Die zweite Staffel von „Laverne & Shirley“ befand sich gerade in der Produktion, als Cindy „Shirley“ Williams an einer viralen Lungenentzündung erkrankte und die Macher der erfolgreichen ABC-Sitcom die Dreharbeiten für zwei Wochen unterbrechen mussten. „Man darf davon ausgehen, dass Cindy Blumen von The Fonz bekommen hat, seit sie im Krankenhaus liegt“, heißt es in einem Bericht von Shirley Eder, der am 22. Juli 1976 im „Colorado Springs Gazette-Telegraph“ erschien – und dabei auf recht merkwürdige Weise die Fantasiewelt des „Happy Days“-Universums mit der Realität vermischte. „Von einer Romanze weiß ich nichts, aber sie sind seit Jahren gute Freunde.“

Nachdem diese wichtige Neuigkeit aus dem Weg geräumt war, wandte sich Eder der Musikwelt zu. „The Rolling Stones werden das Knebworth Fair am 21. August als Headliner bestreiten, und 100.000 Fans werden erwartet bei diesem mittelalterlichen Festival 65 Kilometer von London entfernt“, schreibt sie. „Das gesamte Festival steht in diesem Jahr unter der Regie der Stones – einschließlich historischer Showeinlagen von Akrobatik bis hin zu Ritterturnieren.“

Das war auch schon alles, was Eders Unterhaltungskolumne über die Rolling Stones zu sagen hatte. Sie fuhr fort mit der Meldung, dass die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann Shirley MacLaine backstage im New Yorker Palace Theater „drei Pfund importierten Kaviar“ mitgebracht habe und dass für den Film „Earthquake“ von 1974 neues Material für eine dreistündige TV-Ausstrahlung gedreht werde – doch vieles ließ sie unerwähnt.

Keith Richards‘ dunkelste Stunden

Am bedeutsamsten: Keith Richards hatte am 6. Juni seinen zehn Tage alten Sohn Tara durch den plötzlichen Kindstod verloren. Nur wenige Wochen vor dieser Tragödie war der Gitarrist in London von der Polizei festgehalten worden, nachdem bei einem Autounfall Kokain in seinem Fahrzeug gefunden worden war. „Seitdem hat der ‚London Daily Mirror‘ berichtet, die Stones seien unwissende Kuriere eines Drogensyndikats gewesen“, hieß es in einem Bericht vom 15. Juli 1976 im ROLLING STONE. „Unter Schlagzeilen wie ‚Drug Smuggling Shock for the Stones‘ und ‚Cocaine Hidden in Pop Star’s Bentley‘ berichteten Artikel von dem Polizeiverdacht, dass Kokain und Cannabis in Kleidung, Schmuck und Ausrüstungsgegenständen versteckt worden seien, die die ‚ahnungslosen‘ Stones und ihr Gefolge während ihrer 36-tägigen Tour durch neun Länder mit sich führten.“

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Richards brachte irgendwie die Kraft auf, inmitten all dieses Chaos und Leids eine zermürbende Europatournee durchzuziehen – doch eine Stadiontour durch Amerika am Ende des Sommers war schlicht zu viel verlangt. Er brauchte dringend Zeit, um den Verlust von Tara zu verarbeiten und seinem wachsenden Drogenproblem zu begegnen.

Trotzdem beschloss die Band, ihren Plan für ein gigantisches Konzert in Knebworth, England, am 21. August durchzuziehen – mit 10cc, Lynyrd Skynyrd, Todd Rundgren und Hot Tuna als Special Guests. „Es könnte das unvergesslichste Rockfestival sein, das jemals in Großbritannien veranstaltet wurde“, hieß es in einem Bericht vom 19. August im „Belfast Telegraph“, der die Ausgaben des Isle-of-Wight-Festivals von 1969 und 1970 dabei offenbar außen vor ließ. „Die Stones werden wohl weiterhin Platten machen, und sie verlangen derzeit eine stattliche Summe für ihre Unterschrift unter einen Plattenvertrag – aber sie haben möglicherweise beschlossen, dass es nach 13 Jahren auf der Bühne an der Zeit ist, sich von Festivals und Konzerten zurückzuziehen. Jagger (33) sagt: ‚Ich würde es hassen zu denken, dass ich mit vierzig noch „Satisfaction“ singe.’“

Abschied oder Bluff?

Die absurde Vorstellung, die Stones würden nach dem Knebworth-Konzert aufhören, geisterte durch die gesamte britische Presse – höchstwahrscheinlich von Veranstaltern gestreut, die Tickets verkaufen wollten. „Einige Personen aus dem engsten Umfeld der Band sagen, dass dieses zwölfstündige Ereignis von solcher Größenordnung der Schwanengesang der Stones sein könnte“, stand am 21. August im „Leicester Mercury“. „Die Bühne wurde noch in den frühen Morgenstunden fertiggestellt – umgeben von Polyethylen-Lippen in Form des mittlerweile vertrauten Emblems, dem weit aufgerissenen Mund. Vor der Bühne erstreckt sich ein hundert Meter langer Laufsteg, den Mick Jagger während eines zweieinhalb Stunden dauernden Konzerts nutzen wird – möglicherweise seines längsten überhaupt.“

„Der Bau [der Bühne] soll etwa 100.000 Pfund gekostet haben“, heißt es im selben Artikel weiter. „Das zwölfstündige Popkonzert auf dem Herrensitz findet in einer Arena statt, die bis zu 200.000 Fans Platz bietet. Tausende von Besuchern – die rund 4,50 Pfund Eintritt zahlen – hatten sich bereits früh in Zelten, Tipis und improvisierten Übernachtungsunterkünften auf dem Gelände niedergelassen. Die bereits Campenden wurden gebeten, keine Kochfeuer zu entzünden, da Grasbrandgefahr bestehe.“

Wie die Stones sieben Jahre zuvor auf die harte Tour gelernt hatten, waren Grasbrände nicht die einzige mögliche Gefahr bei einem Festival dieser Größenordnung. Doch anders als Altamont wurde Knebworth über mehrere Monate geplant – nicht in wenigen Tagen. Zudem hatte das Festivalgelände bereits 1974 (Allman Brothers/Doobie Brothers/Van Morrison/Tim Buckley) und 1975 (Pink Floyd/Captain Beefheart/Monty Python/Steve Miller Band) Veranstaltungen beherbergt, die als Orientierungsrahmen dienten.

Hells Angels und Feldtoiletten

Das bedeutete nicht, dass alles reibungslos lief. „Die britische Armee kommt dem Rolling-Stones-Knebworth-Festival am 21. August zu Hilfe“, berichtete ein Artikel vom 2. August in der „Press-Telegram“, „indem sie sich bereit erklärt, 400 mobile Toiletten auf dem Gelände des Knebworth Estate aufzustellen.“

Am Morgen des Veranstaltungstages erschien im „The Daily Telegraph“ eine unheilvolle Meldung, die das Stones-Lager in helle Aufregung versetzt haben dürfte: „Hunderte von Hells Angels sollen auf dem Gelände eintreffen. Die Polizei kann bei Unruhen auf benachbarte Kräfte zurückgreifen, und alle Urlaube im Bezirk wurden gestrichen.“

Anders als in Altamont waren die Hells Angels diesmal ungebetene Gäste und keine inoffizielle Sicherheitstruppe. Ein kombiniertes Aufgebot aus staatlichen und privaten Ordnungskräften wurde auf dem Gelände eingesetzt, um die Ordnung zu wahren und eine Wiederholung von 1969 um jeden Preis zu verhindern – wenngleich Drogenkonsum offenbar niemanden sonderlich beunruhigte. „Es herrschte Jahrmarktsstimmung und die üblichen Schwaden von Marihuanarauch, aber die Polizei erklärte, bis zum frühen Abend keine Verhaftungen vorgenommen zu haben“, berichtete die „Monroe Morning World“ in einer Meldung, die mitten während der Show eingereicht wurde. „Marihuana, Haschisch und Pillen wurden offen auf dem Gelände verkauft, aber Organisationen, die sich um Drogenkonsumenten mit schlechten Trips kümmerten, sagten, die Nachfrage nach ihren Diensten sei gering gewesen.“

Die Stones sollten gegen 21 Uhr auf die Bühne, doch technische Probleme während des Tages verzögerten ihren Auftritt um mehr als zwei Stunden. In der Wartezeit lief der Mittelteil von Pink Floyds „Echoes“ in Dauerschleife, während Gerüchte die Runde machten, die Stones könnten absagen. Doch alles war vergessen, als sie die Bühne betraten und mit genau dem Song loslegten, den Jagger mit 40 nicht mehr singen wollte – mit 33 aber offenbar noch sehr gerne sang.

Eine historische Setlist

Es war ihre erste Live-Version von „Satisfaction“ seit 1972 und ein frühes Zeichen dafür, dass dies eine ganz andere Show werden würde als jene, mit der sie zuvor durch Nordamerika und Europa gezogen waren – auch wenn sie erneut von Pianist und Sänger Billy Preston sowie Perkussionist Ollie Brown begleitet wurden.

Die Überraschungen rissen nicht ab: erstmals seit 1966 spielten sie Chuck Berrys „Around and Around“, erstmals seit 1965 Willie Dixons „The Little Red Rooster“ und erstmals seit 1967 „Let’s Spend the Night Together“. Offiziell tourten sie zur Unterstützung von „Black and Blue“, spielten davon aber nur vier Songs („Fool to Cry“, „Hand of Fate“, „Hey Negrita“ und „Hot Stuff“) – um Platz für Klassiker wie „You Can’t Always Get What You Want“, „Tumbling Dice“, „Wild Horses“ und „Happy“ zu schaffen.

Gegen Ende übergab Jagger Preston das Mikrofon, damit dieser seine jüngsten Solohits „Nothing From Nothing“ und „Outa-Space“ spielen konnte, bevor die Nacht mit furiosen Versionen von „Midnight Rambler“, „It’s Only Rock ’n‘ Roll (But I Like It)“, „Brown Sugar“, „Rip This Joint“, „Jumpin‘ Jack Flash“ und „Street Fighting Man“ zu Ende ging. 28 Songs in zweieinhalb Stunden – einer der längsten Auftritte ihrer gesamten Karriere, der erst nach 2 Uhr morgens endete.

Beobachter von außen

Der „Sunday Telegraph“ schickte einen älteren Autor, Ronald Payne, als eine Art Anthropologen ins Feld. „Selbst ein gutes Infanterieregiment hätte bei solchen Bedingungen nach stundenlangem Warten in der Sonne gemeutert“, schreibt Payne. „Aber sie saßen da, die großen Bataillone des Pop in ihren Unisex-Uniformen aus Jeans und T-Shirts, scheinbar zufrieden. Den Hügel hinauf strömten immer neue Verstärkungen, Bierdosen und gelegentlich Fahnen in den Händen … Das alles hat etwas von einem Kinderkreuzzug, die jungen Menschen sehen so unschuldig aus und nehmen ihr Vergnügen so ernsthaft. Doch über ihnen donnerte die Musik, die ich nicht zu begreifen vermag, mit einem Dezibelwert, der das Dröhnen der Concorde wie das Surren eines Uhrwerks erscheinen ließ.“

(Gut, dass die Musik so laut war – denn irgendwo zwischen 150.000 und 250.000 Besucher waren anwesend, je nachdem, welcher Schätzung man glaubt, und es gab lediglich zwei Leinwände, die an die Bildqualität, die wir heute bei Konzerten gewohnt sind, nicht annähernd heranreichten – auch wenn sie für 1976 dem neuesten Stand der Technik entsprachen.)

Im „The Guardian“ verglich Autor Robin Denselow das Ereignis mit dem Republican National Convention, der Gerald Ford nur wenige Tage zuvor für seine erste reguläre Amtszeit als Präsident nominiert hatte. „Selbst mit der wildesten Vorstellungskraft fällt es schwer, Jaggers heiseres Brüllen durch ‚Street Fighting Man‘ mit Betty Fords Siegeswalzer über die Bühne zu den Klängen von ‚I Could Have Danced All Night‘ gleichzusetzen“, schreibt Denselow. „Aber in Sachen Stil waren beide gigantische Marketingveranstaltungen, die riesige Massen anzogen, und beide Stars griffen auf altmodische Showbiz-Methoden zurück, um Kloß im Hals, feuchte Augen und Applaus zu ernten.“

Pläne, die sich zerschlugen

Nachdem die Show schließlich vorüber war, gab die Band bereitwillig zu, dass sie gar nicht vorhatte, das Touren aufzugeben. „Wir planen gerade eine Südamerikatournee für nächstes Jahr“, sagte Bassist Bill Wyman der Presse. „Davor fahren wir in den Süden Frankreichs, um uns zu erholen. Wenn möglich, würden wir nächstes Jahr auch gerne noch einmal für Konzerte hierher zurückkehren.“

Die Zukunft entfaltete sich nicht ganz so, wie Wyman es sich vorgestellt hatte. Die Stones schafften es erst 1995 nach Südamerika – ein paar Jahre nachdem Wyman die Band verlassen hatte. Eine Europatournee 1977 gab es ebenfalls nicht. Die einzigen Auftritte in jenem Jahr waren das berüchtigte Doppelkonzert im El Mocambo in Toronto, wo sie sich als die Cockroaches ausgaben.

Den Rest des Jahres 1977 verbrachte die Band damit, die Folgen einer zweiten Drogenrazzia bei Keith zu bewältigen – diesmal ein weit gravierenderer Vorfall, bei dem er in Kanada mit Heroin erwischt wurde und ernsthaft mit einer langen Gefängnisstrafe rechnen musste – und mit den Aufnahmen zu „Some Girls“. (Mit dem für die Stones typischen Glück zeigte der Richter Milde und verdonnerte Keith zu einem Benefizkonzert für Blinde, obwohl er ihn hätte sieben Jahre einsperren können.)

Heute ist Knebworth nach wie vor Schauplatz der größten Konzerte im britischen Sommerprogramm. Und obwohl nichts auch nur annähernd bestätigt ist, kursieren hartnäckige Gerüchte, Oasis könnten 2027 für eine Neuauflage ihres legendären zweitägigen Auftritts von 1996 zurückkehren.

Die Stones – 50 Jahre später

Und trotz aller Spekulationen, die Stones würden nach ihrer Knebworth-Show von 1976 das Handtuch werfen, sind sie 50 Jahre später noch immer aktiv. Gespielt haben sie allerdings seit zwei Jahren nicht mehr, und Keith hat signalisiert, keine Lust auf weitere Touren zu haben. Die Idee von Residencies macht die Runde. Sollten sie eine in England planen, dürfte das Wembley oder das Twickenham Stadium sein. Ihre Fans haben keine Lust mehr, sich nach Knebworth zu schleppen und mit Festival-„Sitzplätzen“ zu arrangieren, die in Wirklichkeit gar keine Sitzplätze sind.

Wenn die Stones Knebworth noch einmal aufleben lassen wollen, wäre ihr bester Weg, das erhaltene Audiomaterial und die professionell gedrehten Filmaufnahmen von 1976 endlich offiziell zu veröffentlichen – insgesamt rund 95 Minuten. Leider scheint etwa eine Stunde des Filmmaterials schlicht nicht mehr zu existieren. Das ist nicht allzu überraschend angesichts des chaotischen Tages – aber immerhin haben sie es durchgestanden, ohne dass die Hells Angels jemanden totgeschlagen haben. Allein schon aus dieser Perspektive war es ein voller Erfolg.