Plakat: Magenta Light Studios
In „Protector“ spielt Milla Jovovich eine Soldatin, die um ihre Tochter kämpfen muss. Jetzt läuft der Film bei Prime Video. Lohnt sich das Streamen?
Leben nehmen, Leben schenken. Die Präzision des Tötens und das Handeln auf dem Schlachtfeld kann man vielleicht noch erlernen. Aber wer bereitet einen auf eine Geburt, auf ein Kind, die Elternschaft vor? Milla Jovovichs Gesicht erscheint in den ersten Szenen von „Protector“ in Großaufnahme und im Halbdunkel. Mit kontrolliertem Gesicht und strenger Stimme spricht sie über ihre Perfektion im Beruf und ihre Überforderung im Privaten. Gleich der nächste Schnitt zeigt dann Abgründiges.
Darum geht es in „Protector“
Die Geburtstagsfeier der kleinen Tochter feiert sie nur getrennt. Nikki, so heißt Jovovichs Soldatinnenfigur, ist bereits in Tarnfleck gekleidet und auf ihrem militärischen Einsatz in der Ferne. Das Aufwachsen des Kindes wird auf dem Smartphone in Live-Schalten verfolgt. Und Jahr um Jahr vergeht. Inzwischen ist ihr Spross im Teenager-Alter. Der Tod des Vaters ihres Kindes zwingt Nikki schließlich zur endgültigen Heimkehr, wo sich nur ein anderer Krieg fortsetzt.
„Protector“, der jetzt im Abo von Prime Video verfügbar ist, beginnt als Familiendrama über Schuldzuweisungen und ein Versagen, der eigenen Rolle gerecht zu werden. Die angespannte Situation zwischen Nikki und ihrer Tochter Chloe, gespielt von Isabel Myers, bildet den Ausgangspunkt dieser Geschichte, ehe sie sich zu einem Action-Thriller mausert. Als Chloe entführt wird, begibt sich Nikki auf einen Rachefeldzug und kämpft sich durch ihre Widersacher, um ihre Tochter zu finden.
Der Countdown läuft
Das Thema Menschenhandel wird dabei schnell zur Sprache gebracht. Auf amerikanischem Boden, aber auch als Export ins Ausland. Die ersten 72 Stunden sollen entscheidend sein bei einer Kindesentführung, ehe die Spur erkaltet. Also startet „Protector“ von Regisseur Adrian Grunberg („Rambo 5: Last Blood“) einen Countdown. Die Ziffern der Zeitanzeige leuchten bedrohlich rot, ehe die Killermaschine und Löwenmutter Nikki entfesselt wird.
Es ist nicht so, als seien die Action-Einlagen und Nahkampf-Choreografien sonderlich originell oder aufregend inszeniert. Gerade im letzten Akt findet der Großteil dessen noch dazu in schummriger Beleuchtung statt und ist nur schwer erkennbar. Erzählerisch hat man sich dazu ohnehin auf ein Minimum an Konflikt und Charakterzeichnung beschränkt.
„Protector“ überzeugt dennoch als Gewaltstudie. Und die kommt durchaus mit großer Härte und Schroffheit daher! In den grobkörnigen, entsättigten Bildern wird gefoltert, geschossen, geprügelt. Das digitale Blut und reale Kunstblut werden in den Räumen verspritzt. Im Hintergrund erklingen immer wieder brachial dröhnende, abfallende Tonfolgen.
„Protector“ ist ein brutaler Selbstjustiz-Thriller
Visuell gibt es einige faszinierende Kameraspielereien zu erleben, etwa wenn der Film in die Ego-Perspektive von Schützen und Soldaten wechselt oder wenn sich die Kamera im Innern eines Autos um die eigene Achse dreht, während Nikki ihre Feinde von außen beschießt. „Protector“ ist damit eine weitere filmische Nummernrevue, um Milla Jovovich als das zu zementieren, was sie ist, nämlich eine DER Action-Ikonen unserer Zeit. Auch wenn ihre Filmographie manchmal verlacht und belächelt wird.
Da tummeln sich viele Werke, denen man das Label Trash übergestülpt hat. Oft auch zu Unrecht! Und so kommt „Protector“ ebenso als Film daher, der zunächst wie ein generischer B-Reißer anmutet und genau das gewissermaßen auch bleibt. Er gibt aber gerade in seinen simplen Zuspitzungen und Twists einen eindringlichen, zwischen Moral und Amoral schweifenden Blick auf die Erbarmungslosigkeit und Grenzüberschreitung der Selbstjustiz frei. Mag der militärische Kitsch noch so sehr aus einigen Szenen triefen: Traumatische Gewalt manipuliert hier die Wahrnehmung der Welt, ehe die Realität Risse bekommt. Die glorreiche Mission und eine zynische Ausbeutung werden eins.
„Protector“ ist seit dem 26. August 2026 bei Prime Video verfügbar.
„Protector | Official Trailer“ von YouTube anzeigen