Jakob Schwerdtfeger macht aus 1000 Jahren Kunstgeschichte einen Plauderton mit Tiefgang. Sein neues Buch nimmt dich an die Hand, ganz ohne erhobenen Zeigefinger, und erklärt Epochen so, dass du sie dir tatsächlich merkst und beim nächsten Museumsbesuch auch wirklich etwas damit anfangen kannst.
Du stehst vor einem Werk der Moderne und denkst: „Das könnte ich auch!“ Aber du hast es nicht gemacht. Die Idee hattest nicht du, die Intention auch nicht, und wahrscheinlich fehlt dir sowieso das handwerkliche Können und der Raum zum Arbeiten. Die Überzeugung bleibt trotzdem: Das ist doch nichts Besonderes.
Als Marcel Duchamp vor gut 100 Jahren begann, Alltagsgegenstände einfach zur Kunst zu erklären, wurde diese Haltung erst recht bestärkt. Die Idee war oft wichtiger als das, was man tatsächlich sah, manchmal blieb nur mehr eine Anleitung übrig. Wer nur betrachtet, langweilt sich schnell dabei. Wer sich einlässt, wird zum Mitmacher, und dann wird es interessant. Kunstgeschichte beginnt aber nicht erst bei Duchamp, sondern rund 1000 Jahre früher. Wer sich darauf einlässt, findet auch den nächsten Museumsbesuch spannender. Genau dabei will Schwerdtfegers neues Buch helfen.
Ein Ritt durch 1000 Jahre
Im Buch selbst steckt ein Zeitstrahl, der gleich in den Buchdeckeln beginnt. Er zeigt, wie die Epochen von der Romanik bis zur Konzeptkunst ineinandergreifen. Vor allem ab dem 19. Jahrhundert wird es unübersichtlich – genau das macht der Zeitstrahl sichtbar. Geschrieben ist das Ganze im Plauderton, stellenweise fast flapsig. Das macht das Buch niederschwelliger und lustiger, als man es von einem Sachbuch erwarten würde. Kein Wunder, Schwerdtfeger tritt auch als Comedian auf. Trotzdem merkt man auf jeder Seite, wie viel Recherche dahintersteckt. Hier schreibt jemand mit abgeschlossenem Kunstgeschichte-Studium. Viele Abbildungen machen das Erklärte greifbar. Dazwischen sitzen Fun-Facts, Zitate, Infoboxen und kurze Zusammenfassungen in Stichworten, die den Text auflockern.
Wie viel Arbeit tatsächlich drinsteckt, erzählt Schwerdtfeger selbst auf Instagram. Ursprünglich hatte er dem Verlag ein ganz anderes Konzept vorgeschlagen: Kunst nach Themen zu sortieren, etwa Essen in der Kunst oder Tod in der Kunst. Nach einem Kapitel merkte er, dass sich das Prinzip schnell abnutzt. Also warf er alles über den Haufen und begann noch einmal von vorn – diesmal mit dem Epochen-Überblick, den es jetzt gibt. Recherchiert hat er in der Bibliothek oder manchmal auch Backstage vor seinen eigenen Shows, immer mit der Sorge, ob sich das Pensum überhaupt ausgeht.
Wo waren die Künstlerinnen?
Im NDR-Interview erzählt Schwerdtfeger, wie bewusst er das angegangen ist. In jede Epoche wollte er mindestens eine, besser zwei Künstlerinnen einbauen – auch wenn er viele ihrer Namen vor der Recherche selbst nicht kannte. Sein eigenes Studium, sagt er, habe oft den Eindruck vermittelt, Kunstgeschichte bestehe fast nur aus Männern. Der Grund dafür ist strukturell. Frauen hatten keinen Zugang zu Akademien und mussten sich teuren Privatunterricht leisten. Öffentliche, gut bezahlte Aufträge bekamen sie kaum. Ihnen wurde, so Schwerdtfeger, das große Genie grundsätzlich abgesprochen. Viele beschränkten sich deshalb auf kleinere Formate wie Stillleben.
Interessant findet er aber auch die Kehrseite: Weil der Markt Künstlerinnen keine feste Marke zugestand, waren sie oft experimentierfreudiger als ihre männlichen Kollegen. Ein Beispiel, das er selbst gern erzählt: Die Malerin Rosa Bonheur verkleidete sich Mitte des 19. Jahrhunderts als Mann, um auf Viehmärkten Tiere studieren zu können. Für die Hose, die sie dabei trug, brauchte sie eine offizielle Erlaubnis der Polizei.
Wer ist Jakob Schwerdtfeger?
Jakob Schwerdtfeger, geboren 1988, kommt aus der Kunstwelt. Mehrere Jahre hat der Kunsthistoriker im Frankfurter Städel-Museum gearbeitet. Ein Digitorial über Monet, an dem er mitgewirkt hat, wurde später mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Seit 2012 steht er auch auf der Bühne, aktuell mit seinem Programm ›Meisterwerk‹. Für den Kunstpalast Düsseldorf moderiert er die Videoreihe ›Kunstklick‹, für die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe den Podcast ›Kunstsnack‹. Seine kurzen Kunstvideos werden auf Social Media millionenfach angeschaut. Schwerdtfeger lebt in Frankfurt am Main. Sein erstes Buch, ›Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst‹, haben wir 2023 hier rezensiert.
Fazit
Schwerdtfeger schafft, woran viele Überblickswerke scheitern: Er macht 1000 Jahre Kunstgeschichte lesbar, ohne sie zu verflachen. Wer sich auf den Plauderton einlässt, merkt schnell, dass dahinter ein fundiertes Studium steckt. Man geht mit einem Museumsbesuch im Kopf aus dem Buch. Genau das war die Ausgangsfrage: Wie wird aus einem Betrachter ein Mitmacher? Bei diesem Buch klappt es.

Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht.
von Jakob Schwerdtfeger
dtv Verlag
272 Seiten, Deutsch, gebundene Ausgabe
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