So geisterhaft hat Berlin im Kino seit Christian Petzolds „Gespenster“ nicht mehr gewirkt. Manchmal scheint sich die Kamera regelrecht von den Figuren zu lösen, um auf eigene Faust die menschenleeren Räume zu erkunden. An den Rändern der Großstadt fällt es dem 1989 in München geborenen Regisseur Saša Vajda auch leicht, auf die üblichen Berlin-Klischees mit übertrieben ins Bild geschobenen Kreuzberg- oder Neukölln-Impressionen zu verzichten. So wenig nach Berlin wollte schon lange kein Berlin-Film mehr aussehen. Das Regiedebüt „The Lights, They Fall“ ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung im gegenwärtigen deutschen Kino.

Etwas magischen Realismus kann der 16-jährige Ilay (Mohammed Yassin Ben Majdouba) allerdings auch gebrauchen. Der Junge leidet unter Schlaflosigkeit, seit seine Mutter (Mahira Hakberdieva) im Sterben liegt. Er bewegt sich trotz seiner wuchtigen Erscheinung fast körperlos durch den Film, ist wortkarg und unnahbar, auch gegenüber seinen Kumpels, mit denen er nach der Arbeit am See oder vor seiner Wohnanlage herumhängt.

„Ich bin ein Geist“, erklärt er einer Sozialarbeiterin, die er wegen seiner psychischen Probleme aufsucht. Die mexikanische Palliativpflegerin Ana (Flor Prieto Catemaxca), die sich hauptsächlich um seine Mutter kümmert, versucht, ihm zu helfen, besorgt ihm Arzttermine. Aber braucht er wirklich Hilfe? „Stimmt nicht!“, antwortet Ilay, auf den langsamen Sterbeprozess seiner Mutter angesprochen. Er schafft sich seine eigene Realität, in der sich zunehmend auch der Film verliert.

Ikay fühlt sich, als wäre er nicht mehr in der Zeit

Vajda und sein Kameramann Tom Otte fangen diese Welt in porösen Bildern ein, deren fast schon dokumentarische Beiläufigkeit etwas Lyrisches besitzt. Einmal streift er nach einem nächtlichen Unwetter durch die Felder am Stadtrand, bis im Hintergrund die Lichter der umliegenden Hochhäuser in der Dunkelheit auftauchen. Weil Ilay den Kontakt zu seiner Umwelt innerlich bereits abgebrochen hat, spielt Zeit in „The Lights, They Fall“ keine tragende Rolle mehr.

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Im Geschäft eines Pfandleihers, den er aufsucht, hängen Uhren, die die Weltzeiten in Tokio und in Dubai anzeigen. Die Uhr unter dem Berlin-Schild fehlt. „Es ist so, als wäre ich nicht mehr in der Zeit“, erzählt Ilay später der Personalchefin im Logistikunternehmen, die ihm ebenfalls zu helfen versucht. So umkreist der Film in ruhigen Bewegungen seinen Protagonisten: bei Konflikten am Arbeitsplatz, in der ermatteten Auseinandersetzung mit seiner einzigen Bezugsperson Ana, in den Gesprächen mit seinen Freunden, hinter deren kraftstrotzenden Posen plötzlich eine Sensibilität hervorscheint.

Die Sprache der Jungen ist ungeformt und authentisch. Vor allem Srdjan (Safet Bajraj) entspricht so gar nicht dem Klischee von roher Männlichkeit, wenn er über ein Mädchen spricht, für das er sich interessiert. Ilay wiederum klaut den Hund seines Chefs vom Bau, weil der das Tier misshandelt. Jede Aktion in „The Lights, They Fall“ hat eine konkrete und eine metaphorische Bedeutung.

Der Film

The Lights, They Fall Deutschland 2026 Regie und Buch: Saša Vajda. Mit: Mohammed Yassin Ben Majdouba, Flor Prieto Catemaxca, Mahira Hakberdieva, Safet Bajraj, Solomon Guye, Mahir Özel. 87 Minuten. Jetzt im Kino

Vajda erzählt nicht mit großen Worten, sondern in feinen Nuancen von Stimmungen. Dass der Regisseur mit nicht-professionellen Darstellerinnen und Darstellern arbeitet, verleiht dem Film einen unaufgeregten Naturalismus. Er nähert sich Ilay in kleinen Alltagsepisoden, ohne eine psychologische Beziehung zu den Orten herzustellen, die sein Protagonist auf seinen Wegen streift.

Sie sind einfach da, markiert als flüchtige Orte am Rande der Gesellschaft, wo die prekäre Existenz, die „The Lights, They Fall“ beschreibt, immer wieder zum Antrieb für eine äußere Handlung wird: etwa die kleinen, offensichtlich krummen Geschäfte beim Pfandleiher. Ilay braucht Geld für die Behandlung seiner Mutter; seine Reflektiertheit und Empathie sind auch eine Folge dieser beschleunigten Adoleszenz. Ilay lebt außerhalb der Zeit, weil seine Jugend vorbei ist, bevor sie richtig begonnen hat.

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So ist „The Lights, They Fall“, gerade weil er auf Distanz zu seinen Figuren bleibt, das sensible Porträt eines schleichenden Abschieds. Und ein Eingeständnis des Tributs, das dieser Prozess von allen Betroffenen einfordert. Auch Ana hat private Probleme. In einer Suchtgruppe erzählt sie von ihrer eigenen Medikamentenabhängigkeit.

Der Job geht an die Substanz, körperlich, mental. Einmal erzählt sie von einem verstorbenen Patienten, der plötzlich wieder die Augen öffnete. Der schwebende Realismus von „The Lights, They Fall“ findet in solchen Momenten des Trosts Zuflucht in der Spiritualität, allerdings ganz ohne esoterische Anwandlungen. Er sucht sich einfach eine weniger schmerzhafte Wirklichkeit.