Der gemeine Grazer Passant wird bei diesem Anblick stutzig: Da steht ein Mann neben dem Stadtpark und hält ein überdimensionales „Lineal“ an einen Baumstamm. Was dahintersteckt – tausendfach in Graz.

Nach Jahrzehnten im Dienst kann Robert Grill fast nichts mehr überraschen. Auch von Reportern ist der Baumexperte bei der Holding Graz schon wiederholt angesprochen worden – nur halt nicht so aus dem Hinterhalt, ohne Vorwarnung und mitten bei der Arbeit. Aber weil Letztere doch einen ungewöhnlichen Anblick hergibt, bremst man als Passant ein. Und Grill erklärt spontan, warum er dieses überdimensionale „Lineal“ an den Stamm eines Baums drückt. Und dass er die Kastanie leicht verletzt, um ihr so zu helfen.

An diesem Morgen ist Grill zur Erzherzog-Johann-Allee ausgerückt. Direkt gegenüber vom Café Promenade ist es eine Melange aus Erfahrung und Technik, die der Experte der Holding-Stadtraumabteilung anwendet – bei einem vermeintlich kranken Baum: Weil die Kastanie vor ihm ganz deutlich eine längliche faule Stelle aufweist ( „Das hat hier aber nichts mit der Hitze der vergangenen Wochen zu tun“), wurde Grill um eine genaue Inspektion gebeten. Von einem Kollegen, der im Schritt davor einen Schwung an Grazer Gewächsen unter die Lupe nahm.

Begutachtung vor Ort

Immerhin 30.000 Exemplare betreut die Holding Graz, dabei handelt es sich in 21.500 Fällen um alleinstehende Bäume, der Rest geht als gebüschartige „Bestandsfläche“ durch. „Und einmal im Jahr wird jeder dieser alleinstehenden Bäume von einem Fachmann visuell begutachtet, also direkt vor Ort vom Boden aus“, betont Gerald Zaczek-Pichler, Sprecher der Holding Graz. Entdeckt dieser ein krankes oder zumindest kränkelndes Exemplar, bringt er eine Detailuntersuchung ins Rollen – und auch Robert Grill auf den Weg.

Mithilfe einer Nadel und dieser Anzeige kann man quasi ins Innere des Baumes schauen © Michael SariaMithilfe einer Nadel und dieser Anzeige kann man quasi ins Innere des Baumes schauen

Man muss es zugeben, mit einer solchen Nadel verletzen wir den Baum ein wenig, aber im Normalfall verheilt eine solche Wunde wieder komplett.

— Robert Grill, über die „Bohrwiderstandsmessung“

So wie an diesem Morgen in der Erzherzog-Johann-Allee: Das vermeintliche Riesenlineal, das Grill bedient, ist in Wahrheit ein spezielles Werkzeug für eine „Bohrwiderstandsmessung“. Dabei wird eine dünne Nadel (meist 1,5 bis 3 mm im Durchmesser) sukzessive ins Innere eines Baums getrieben – um anhand des Kraftaufwands sowie des Widerstands einen Blick ins Innere zu ermöglichen. In Sachen Fäule, Hohlräume und Restwandstärke. „Man muss es zugeben, mit einer solchen Nadel verletzen wir den Baum ein wenig, aber im Normalfall verheilt eine solche Wunde wieder komplett“, so Grill.

Fällung und Nachpflanzung

Zusätzlich gibt es noch die Möglichkeit, ein Gehölz per Schall oder Zugversuch auf Herz und Nieren und Krone zu testen – „der Zugversuch ist aber mit Abstand die teuerste Methode. Und die Bohrwiderstandsmessung die gängigste und einfachste“. Stellt man tatsächlich eine Krankheit oder einen Schaden fest, versuche man, den Baum zu retten, etwa durch das Stabilisieren oder Zurückschneiden der Krone. Hilft alles nichts, muss der Baum gefällt werden: Im Vorjahr war das bei 413 Exemplaren der Fall, so Holding-Sprecher Zaczek-Pichler, „wenn irgendwie möglich, erfolgt aber eins zu eins eine Nachpflanzung“.

© Michael Saria

Auch in diesem Fall bei der Rosskastanie vor dem Café Promenade? Robert Grill schüttelt den Kopf: „Es schaut zum Glück nicht so schlimm aus wie gedacht.“

Mehr zu den Grazer BäumenBlick in die Eggenberger Alle, wo es derzeit aussieht wie im HerbstVisualisierung der Kaiserfeldgasse: Sie wird ab September 2026 zur „Grünen Meile“