Eine Hütte, ein Baum, die Wand eines Kamins, alles in körnigem Grau – so sieht der Blick aus dem Arbeitszimmer des französischen Erfinders Joseph Nicéphore Niépce aus. Dass man das heute noch weiß und sogar sehen kann, ist alles andere als selbstverständlich. Das Bild, das Niépce 1826 mit einer Camera obscura fotografiert hat, gilt als eines der ältesten erhaltenen Fotos der Welt.

Das Jubiläum nimmt das Fotohaus C/O Berlin zum Anlass, an die 200-jährige Geschichte der Fotografie zu erinnern. Und zwar mit einer ganztägigen Veranstaltung, bei der auch über das andere Ende des Zeitstrahls gesprochen wird: über KI-generierte Bilder.

C/O Berlin hat mit der australischen KI-Professorin und vielfach ausgestellten Künstlerin Kate Crawford eine profilierte Wissenschaftlerin eingeladen. Sie forscht an der University of Southern California, berät nationale Gremien in Sachen KI und veröffentlichte mit „Atlas of AI“ einen Bestseller, in dem sie die materiellen, politischen und ökologischen Auswirkungen von KI untersucht. Für ihre Recherchen besuchte sie unter anderem Lithiumminen und vollautomatisierte Arbeitsstätten. Die materiellen Seiten der Künstlichen Intelligenz bleiben den Nutzern von KI-Modellen im Alltag oft verborgen.

Ökologische Auswirkungen der KI

In ihrer Keynote „The Metabolic Logic of AI Slop“ wird Crawford über „KI-Müll“ sprechen, der in Form von automatisch erzeugten Posts und Bildern das Internet flutet. Auf Basis von menschengenerierten Bildern und menschlichem Wissen und mithilfe energieintensiver Rechenprozesse wird synthetischer Content produziert, der laut Crawford zunehmend in das Training künftiger KI-Modelle einfließt. Die Datenmaschine produziert unaufhörlich auf Kosten endlicher Ressourcen.

Endangered Gestures, 2026, Videostill, 5 Min.

 

© Bruce Eesly

Mit dem Rohstoffverbrauch und den problematischen Seiten der Künstlichen Intelligenz beschäftigt sich auch Bruce Eesly in seiner künstlerischen Arbeit. Eesly, Jahrgang 1984, lebt in Berlin, begann als Kommunikationsdesigner, fotografiert in der Regel analog und arbeitet oft mit Archivmaterial. Seit einiger Zeit nutzt er auch generative KI.

In einem Workshop, den er für Künstler und Wissenschaftler gibt, stellt er Beispiele für kritische und subversive KI-Nutzung vor. Eines der Beispiele zeigt ein Sprachmodell, das auf einem solarbetriebenen Rechner läuft und nur dann ein Gedicht produziert, wenn die Sonne scheint. In anderen Beispielen arbeiten Künstler der Verzerrung von KI-Modellen entgegen oder richten Gesichtsüberwachung auch gegen die Überwacher. Wie effektiv Widerstand in diesen Formen sein kann, will Eesly im Workshop diskutieren.

Das subversive Potenzial von KI

Im Kurzfilm-Programm, das bis 23 Uhr zu sehen ist, läuft auch ein Film von ihm: „Endangered Gestures“. Eesly hat für dieses Projekt, das auch in Buchform existiert, von einer KI Handgesten erstellen lassen. Und zwar als Symbole für Begriffe, die seit März 2025 von Bundesbehörden in den USA aus offiziellen Dokumenten und von Websites entfernt werden. Das sind Worte wie „Diversity“ oder „Solidarity“, aber auch „sicheres Trinkwasser“ oder „mentale Gesundheit“.

Die Veranstaltung

Sa 22.8., „200 years and Counting“, C/O Berlin, Hardenbergstr., 12 – 23:59 Uhr. Die Teilnahme für die Workshops und Veranstaltungen ist kostenfrei / ein gültiges Ausstellungsticket (15/8 Euro) für den 22. August ist aber erforderlich, inkl. Registrierung für den gewünschten Programmpunkt. Zum vollständigen Programm: co-berlin.org

„Für mich liest sich ein Großteil der zensierten Wörter wie eine Wunschliste für eine Gesellschaft, in der ich leben möchte“, sagt der Künstler. Um die ideologisch aussortierten Begriffe zu rehabilitieren, wies er die KI an, auf Basis von Textprompts Handgesten dafür zu erstellen. Damit berührt er zwei umkämpfte Gebiete. Sprache und die Bedeutung von Gesten, die inzwischen ebenfalls umkämpft ist – etwa das OK-Zeichen, das im Netz von Rechtsextremen vereinnahmt wurde.

Anlässlich der Jubiläumsfeier wird Fotograf Maximilian Zeitler mit einer historischen Plattenkamera bereitstehen und Gäste auf Wunsch porträtieren. Beim Nassplatten-Kollodiumverfahren wird jede Platte von Hand beschichtet, belichtet und direkt vor Ort entwickelt. Man muss nur etwas Zeit mitbringen.

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Auch Kurzführungen durch die aktuellen Ausstellungen wird es geben. Im Moment sind die Langzeitstudien, surrealen Collagen, Fotoexperimente und Porträts von Walter Schels zu sehen, der von seinen Protagonist:innen nicht nur prägnante Schwarz-Weiß-Porträts angefertigt, sondern auch Interviews mit ihnen geführt hat.

Da gibt es etwa Berichte von trans Jugendlichen, die offen über ihr Leben und die Veränderungen ihrer Körper erzählen. In der zweiten Ausstellung „The Lure of the Image“ wird die Wirkung digitaler, bewegter Bilder und deren Verbreitung analysiert. Das Schauen ist eine Lust, die den meisten nicht so schnell vergeht. Vom Algorithmus orchestriert, kann es aber auch zur Last werden – wenn man nicht mehr wegsehen kann.