Klaus Hänsch gehörte zu jener Generation von Europäern, für die die Einigung unseres Kontinents nie selbstverständlich war. Dreißig Jahre lang war er Mitglied des Europäischen Parlaments, von 1994 bis 1997 dessen Präsident. Er war ein überzeugter Verfechter der europäischen Einigung und des Fortschritts, blieb dabei seiner Wahlheimat Nordrhein-Westfalen eng verbunden und setzte sich für Deutschlands Platz im Herzen Europas ein. In einer Zeit tiefgreifender Veränderungen führte er das Europäische Parlament mit festen Prinzipien, politischem Gespür und ruhiger Entschlossenheit durch entscheidende Jahre, die unser Europa bis heute prägen.

Fluchterfahrung prägte seinen Europagedanken

In Kriegszeiten geboren und bereits mit sieben Jahren aus seiner Heimat vertrieben, erlebte Klaus früh, was es bedeutet, wenn Europa durch Grenzen geteilt und von Konflikten zerrissen ist. Später erzählte er oft von einer Ostseemündung, durch deren Wasser die deutsch-dänische Grenze verlief – und von der absurden Erfahrung, nicht einfach auf die andere Seite schwimmen zu dürfen. Diese Erinnerung begleitete ihn. Sein politisches Leben lang arbeitete er für ein Europa, in dem Grenzen an Bedeutung verlieren und eine gemeinsame europäische Identität wachsen kann – nicht aus Gleichförmigkeit, sondern, wie er selbst sagte, aus Einheit.

Klaus wusste zugleich: Europa beginnt vor Ort. Nordrhein-Westfalen blieb ihm ein Leben lang eng verbunden. Hier engagierte er sich politisch, hier lehrte er, hier suchte er den direkten Austausch mit den Menschen. Er war Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Mettmann, arbeitete viele Jahre mit dem damaligen nordrhein-westfälischen Wissenschaftsminister und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau zusammen und lehrte fast drei Jahrzehnte als Honorarprofessor an der Universität Duisburg. Auch auf nationaler Ebene setzte er sich dafür ein, Barrieren abzubauen und die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zu vertiefen.

Diese Erfahrungen nahm er mit nach Europa. Als Abgeordneter und später als Präsident des Europäischen Parlaments arbeitete er dafür, Europa den Bürgerinnen und Bürgern näherzubringen. Für ihn war das Parlament weit mehr als eine Institution in Brüssel oder Straßburg. Es war der Ort, an dem Europas Bürgerinnen und Bürger eine gemeinsame demokratische Stimme erhalten – und an dem aus Zusammenarbeit politischer Fortschritt entstehen kann.

Hänsch ebnete Wege für Europa

Klaus bezeichnete sich selbst als Anhänger eines „mutigen Realismus“. Das traf ihn gut. Er wusste, dass Europa sich verändern muss, wenn sich die Welt verändert. Er gehörte zu den überzeugten Befürwortern einer gemeinsamen Währung und half mit, den Weg für den Euro zu ebnen. Ebenso setzte er sich nachdrücklich für die Erweiterung der Europäischen Union ein. Die große Erweiterung von 2004 bezeichnete er als „Europas Rückkehr zu sich selbst“.

Gerade heute hat dieser Gedanke neue Aktualität. Wieder verändert sich die geopolitische Ordnung. Wieder steht Europa vor grundlegenden Entscheidungen über seine Sicherheit, seine Stärke und seine künftige Erweiterung. Klaus verstand Europa nie als vollendetes Projekt. Für ihn musste jede Generation aufs Neue entscheiden, wie sie die europäische Einigung weiterträgt.

Ich hatte das Privileg, Klaus noch im Juni dieses Jahres bei seinem Besuch im Europäischen Parlament willkommen zu heißen. Diese Begegnung wird mir in besonderer Erinnerung bleiben. Auch viele seiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen werden seine Klugheit, seine Überzeugungskraft und seine tiefe Verbundenheit mit Europa vermissen.

Sein Lebenswerk verpflichtet Europa

Sein Weg führte ihn von Nordrhein-Westfalen bis an die Spitze des Europäischen Parlaments. Sein politisches Lebenswerk half dabei, jene Grenzen abzubauen, die ihn schon als jungen Menschen so sehr beschäftigt hatten. Nun liegt es an uns, dieses Werk weiterzuführen – und gemeinsam an einem Europa zu bauen, das verbindet, schützt und auch kommenden Generationen Hoffnung gibt.