Die Weizenpreise klettern auf den höchsten Stand seit drei Jahren, während Angriffe auf Häfen am Schwarzen Meer die weltweite Versorgung gefährden. Kann Putin dennoch die Schwäche der europäischen Erzeuger ausnutzen?

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine hat den globalen Getreidemarkt erneut in Aufruhr versetzt. Weizen-Futures sind nahezu auf ein Dreijahreshoch gestiegen, nachdem beide Kriegsparteien ihre Angriffe auf die Hafeninfrastruktur des jeweils anderen stark ausgeweitet haben.

Zugleich schlägt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, Alarm – allerdings mit einer ganz anderen Stoßrichtung: Nicht die Zerstörung von Exportkapazitäten sei das Hauptproblem für deutsche Landwirte, sondern Moskaus gezielte Preispolitik auf dem Weltmarkt.

Schwarzmeerhäfen unter Beschuss – Exporte brechen ein

Wie die „Financial Times“ berichtet, haben russische Raketenangriffe auf Odessa und weitere ukrainische Schwarzmeerhäfen den Schiffsverkehr nahezu zum Erliegen gebracht – und das ausgerechnet zu Beginn der Haupterntezeit. Die ukrainischen Getreideexporte seien im laufenden Monat um rund 75 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum eingebrochen. Gleichzeitig habe ein ukrainischer Angriff auf den russischen Hafen Noworossijsk alle drei großen Getreideterminals dort lahmgelegt.

„Es ist schlimmer für den Weizenmarkt als die Hormus-Krise für den Ölmarkt war“, sagte Andrej Sizow, Geschäftsführer des auf Schwarzmeer-Agrarmärkte spezialisierten Analysehauses SovEcon. Russlands Exportkapazität in der Schwarzmeer- und Asow-Region sei von monatlich 3,3 Millionen Tonnen auf etwa 250.000 Tonnen geschrumpft.

Bis zu 86 Millionen Tonnen Getreide betroffen

Die Dimension der Störung ist enorm: Russland und die Ukraine liefern zusammen rund 30 Prozent des weltweit benötigten Weizens. Laut Berechnungen des Beratungsunternehmens Oxford Economics, auf die sich die „Financial Times“ bezieht, könnten in diesem Jahr bis zu 86 Millionen Tonnen Getreide – etwa 17 Prozent der globalen Getreideexporte – von den Ausfällen betroffen sein. Alternative Transportwege für die Ukraine über die Donau und die Schiene könnten demnach lediglich rund 17 Millionen Tonnen ersetzen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die extreme Sommerhitze und geringer Niederschlag den Wasserstand der Donau gesenkt hat, was die Frachtkapazitäten zusätzlich einschränkt. Zudem griff Russland vergangene Woche auch Izmail an, den wichtigsten ukrainischen Exporthafen für Getreide an der Donau. Oxford Economics prognostiziert einen Anstieg der globalen Lebensmittelpreise um 11,8 Prozent in diesem Jahr.

Rukwied: „Putin nutzt Weizen als strategische Waffe“

Während die internationalen Märkte auf die Hafenzerstörungen reagieren, richtet Bauernverbandspräsident Rukwied den Blick auf eine andere Facette russischer Getreidepolitik. In der „Bild“ erklärte er: „Putin nutzt Weizen als strategische Waffe gegen Deutschland, gegen Europa und die USA.“ Russland habe drei Jahre in Folge überdurchschnittlich gute Weizenernten eingefahren und entsprechend volle Lager aufgebaut. Diese Überschüsse würden nun zu niedrigen Preisen auf den Weltmarkt geworfen, um die westliche Landwirtschaft gezielt zu schwächen.

„Ist der Preis am Weltmarkt niedrig, verdienen unsere Bauern nichts“, sagte Rukwied der „Bild“. Tatsächlich liege das aktuelle Preisniveau zwar nicht am Boden, aber deutlich unter dem der Vorjahre – mit fallender Tendenz. Der Widerspruch zur aktuellen Preisentwicklung an den Terminmärkten, die durch die Angriffe nach oben getrieben wird, verdeutlicht die Komplexität der Lage: Kurzfristig steigen die Futures, doch die strukturelle Preispolitik Moskaus belastet die Erzeuger seit Jahren.

Deutsche Ernte enttäuscht – Kosten explodieren

Die Warnung des Bauernpräsidenten fällt in eine ohnehin prekäre Phase für die deutsche Landwirtschaft. Hitze und Trockenheit haben die diesjährige Ernte erheblich geschmälert. Der Bauernverband rechnet mit einer Getreideernte von 41,9 Millionen Tonnen – sieben Prozent weniger als im Vorjahr und 1,4 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Der Hektarertrag sank um neun Prozent auf 68,9 Doppelzentner, beim Raps brach er sogar um 20 Prozent ein. Ein zu trockenes Frühjahr und die Hitzewelle im Juni hatten vielerorts zur sogenannten Notreife geführt, bei der die Körner klein bleiben.

Besonders hart traf es Betriebe in Süd- und Westdeutschland. Dort hätten fehlende Niederschläge teilweise zu regelrechten Missernten geführt, auch bei Kartoffeln und Zuckerrüben wird mit Ertragsausfällen gerechnet. Parallel dazu seien die Kosten für Treibstoff, Dünger und Pflanzenschutzmittel massiv gestiegen. „Viele haben finanzielle Engpässe“, sagte Rukwied in der „Bild“. Manche Betriebe stünden vor der Frage, ob sie die nächste Ernte überhaupt noch finanzieren könnten.

Forderungen an die Bundesregierung

Rukwied forderte ein entschlossenes Eingreifen der Politik. „Ernährungssicherheit ist so wichtig wie Verteidigungsfähigkeit“, mahnte er in der „Bild“. Konkret verlangt er unter anderem eine Senkung der Dieselsteuer und eine Aufstockung des EU-Düngemittelhilfspakets von 60 auf 180 Millionen Euro. Zudem müssten die im Koalitionsvertrag vereinbarte Risikoausgleichsrücklage endlich umgesetzt und die EU-Direktzahlungen zu 80 Prozent bereits im Oktober ausgezahlt werden.

Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) reagierte zurückhaltend und verwies darauf, dass zunächst belastbare Daten nötig seien. Die Regierung habe die Folgen der Dürre aber „genau im Auge“ und wolle „passgenaue Hilfen anbieten“. Die Grünen-Politikerin Julia Verlinden kritisierte hingegen, Rukwieds Forderungen gingen am eigentlichen Problem vorbei. Sie schlug stattdessen ein Programm „klimafeste Böden“ vor, um die Wasseraufnahme und Speicherfähigkeit der Böden zu verbessern.

Experten warnen vor Unterschätzung der Krise

Auf den internationalen Märkten mehren sich unterdessen die Stimmen, die vor einer Verharmlosung der Lage warnen. Die Agrarforschungsgruppe BMI hatte bereits vor dem jüngsten Angriff auf Noworossijsk kritisiert, der Markt preise „relativ wenig nachhaltige Störungen“ ein – eine Einschätzung, die BMI als „fehlgeleitet“ bezeichnete.

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SovEcon-Chef Sizow sieht das ähnlich: „Rohstoffhändler glauben nicht mehr an Angebotsschocks“, sagte er der „Financial Times“. Seit 2022 habe sich die Überzeugung durchgesetzt, dass alle Probleme am Schwarzen Meer vorübergehend seien. Doch genau das könnte sich als Irrtum erweisen. „Je länger das andauert, desto größer werden die Konsequenzen“, warnte Sizov – zumal es keinerlei Anzeichen für eine Deeskalation gebe.

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Was Rukwieds Befürchtungen angeht, Russland könnte die deutsche und europäische Schwäche im Getreideanbau nutzen, wird durch die schwierige Lage im Schwarzen Meer ein wenig entkräftet. Sowohl Russland als auch die Ukraine haben Probleme ihre Ernte auf dem Weltmarkt anzubieten. Für die Verbraucher wird es wohl egal sein, ob die Preise im Supermarktregal aufgrund der Dürre oder des Ukrainekrieges steigen – aber steigen werden sie mit ziemlicher Sicherheit. (red)

Verwendete Quellen