Kommt Großraumdiskobesuchern der 90er bekannt vor: Gefühlt jeder zweite Clip auf Instagram zeigt aktuell Menschen, die zu „Movin‘ To The Sun“ des französischen DJs Hugel ekstatisch tanzen.

Man muss nicht schon zigmal im Leben in Clubs namens „Hï“ oder „Ushuaïa“ auf Ibiza gewesen sein oder sich überhaupt nur für elektronische Musik interessieren, um im Sommer 2026 an einem sanften Riesen mit rotem Vollbart in Kontakt zu kommen, der dort sehr häufig auftritt. Einen Franzosen namens Florent Hugel, der mit wunderbar weichem Accent seine englischen Ansagen macht, stets eine Armada von Frauen hinter sich und seinem DJ-Pult versammelt hat, die „Let’s Dance“-Juror Jorge Gonzalez zuverlässig ekstatisch als „Chicas“ bezeichnen würde und dessen Sonnenbrille auch abends wie festgewachsen auf der Nase scheint.

Es genügt bereits ein Instagram-Account, und egal, ob man nun Reels von Hollywoodstars, Models, „Mumfluencern“, die mit ihren Kids durch die Wohnung toben, Shuffle-Tutorials-Machern oder einfach Normalos (meist Frauen), die mit einem Tänzchen den Sommer, ihren Urlaub oder einfach ihr Gutdraufsein feiern wollen: Sie alle haben gemeinsam, dass sie ihre Message, ihr Tänzchen vor der Handykamera mit dem Track „Movin’ To The Sun“ von DJ Hugel unterlegen.

Der Song ist der Überraschungs-Gute-Laune-Sommerhit des Jahres 2026 – und hat es in den vergangenen Wochen, vor allem durch seine Präsenz auf Social Media, aus dem engeren Kreis der elektronischen Clubmusik heraus geschafft. „Movin’ To The Sun“ ist seit Wochen abwechselnd auf den Plätzen 1, 2 oder 3 der britischen Top-40-Charts etwa, es ist der erste Nummer-eins-Hit für Hugel, wie er begeistert auf seinem Insta-Account kommentiert, auf den Toppositionen weltweiter Dancefloorcharts ist der Track sowieso.

Um die Erfolgswelle zu messen, auf der der französische DJ aktuell reitet, muss man sich nur den 2. August 2026 anschauen. An dem Tag waren „Movin’ To The Sun“ und sein Song „Jamaican“ die beiden meistgesuchten Songs in der App Shazam, mit der man die Titel von Songs ermitteln kann, die man irgendwo hört. „Movin’ To The Sun“ ist der Hit des Sommers, den keiner kennt.

Hugel selbst ist zwar schon länger ein immer größer werdender Stern am DJ- und Produzenten-Himmel, hat etwa mit seinem Jugendidol David Guetta den Track „Shine“ produziert, ist auch schon länger „Resident“ in Clubs wie eben dem „Hi“ auf der weltwichtigsten Partyinsel Ibiza, aber hat erst Ende Mai sein erstes Album mit dem Titel „21“ herausgebracht – ohne eine große Plattenfirma. Hugel, der eine interessante Mischung aus klassischer House Music, Latino- und Afro-Roots und Discovibes zusammenmixt, ist immer noch in einer Phase seiner Karriere, in der er, sehr sympathisch, selbst oft geflasht ist, wenn er die Billboards mit Ankündigung des eigenen Auftritts sieht und sie aus dem Auto mit dem Handy filmt.

Dass dieser eine Song so mainstreamtauglich ist und generationenübergreifend funktioniert, liegt neben dem einschmeichelnden, groovigen Storytelling und dem ungefilterten Optimismus, der passend zum Hitzesommer 2026 die Sonne uneingeschränkt feiert, vor allem an der Stimme, die den Song trägt und mit Starkstrom versorgt. Sie stammt von Ultra Nate, Sängerin aus Baltimore, einer Legende der souligen Housemusik, spätestens seit dem Song „Free“ von 1997, den auch alle Älteren noch kennen, die damals in einer deutschen Großraumdisco ihre Samstagabende verbrachten.

Hugel lernte sie auf Ibiza kennen und produzierte daraufhin einen Remix ihres Hits „Free“. Dritte und Unsichtbare im Bunde ist eine Deephouse-Produzentin, die sich Imael Angel nennt – und sozusagen die spirituell-esoterische Urversion des Songs schrieb (und mit Hilfe von künstlicher Intelligenz auch produzierte). Diese stellte sie dem Franzosen zur Verfügung, der wiederum Ultra Nate anrief, die gerade zu Hause war, ihr davon erzählte, die Grundidee schickte. Sie sang die Vocals ein, die Hugel wiederum zu „Movin’ To The Sun“ arrangierte. Weltpremiere feierte der Track am 10. April bei Hugels Auftritt auf dem Coachella Festival in Kalifornien, offiziell veröffentlicht wurde er Ende Mai, in Deutschland etwa war „Movin’ To The Sun“ am 10. Juli erstmals auf Platz eins der Dancefloorcharts, aktuell befindet es sich auf Platz zwei der deutschen Gesamtcharts.

Sie werde oft gefragt, was sie da genau singe, sagte Ultra Nate kürzlich in einem Podcast: „Ich kann es gar nicht genau sagen. Es ist eher ein Scat, aber elektronisiert.“ Ein Silbenstakkato, eine Hymne an die wärmende (nicht vernichtende) Sonne, eine Woge des Optimismus, perfekt arrangiert von treibenden Kickdrums, melodischen Bassmustern, knackigen Percussions und eben jener souligen Sirenenstimme, die in einem Loop mündet – der wirklich jeden, in dem noch ein Funken Leben ist, zucken lässt.

Der Song des Sommers. Knappe drei Minuten, die direkt in die Beine und Arme fahren und vergessen lassen, dass es noch anderes gibt als Wärme, Freiheit, Urlaub, Liebe.

Wie heißt noch das höchste Lob des Berliners: Da kannste nicht meckern.