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Seite 1Sorry, gerade alles ein bisschen viel

Seite 2Intergalaktische Lieferando-Fahrer

Tom King heißt der Autor dieses Comics, ein ehemaliger CIA-Mitarbeiter, der die Geschichte auf Basis persönlicher Kriegserfahrungen geschrieben haben will. Sein neues Projekt, die HBO-Serie Lanterns, stammt aus dem gleichen Universum wie Heroes in Crisis und scheint auch die gleiche Inspirationsquelle anzuzapfen. Wieder sind es gebeutelte Helden, vorbelastet durch Kampferfahrung und Elternhaus, die das Universum retten müssen. Was früher eine Aufgabe für selbstständige Draufgänger war, wird hier jedoch von einer Agentur organisiert, die ihre Subunternehmer zu fragwürdigen Konditionen beschäftigt und auf unverantwortliche Missionen schickt. Man kann sich die Superhelden aus Lanterns also wie intergalaktische Lieferando-Fahrer vorstellen.

Schlimmer noch: Die Figur des Green Lantern, vom Schauspieler Kyle Chandler als nörgeliger Boomer dargestellt, der erst durch einen mächtigen Ring und die zugehörige Ladestation in Form einer grünen Laterne zum Superhelden wird, muss in der Serie seinen Nachfolger anlernen. Wie ein Tennis-Wunderkind wird dieser Lehrling (gespielt von Aaron Pierre) seit seinem fünften Geburtstag auf Disziplin und Furchtlosigkeit gepolt. Entsprechend wenig kann er mit dem Green Lantern und dessen Neigung zu Zynismus und Alkohol anfangen. Misstrauisch gehen Ausbilder und Azubi miteinander um. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist das Desinteresse an den vermeintlichen Freuden des Superheldenalltags, dem Fliegen, Schießen und Tragen von bunten Anzügen.

Ist Lanterns also überhaupt noch eine Superheldenserie? Oder schlicht die Geschichte zweier Typen, die sich so lange anschweigen, bis sie plötzlich Freunde sind? (Funktioniert so bei Männern.) Und müsste man die gleichen Fragen nicht auch dem neuen Spider-Man stellen? Als letzte Bezugsperson für Tom Hollands sanftmütigen Peter Parker bleibt in Brand New Day der Punisher übrig, ein Superheld mit selbsterklärendem Namen, der Anflüge großer Gefühle durch das Abfeuern noch größerer Waffen beseitigt. Der Schauspieler Jon Bernthal verleiht ihm die Intensität eines Eigenbrötlers, den nur noch wenige schlechte Dates vom Abrutschen in Incel-Kreise zu trennen scheinen. Mit Spider-Man schwelgt er in alten Superheldenkamellen. Weißt du noch, wie viel Spaß wir mal am Vermöbeln der Bösen hatten?

In der Serie »Lanterns« spielt Kyle Chandler den Green Lantern als nörgeligen Boomer, der seinen Nachfolger (Aaron Pierre, links) anlernt. © HBO/​Landmark Media/​Alamy/​Mauritius

Spider-Man und der Punisher, der Green Lantern und sein designierter Nachfolger: All diese Männer sind mehr mit ihrem Weltschmerz beschäftigt als mit den Weltuntergängen, die ihre heutigen Gegenspieler heraufbeschwören. Die Rettung der first world tritt in den Hintergrund, die Lösung der eigenen first-world problems an ihre Stelle. Das Superheldenkino vollzieht damit eine Kehrtwende. Der Reiz seiner Abenteuer lag einmal darin, dass sie in sehr weit entfernten Galaxien (oder wenigstens in sehr amerikanischen Großstädten) von sehr fremden Gefahren erzählten. Man tauchte gern ab in ihren Geschichten – und problemlos wieder aus ihnen auf –, weil man sich stets auf zwei Dinge verlassen konnte: Der Held würde es am Ende schon richten, und mit dem eigenen Leben hatte das alles ohnehin nichts zu tun.

In Zeiten aber, in denen die Unterschiede zwischen Superschurken und echten Staatsoberhäuptern verschwimmen, in denen jeder Blick auf Nachrichtenportale oder die Wetter-App zur kleinen Apokalypse wird, erscheinen beide Versprechen fragwürdig. Plötzlich kommt einem das alte Superheldenkino mit seinen Drohnen und hybriden Kriegen, den durchgeknallten Einzeltätern und militärgleich bewaffneten Polizeistaffeln unangenehm nah. Auf einmal scheinen die Aufgaben selbst für Superhelden unlösbar groß. Eine Aussicht auf Weltflucht liegt deshalb nicht mehr in solchen Geschichten, sondern im Alltag der Superhelden mit seinen selbst diagnostizierten Sinnkrisen und selbst medikamentierten Wehwehchen. Die Probleme, mit denen sich Spider-Man in Brand New Day herumschlägt, hätte man manchmal schließlich selbst lieber als die eigenen.

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Als Folge dieser Verschiebung können Filme wie der neue Spider-Man und Serien wie Lanterns nicht mehr als klassische Superheldengeschichten erzählt werden. Beide bedienen sich beim Buddy-Movie, in dem zwei ungleiche Protagonisten einen schwierigen Weg von der Zweckgemeinschaft zur Männerfreundschaft beschreiten. Lanterns schielt mit seinen Heldenfiguren außerdem auf die gezeichneten, bedeutungsschwer daherredenden Ermittler aus der Serie True Detective. Die Party- und Campusszenen von Brand New Day, in denen sich Peter Parker aus seinem Apartment herauswagt, könnten auch aus einer romantischen Collegekomödie stammen. Fast vollständig kommen sie ohne den Einsatz von übernatürlichen Kräften, Latex oder sonstigen Erinnerungen an das Superheldenkino aus.

Die Spielräume, die daraus entstehen, hat ein anderes Superheldenprojekt bereits im Frühjahr erkannt. Spider-Noir heißt die Serie (zu sehen bei Prime Video), die je nach Blickwinkel wie eine vorweggenommene Parodie auf Tom Hollands Spider-Man oder wie eine besonders deprimierende Zukunftsvision dieser Figur erscheint. Der Held ist darin ein Privatdetektiv und Witwer, gespielt von Nicolas Cage, der Schauplatz ein schwarz-weißes, von Wirtschaftskrise und Weltkriegsnachwehen geplagtes New York, in dem Prohibition und Mafia herrschen. So trist wie diese Szenerie ist auch das Kostüm des Superhelden: eine Sturmhaube mit Spinnenaugen. Statt sie überzustülpen, verhockt Spider-Man seine Tage lieber in Kneipen und Jazzbars.

»Spider Noir« mit Nicolas Cage erscheint wie eine besonders deprimierende Zukunftsversion der Spider-Man-Figur. © Aaron Epstein/​Amazon Prime

Das berühmte Credo des Superhelden zitiert Spider-Noir gleich in seiner ersten Folge: »Aus großer Macht entsteht große Verantwortung.« Spider-Man sagt dann, dass er beides gern los wäre. Er schlägt ein Loch in die Wand seines Apartments und lässt die Maske darin verschwinden.