben, Lina Beckmann, gespielt wird. Es gibt wunderbar lakonische Dialoge zwischen den beiden. „Von Anfang an mochten wir es, zusammen zu spielen“, erzählt Hübner. „Ich habe mich richtig gefreut, dass Lars sie besetzen wollte, weil ich mich das nicht trauen würde, sie vorzuschlagen.“
DDR ohne Klischees
Regisseur Lars Jessen bringt als Schleswig-Holsteiner zwar keine Ost-Biografie mit, aber genügend Offenheit für einen differenzierten Blick nach nebenan und Fingerspitzengefühl bei der Inszenierung des Alltags dort. Zur Wahrheit gehört für ihn: „Dass man auch in der DDR gut leben konnte, dass man dort eine Heimat hatte und eine Zugehörigkeit. Auch eine Schönheit in der Natur wie die Ostsee. Das sind alles Dinge, die nichts mit Unrechtsstaat oder Diktatur zu tun haben, sondern Lebensrealitäten von Menschen waren. Davon zu erzählen, mit all der Poesie, die das auch hat, das ist mein Ziel mit diesem Film.“

Fotograf Eric Pawlitzky folgte der Route des Dichters J. G. Seume von vor 200 Jahren und schuf daraus einen einzigartigen Bildband.
Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit
Charly Hübner findet den Stoff gerade jetzt aber auch wieder politisch aktuell – angesichts der Renaissance autokratischer Systeme in vielen Regionen der Welt: „Es gibt in der DDR ganz viele kleine Geschichten, womit Du dieses Prinzip seelisch und philosophisch erzählen kannst: Hier einer, der seine Heimat liebt, aber als innere Person sagt: ‚Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, wo ich Urlaub mache, weil irgendwelche Hirnis meinen, sie dürfen bestimmen, wie ich zu leben habe!‘
Hübner selbst war 17, als die Mauer fiel, musste nicht mehr zur Volksarmee, sondern durfte gleich Italien und den Rest der Welt für sich entdecken: „Ich bin als Wesen so gepolt, dass ich immer losziehen will. Andere sind das gar nicht so, die sind geblieben. Aber trotzdem hat man erst mal die Befreiung von so einer Last gefühlt, von so einem schleichenden UFO, das permanent über dir schwebt und dein Denken manipulieren will. Dafür war es das perfekte Alter!“
Parmesan und Tränen – eine unvergessliche Szene
Paul Gompitz ist die perfekte Rolle für Charly Hübner, der das Fernweh so gut nachempfinden kann und die ruhig konzentrierte Beharrlichkeit dieses tragikomischen Helden so überzeugend verkörpert. Er riskiert so viel, weil er nicht ahnt, wie bald sich die Grenzen für alle öffnen werden. Wenn Paul zum ersten Mal im Leben echten Parmesan kosten darf, muss man ein Taschentuch bereit halten, so rührend ist die Szene. Der „Spaziergang nach Syrakus“ mit ihm ist ein Kino-Glücksfall.

Spaziergang nach Syrakus
Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2026
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
Mit Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten und anderen
Regie:
Lars Jessen
Länge:
97 Minuten
Altersempfehlung:
ab 6 Jahren
Kinostart:
20. August 2026