Hollywood wird regiert von Franchises. Ein solches lernen wir auch in Jane Schoenbruns neuem Film kennen. „Camp Miasma“, so lautet der fiktive Titel einer schon seit den Achtzigerjahren laufenden Horrorreihe. Der Killer der Reihe heißt Little Death. Bewaffnet mit einem langen Speer als Maske und eine Art Lüftungsschacht auf dem Kopf tragend, steckt in Little Death der Geist eines Kindes, das den Erzählungen nach von seinen Eltern gleichzeitig als Bub und Mädchen aufgezogen worden ist. Eines Tages wurde es dann von anderen Kindern im See nahe dem Camp Miasma ertränkt. Seitdem steigt Little Death regelmäßig aus dem See und richtet ein Blutbad an.
Die junge Filmemacherin Kris Williams (Hannah Einbinder) wird engagiert, um das alte Franchise in die Gegenwart zu holen und dabei die transphobe Prämisse der Reihe einem jungen Publikum zugänglicher zu machen. Kris ist selbst queer, großer Fan von Horrorfilmen und würde von manchen wohl als woke bezeichnet werden. Für die Produzent:innen scheint sie also die perfekte Wahl für das Reboot zu sein. Für Recherchezwecke reist Kris ans alte Set von Camp Miasma, wo Billy Presley (Gillian Anderson), der Star des ersten Films, tatsächlich in aller Einsamkeit wohnt. Billy ist eine toughe, sympathische Frau, von der Kris schnell begeistert ist. Trotz der – auch generationenbedingt – unterschiedlichen Sichtweisen auf viele Dinge nähern sich die beiden schnell an.
MubiKritische Hommage ans Slasher-Kino der Achtziger Jahre
„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist weniger tatsächlicher Horrorfilm als vielmehr ein Metakommentar auf Franchises – und auch ein Liebesbrief an das Slasher-Kino der Achtziger Jahre, verstaubte VHS-Kassetten und kuriose Camp-Killer. Speziell die „Freitag, der 13.“-Filme mit ihren unzähligen Fortsetzungen müssen hier als Inspiration genannt werden. Bereits der erste Teil aus dem Jahr 1980 hat eine Welle an weiteren Camp-Horrorfilmen nach sich gezogen – darunter auch „Sleepaway Camp“ (1983), der mit seinem schrägen Twist in Bezug auf die Identität des Killers auch ein wichtiger Einfluss für Schoenbruns neuen Film war.
Es ist aber auch ein Liebesbrief, der vor einer kritischen Betrachtung nicht zurückschreckt. Auf unterhaltsame Weise nimmt der Film Bezug auf endlose Franchise-Mechanismen oder auch auf fragwürdige, teils transphobe Horrorfilmplots. Queerer Horror und Transidentitäten sind zentrale Themen Schoenbruns, in früheren Projekten wie auch in diesem Film. In einem Interview mit dem „New York Magazine“ sagte Schoenbrun kürzlich: „I love television. I love American movies. And I also want to destroy them. I see them as prisons as much as they’re spaces of emancipation.“
Diese Widersprüchlichkeit in all ihren Facetten transportiert Schoenbrun in „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ über die Protagonistin Kris. Sie steht den alten Slasherfilmen der „Camp Miasma“-Reihe, von denen sie schon lange begleitet wird, genauso kritisch gegenüber wie sie sie eben auch liebt. Über diese Filme definiert sie sich zum Teil sogar, hegt eine gewisse Besessenheit ihnen gegenüber – und, wie sie Billy einmal gesteht, die Filme hätten bei ihr sogar zu einer Art sexueller Erweckung geführt.
MubiHannah Einbinder und Gillian Anderson als ungleiches PaarGrenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen
Die intimen Gespräche zwischen Kris und Billy in der ansonsten menschenverlassenen Umgebung entwickeln sich bald auch zu einer intensiven körperlichen Beziehung. Und während sie sich gemeinsam die alten Filme ansehen, verschwimmen – wie auch schon in Schoenbruns „I Saw The TV Glow“ – zunehmend die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, Fantum und Identität.
„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ sprengt gängige Sehgewohnheiten und Erzählweisen, wie man es schon von Schoenbruns Vorgängerfilmen kennt. Aber anders als der doch sehr düstere „I Saw the TV Glow“ ist der neue Film trotz blutiger Slasher-Momente wirklich auch wahnsinnig lustig und macht gute Laune. Getragen wird das stark von der großartigen Chemie zwischen Einbinder und Anderson, die sich als perfekte Besetzung erweisen – schön auch in einer Nebenrolle und kaum wiederzuerkennen Eva Victor („Sorry, Baby“) als Punk mit Rieseniro und Bong.
MubiEinbinder und Anderson als Traumduo
Ästhetisch ist „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ eine Wucht. Die Umgebungen im Film wirken dabei oft bewusst traumartig und märchenhaft. Dafür sorgen auch riesige farbenprächtige Glaszeichnungen, die anstatt von CGI-Effekten als Hintergründe mancher Szenen verwendet worden sind. Auch wunderbar entfesselt kommt der Soundtrack daher. Da wird im einen Moment im Song „Satan“ von Andy Shauf noch „Satan is waiting, Satan is waiting“ geträllert, um im nächsten den verträumten Pophit „I love you always forever“ von Donna Lewis loszulassen. Ein blutiges Massaker durch Little Death, das in nur einem spektakulären Take aufgenommen worden ist, wird wiederum von einer gut gelaunten Nummer der Counting Crows untermalt.
„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist ein großer, blutiger und bildgewaltiger Spaß – nostalgisch und zeitgeistig, surreal und messy, queer und mit einer großen Portion Empowerment. Und es ist auch ein Film über eine ungewöhnliche Liebesbeziehung. Hannah Einbinders und Gillian Andersons Performances muss man lieben – der Titel als bestes Filmduo des Jahres ist ihnen schon ziemlich sicher. Die Bildsprache Jane Schoenbruns gehört dabei einmal öfter zum Spektakulärsten, was das gegenwärtige Kino zu bieten hat – man muss sich nur darauf einlassen wollen.