Immer häufiger beschäftigt die Forschung die Frage, warum bestimmte Erkrankungen an Krebs schon vergleichsweise früh im Leben auftreten. Jüngste Erkenntnisse deuten nun darauf hin, dass dabei nicht nur das Alter auf dem Ausweis entscheidend sein könnte. Vielmehr scheint das Tempo, mit dem der Körper biologisch altert, eine Rolle zu spielen.
Krebs: Jüngere Generationen scheinen biologisch schneller zu altern
Dieses beschleunigte Altern könnte einen bislang unterschätzten Zusammenhang mit Krebs in jüngeren Jahren darstellen, wie eine im Juni 2026 veröffentlichte Studie in Nature Medicine nahelegt. Für ihre Analyse werteten die Forscher*innen zunächst Daten von 154.169 Personen aus der britischen UK Biobank aus. Mithilfe des sogenannten PhenoAge-Verfahrens bestimmten sie, wie stark das biologische vom tatsächlichen Lebensalter abwich. Dabei zeigte sich ein auffälliger Generationeneffekt: Bei den zwischen 1965 und 1974 Geborenen lag der standardisierte PhenoAge-Altersabstand um 23 Prozent höher als bei Menschen des Jahrgangs 1950 bis 1954.
PhenoAge-Altersabstand ist die Differenz zwischen dem biologischen Alter (berechnet über den PhenoAge-Algorithmus aus Blutwerten) und dem tatsächlichen kalendarischen (chronologischen) Alter. Ist der Wert positiv, altert der Körper schneller als der Durchschnitt; ist er negativ, ist der biologische Zustand besser als das Lebensalter.
Das bedeutet nicht, dass diese Personen pauschal 23 Prozent „älter“ waren, sondern dass ihre biologischen Messwerte stärker in Richtung eines fortgeschrittenen Alterungsprozesses verschoben waren. Genau dieser Unterschied könnte für das Risiko von frühen Tumorerkrankungen relevant sein, berichten die Autor*innen.
Noch deutlicher wurde der Zusammenhang beim Blick auf spätere Erkrankungen. Bei der Untersuchung von mehr als 148.000 Menschen zeigte sich: Je stärker das biologische Alter einer Person über ihrem tatsächlichen Alter lag, desto höher war ihr Risiko, vergleichsweise früh an Krebs zu erkranken. Pro gemessener Stufe beim beschleunigten biologischen Altern stieg das Risiko rechnerisch um etwa acht Prozent.
Besonders ausgeprägt war die Verbindung bei Lungen-, Magen-Darm- und Gebärmutterkrebs. Bei Lungenkrebs stieg das relative Erkrankungsrisiko mit stärker beschleunigtem biologischem Altern um rund 57 Prozent. Die Modelle berücksichtigten unter anderem BMI (Body-Mass-Index), Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung, Vorerkrankungen und genetische Abstammung.
Topaktuell
Biologisches Alter könnte eine entscheidende Spur liefern
Biologisches Altern umfasst deutlich mehr als sichtbare Alterserscheinungen. Entzündungsprozesse, Veränderungen des Immunsystems, genetische Schäden, epigenetische Veränderungen (chemische Modifikationen der DNA oder ihrer Verpackungsproteine, die die Aktivität von Genen beeinflussen) und ein wandelndes Umfeld innerhalb der Gewebe können sich über Jahre gegenseitig beeinflussen. Die Forschenden vermuten deshalb, dass ein beschleunigter Alterungsprozess gewissermaßen die Summe verschiedener Belastungen widerspiegeln könnte. Ein biologisch älteres Gewebe könnte dadurch bereits vergleichsweise früh Bedingungen entwickeln, die das Entstehen oder Wachstum von Krebs begünstigen. Bewiesen ist dieser Mechanismus bislang allerdings nicht.
Als mögliche Faktoren, die beschleunigtes Altern beeinflussen könnten – nicht als bereits bewiesene Auslöser – nennen die Forschenden unter anderem:
frühere und länger anhaltende Belastungen durch Übergewicht und Stoffwechselstörungen ungünstige Ernährung Bewegungsmangel Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus Umweltchemikalien
Interessant ist außerdem, dass offenbar nicht jedes Organ im gleichen Tempo altert. Bei einer zusätzlichen Analyse von 19.874 Menschen untersuchte das Team anhand von Proteinen im Blut die biologische Alterung einzelner Organsysteme. Ein stärker gealtertes Immunsystem ging mit einem deutlich höheren Risiko für früh auftretenden Lungenkrebs einher. Pro gemessener Stufe des beschleunigten Alterns stieg das relative Risiko um rund 89 Prozent.
Bei Darmkrebs zeigte sich wiederum ein Zusammenhang mit der biologischen Alterung des Fettgewebes. Pro gemessener Stufe stieg das relative Risiko um rund 60 Prozent. Beide Verbindungen blieben auch bestehen, nachdem die Forschenden das allgemeine biologische Alter statistisch berücksichtigt hatten.
So stark hängt biologisches Altern mit dem Krebsrisiko zusammen
BereichZusammenhang mit biologischem AlternRelatives RisikoFrüh auftretende solide Tumoren insgesamtHöherer PhenoAge-Altersabstand+8 %LungenkrebsBeschleunigtes biologisches Altern+57 %Früh auftretender LungenkrebsStärker gealtertes Immunsystem+89 %DarmkrebsStärker gealtertes Fettgewebe+60 %Früh auftretende solide Tumoren in US-DatenHöherer PhenoAge-Altersabstand+22 %Quelle: Biological aging and generational shifts in early-onset cancer riskWarum die Ergebnisse noch kein Beweis für eine Ursache sind
Einen Teil ihrer Ergebnisse überprüften die Wissenschaftler*innen anschließend mit Daten von 10.262 Teilnehmer*innen des US-amerikanischen All of Us Research Program. Auch dort zeigte sich bei jüngeren Geburtsjahrgängen ein größerer biologischer Altersabstand. In der prospektiven Auswertung traten 104 früh diagnostizierte solide Tumoren (feste, greifbare Gewebewucherungen) auf. Je stärker das biologische Alter über dem tatsächlichen Alter lag, desto höher war das Krebsrisiko. Bei deutlich beschleunigtem Altern erhöhte sich das relative Risiko rechnerisch um rund 22 Prozent.
Ein anderes Verfahren zur Bestimmung des biologischen Alters zeigte dieselbe Tendenz, allerdings schwächer. Wegen der vergleichsweise geringen Zahl an Erkrankungsfällen sprechen die Autor*innen selbst nur von einer teilweisen Bestätigung der britischen Ergebnisse.
Weitere Langzeitstudien müssen deshalb zeigen, ob biologisches Altern tatsächlich ein Ansatzpunkt für frühere Prävention werden kann. Damit liefert die Untersuchung keine fertige Erklärung, aber eine neue Spur bei der Suche nach den Ursachen von früh auftretendem Krebs.
Quellen: „Biological aging and generational shifts in early-onset cancer risk“ (Nature Medicine, 2026)
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