Russland und die USA werfen Annalena Baerbock vor, sich als Präsidentin der UN-Generalversammlung bei der Auswahl des nächsten UN-Generalsekretärs in Kompetenzen des Sicherheitsrats eingemischt zu haben.
Russland sei besorgt „über die Rolle, die sich die Präsidentin der Generalversammlung selbst zuzuschreiben versucht“, sagte der russische UN‑Botschafter Wassili Nebensja in New York. Damit schloss er sich einer Kritik vom Vortag aus den USA an, in der Baerbock unter anderem „Heuchelei“ unterstellt wurde.
Hintergrund ist Baerbocks Rolle im Auswahlverfahren für die Nachfolge von UN-Generalsekretär António Guterres. Die Grünen-Politikerin hat mehrfach erklärt, sich für ein „transparentes, inklusives, strukturiertes, rechtzeitiges und glaubwürdiges“ Auswahlverfahren einzusetzen.
Das Vorgehen der Präsidentin offenbart eine Heuchelei und wirft insgesamt ein schlechtes Licht auf die Arbeit der Generalversammlung.
US-Botschafterin Jennifer Locetta
Die entscheidende Empfehlung über den Posten liegt beim UN-Sicherheitsrat, der sich in nicht öffentlichen Abstimmungen auf einen Kandidaten oder eine Kandidatin verständigt, der oder die dann von der Generalversammlung der 193 Mitgliedsländer ernannt wird. António Guterres scheidet zum Ende des Jahres aus dem Amt. Derzeit gibt es acht Bewerber auf den Posten.
USA: Baerbock sieht sich als „diplomatischen Superstar“
Vor dem Hintergrund hat Baerbock – wie seit einigen Jahren üblich – etwa öffentliche Befragungen der Kandidaten organisiert sowie Schreiben an den Sicherheitsrat zum Auswahlverfahren verfasst. Bei der Veranstaltung hatte das Publikum dann über die Kandidaten abgestimmt. Laut Diplomaten war das erstmalig so. Zudem hatte sie den Sicherheitsrat gebeten, keine Kandidaten zu berücksichtigen, die nicht zuvor an einem Dialog mit der Generalversammlung teilgenommen haben.
US-Botschafterin Jennifer Locetta bezeichnete das Vorgehen als „Kompetenzüberschreitung“ und „unverantwortlich“. Sie pochte darauf, dass der Sicherheitsrat – zu dessen ständigen Mitgliedern die USA und Russland zählen – auch Kandidaten berücksichtigen könne, „die nie an einem Dialog der Generalversammlung teilgenommen haben“.
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Baerbock sehe sich als „diplomatischen Superstar“ und habe dem Sicherheitsrat indirekt vorgeworfen, nicht ordnungsgemäß zu handeln. „Das Vorgehen der Präsidentin offenbart eine Heuchelei und wirft insgesamt ein schlechtes Licht auf die Arbeit der Generalversammlung“, kritisierte Locetta.
Baerbock lehnt Kandidatur als Guterres-Nachfolgerin ab
Baerbock bekleidet das einjährige Amt als Präsidentin der Generalversammlung noch bis Anfang September. Jüngst machte sie sich öffentlich dafür stark, erstmals in der 81-jährigen Geschichte der UNO eine Frau für den Generalsekretärsposten zu wählen. Eine eigene Kandidatur lehnte Baerbock allerdings ab. Denn dieses Mal erhebt Lateinamerika den Anspruch auf das Amt. Grundlage ist ein geografisches Rotationsprinzip, das allerdings in der Vergangenheit bei der UNO nicht immer eingehalten wurde.
Archivbild. Annalena Baerbock und António Guterres bei einer Sitzung der UN-Generalversammlung am 2. Juni 2026.
© dpa/Michael Kappeler
Nach einer ersten Abstimmung über die Guterres-Nachfolge, die Ende Juni in New York stattfand, lag Diplomaten zufolge die Costa Ricanerin Rebeca Grynspan vorn. Auf Platz zwei kam eine Kandidatin aus dem Karibikstaat Guyana.
Die 70-jährige Grynspan hat sich bei den Vereinten Nationen bereits einen Namen gemacht: Die frühere Vizepräsidentin von Costa Rica leitet die UN-Organisation für Handel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf. Auf Platz zwei kam bei der Probeabstimmung im UN-Sicherheitsrat die frühere Außenministerin von Guayana, Carolyn Rodrigues-Birkett. Auf dem dritten Platz landete ein Mann aus Argentinien: der Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi.
Insgesamt vier Frauen und drei Männer bewerben sich um die Nachfolge des Portugiesen Guterres, der den Posten des UN-Generalsekretärs zum Jahresende nach zehn Jahren abgibt. Im Rennen sind auch die frühere chilenische Präsidentin Michelle Bachelet und der ehemalige Präsident des Senegal, Macky Sall.
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Eine weitere Bewerberin aus Lateinamerika ist die frühere Präsidentin der UN-Vollversammlung, María Fernanda Espinosa aus Ecuador. Der ostafrikanische Staat Uganda hatte kurzfristig den früheren Präsidentschaftskandidaten Olara Otunnu nachnominiert (dpa, AFP)