19. August 2026
Kai Imhoff

(Bild: Jirsak/Shutterstock.com)
Bloomberg Intelligence beziffert den Investitionsbedarf für Europas Tech-Souveränität bis 2035 auf rund 3 Billionen Dollar – allein für KI und Cloud.
Wenn Europa eines Tages erwachsen werden und im Bereich der Künstlichen Intelligenz auf eigenen Beinen stehen möchte, dann geht das wohl nicht ohne eine gewaltige finanzielle Kraftanstrengung.
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Wie Bloomberg Intelligence in einer aktuellen Analyse bezifferte, müsste der Kontinent bis 2035 rund 3 Billionen US-Dollar in Cloud-Infrastruktur, KI-Rechenzentren, das Training großer Sprachmodelle und weitere kritische Technologien investieren. Zum Vergleich: Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft haben seit 2023 zusammen bereits über eine Billion US-Dollar in KI-Infrastruktur investiert – also rund ein Drittel dessen, was Europa für seine technologische Autonomie aufwenden müsste. Für eine vollständige technologische Autonomie wären demnach noch deutlich höhere Summen nötig.
Die drei Billionen Dollar für den Technologie-Stack sind dabei nur ein Teilbetrag. Insgesamt veranschlagt Bloomberg Intelligence den Investitionsbedarf für Europas strategische Autonomie auf rund 14 Billionen Euro bis 2035, was etwa 1,5 Billionen Euro pro Jahr entspricht. Die Summe verteilt sich auf die Bereiche Energieversorgung, Verteidigung, Technologie, Kapitalmärkte und industrielle Fertigung.
Ohne beschleunigte Ausgaben, vereinfachte Regulierung und tiefere Finanzmärkte drohe Europa weiter hinter die USA und China zurückzufallen, warnen die Analysten.
Europas BIP-Lücke könnte sich verdoppeln
Die potenzielle jährliche BIP-Lücke Europas gegenüber den USA liegt laut Berechnungen von Bloomberg Economics bereits bei über 20 Prozent oder mehr als 3 Billionen Euro pro Jahr.
Setzt sich der aktuelle Trend fort, könnte diese Lücke bis 2040 auf etwa 40 Prozent beziehungsweise 7 Billionen Euro anwachsen.
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Die sektorale Aufschlüsselung verdeutlicht das Ausmaß: Allein für Energieunabhängigkeit veranschlagt die Studie über 3,2 Billionen Euro in Stromerzeugung, Netze, Speicher und Kernenergie. US-Rechenzentren allein sollen bis 2035 ein Fünftel des amerikanischen Landesstroms verbrauchen – ein Beleg dafür, wie eng Energieversorgung und KI-Infrastruktur miteinander verknüpft sind.
Die jährlichen Verteidigungsausgaben müssten auf über 745 Milliarden Euro steigen, um Lücken bei Luftverteidigung, Langstreckenwaffen, Cyber und Raumfahrt zu schließen.
Im Technologiesektor sieht Bloomberg Intelligence Europas stärkste Position bei der Chipfertigungs-Ausrüstung – diese Stärke allein reiche aber nicht aus, um die breitere Lücke zu den internationalen Wettbewerbern zu schließen.
EU reagiert mit Tech-Souveränitäts-Paket
Die Europäische Kommission hat das Problem erkannt und schon im Juni 2026 ein umfassendes Technologiesouveränitäts-Paket vorgelegt.
Das von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Exekutiv-Vizepräsidentin Henna Virkkunen getragene Maßnahmenpaket markiert einen Schwenk von reiner Regulierung hin zu aktiver Industriepolitik. Es adressiert explizit Europas Abhängigkeit von über 70 Prozent von nicht-europäischen Cloud-Anbietern und den Anteil von weniger als 10 Prozent an der weltweiten Halbleiterproduktion.
Die konkreten Investitionsziele sind ambitioniert: 120 Milliarden Euro fließen bis 2035 über den Chips Act 2.0 in den Halbleitersektor. Die Idee der KI-Gigafactorys geht dabei auf frühere Pläne der EU-Kommission aus dem Jahr 2025 zurück, die damals noch fünf solcher Anlagen und ein Investitionsvolumen von 20 Milliarden Euro vorsahen.
Für Rechenzentren sind jetzt 200 Milliarden Euro bis 2036 eingeplant, weitere 100 Milliarden Euro sollen Cloud- und KI-Initiativen inklusive KI-Fabriken und Gigafactories finanzieren.
Hinzu kommen 2 Milliarden Euro für Open-Source-Maßnahmen über sieben Jahre. Die jährliche Investitionslücke im Energiebereich beziffert die Kommission auf rund 400 Milliarden Euro.
Frankreich und Deutschland lösen sich von Palantir
Dass die Souveränitätsdebatte längst praktische Konsequenzen hat, zeigt sich am Umgang mit dem US-Datenanalyse-Anbieter Palantir.
Wie Harici unter Berufung auf Bloomberg berichtete, kündigte der französische Premierminister Sébastien Lecornu an, die Partnerschaft mit Palantir zu beenden, obwohl der Vertrag mit dem Inlandsgeheimdienst DGSI noch drei Jahre Laufzeit hatte. Palantir widersprach dem Schritt öffentlich und erklärte, der Vertrag bleibe rechtlich in Kraft.
„Frankreich muss seine eigenen Werkzeuge besitzen“, begründete Lecornu den Schritt. Als Ersatz soll das französische Unternehmen ChapsVision einspringen.
Auch der deutsche Inlandsgeheimdienst BfV wählte laut Politico bereits ChapsVision als Palantir-Alternative aus. Das französische KI-Labor Mistral versucht seinerseits, europäische Unternehmen langfristig an europäische KI-Infrastruktur zu binden – als weiteres Beispiel für den Trend zur technologischen Eigenständigkeit.
Allerdings sind die Risiken eines zu schnellen Anbieterwechsels beträchtlich. ChapsVision-CEO Silvano Sansoni räumte ein: „Die Technologie ist komplex, daher werden wir Palantir nicht morgen ersetzen“.
Der ehemalige Kommandeur des britischen Joint Forces Command, General Richard Barrons, warnte sogar: „Palantir auszusperren wäre Wahnsinn. Man schneidet sich von einer weltweit führenden Fähigkeit ab“.
Volle Autonomie bleibt unrealistisch
Ein zusätzlicher Treiber der europäischen Souveränitätsbestrebungen sind die US-Restriktionen bei KI-Modellen.
Nachdem die US-Regierung am 12. Juni 2026 per Exportkontrolldirektive den Zugang zu Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 für ausländische Staatsangehörige weltweit ausgesetzt hatte – die Beschränkung wurde am 30. Juni 2026 wieder aufgehoben – verstärkten zahlreiche Länder, darunter europäische Staaten, ihre Bemühungen um souveräne KI-Fähigkeiten.
Die Financial Times berichtete zudem, dass die NSA Anthropics Modell Claude Mythos für Cyberoperationen nutzen könnte.
Die Bloomberg Intelligence-Analyse kommt dennoch zu einem nüchternen Schluss: Resilienz in kritischen Sektoren sei erreichbar, vollständige Autonomie aber „nicht wahrscheinlich“.
Analyst Nick Patience von The Futurum Group verwies demnach darauf, dass 100-Prozent-Souveränität in einer vernetzten Welt kaum zu erreichen sei – und nannte als Beispiel ChapsVisions eigene Partnerschaft mit Alcatel Lucent Enterprise, das vollständig dem chinesischen Staatsunternehmen China Huaxin gehört.
Europas 11 Billionen Euro an privaten Einlagen in EU-27-Haushalten böten zwar enormes Investitionspotenzial. Deren Mobilisierung erfordere aber einfacheres grenzüberschreitendes Investieren und tiefgreifende Reformen der Kapitalmärkte.