Sir Ridley Scott ist eigentlich gelangweilt von grimmigen Weltuntergangs-Filmen. Vor allem Endzeit-Szenarien mit Zombies nerven ihn sehr. Der Regisseur dystopischer Klassiker wie „Blade Runner“ oder „Alien“ möchte aber grundsätzlich mehr Zuversicht im Kino sehen, erklärt er in aktuellen Interviews.
Dabei ist die Grundstimmung in Scotts neuem Film „The Dog Stars“ auch alles andere als positiv. Und ja, „Das Ende der Sterne“, wie die Bestseller-Adaption bei uns heißt, fällt definitiv in das Genre des postapokalyptischen Thrillers. Zwar taumeln darin keine lebenden Leichen fleischfressend durch zerstörte Ruinen. Aber die Bilder, mit denen der Film spektakulär eröffnet, zeigen geballte Trostlosigkeit. Eine Pandemie hat im Jahr 2035 weite Teile der Menschheit ausgelöscht, wenige Überlebende kämpfen um Nahrung, Medikamente, Ressourcen jeder Art.
Wir folgen einem Piloten namens Hig (Jacob Elordi) auf seinen täglichen, einsamen Exkursionen mit seiner Cessna. Der junge Witwer lebt in der Nähe eines kleinen Flugfelds mitten im ländlichen Nirgendwo, zusammen mit seinem Hund Jasper. Auch ein mürrischer Ex-Marine namens Bangley (Josh Brolin) hat sich dort angesiedelt. Schnell wird klar: Selbst wenn die beiden Männer kooperieren und manchmal Humor zwischen ihnen aufflackert, trennen sie Welten. Hig beharrt auf einem Rest Humanismus, Bangley schießt ohne zu zögern auf sämtliche Fremde, die sich dem Gebiet nähern.
20th Century StudiosBemerkenswerter Umgang mit Untergangs-Klischees
Dass es Ridley Scott tatsächlich um ein Apokalypse-Epos der anderen Art geht, merkt man besonders am ersten Drittel von „The Dog Stars“. Der Film nimmt sich viel Zeit, um seine düstere Ausgangsposition zu etablieren. Lange Flüge über Wälder, Wiesen und verfallene Siedlungen, zu countryesk angehauchter Musik, verströmen gespenstische Ruhe. Manchmal stellt Hig den Flugzeugmotor in der Luft ab und schwebt einfach kurz über der Landschaft, mit geschlossenen Augen denkt er dann an seine tragisch verstorbene Frau.
Als der Pilot eines Tages einen mysteriösen Funkspruch empfängt, wird er aus seinem elegischen Alltag gerissen. Hig macht sich auf die Suche nach einer ominösen Community, die einen Rest Zivilisation im einstigen Sinn verspricht. Eine Bruchlandung führt ihn aber in ein Tal, in dem ein früherer Navy Seal (Guy Pearce) zurückgezogen haust. Dessen Tochter Cima (Margaret Qualley) hat sich trotz der gnadenlosen Umstände eine rare Herzlichkeit bewahrt, die Hig überrascht und überrumpelt. Man ahnt, dass sich der introvertierte Melancholiker und die freundlich lächelnde junge Frau irgendwann näherkommen.
Ebenso deutlich zeichnet sich ab, dass gewaltige Bedrohungen auf die Figuren dieses Films lauern, Horden von Plünderern, bewaffnete Survival-Freaks und noch viel Schlimmeres. Wie „The Dog Stars“ mit Plotwendungen und Untergangsklischees umgeht, darf dennoch als bemerkenswert bezeichnet werden. Manchmal sitzt man mit offenem Mund im Kinosessel, dann wieder liegt der Griff zum Taschentuch nahe.
Glaubwürdige Sinnsuche, toll besetzt
Viele der überraschenden Twists entstammen wie der grundsätzliche Tonfall wohl der Buchvorlage des US-Autors Peter Heller. Aber Ridley Scott inszeniert „Das Ende der Sterne“ mit einer Dringlichkeit, die man öfter in seinem Schaffen vermisst hat. Vergänglichkeit, Tod, die letzten Dinge, all das spielte schon immer eine zentrale Rolle bei dem britischen Altmeister. Mit mittlerweile 88 Jahren lässt Scott aber seinen eisigen Trademark-Nihilismus (siehe „Prometheus“ oder „The Counselor“) mit einem brüchigen Optimismus kollidieren.
Denn genau darum dreht sich dieser berührende Film: Ist Hoffnung nach einer derartigen globalen Katastrophe noch ein Thema? Wie viel Menschlichkeit lässt sich in einer unwirtlichen und knallharten Zukunft bewahren? Und wie wichtig ist Solidarität angesichts unerbittlicher Kriege um (Über-)Lebensmittel? Als bewusst populistischer Regisseur bettet Ridley Scott diese Fragen in ein virtuos inszeniertes Actiondrama ein, Horror-Versatzstücke inklusive. Die Sinnsuche, die den Protagonisten Hig antreibt, scheint aber „The Dog Stars“ als Ganzes glaubwürdig eingeschrieben.
Essenziell dabei sind die tollen Darsteller:innen. Durfte man dem Hype um Jacob Elordi bislang durchaus kritisch gegenüberstehen, funktioniert der Shooting Star hier perfekt als zögernder Antiheld. Es scheint, als ob Elordi für die Rolle des wortkargen Rugged Guy geboren wäre. Großartig auch Margaret Qualley, der man nach Film-Torturen wie „The Substance“ mehr solche bodenständigen Auftritte wünscht. Die Vollprofis Josh Brolin und Guy Pearce schütteln ihre innerlich und äußerlich ergrauten, verbitterten, zornigen Figuren natürlich aus dem Handgelenk.
20th Century Studios
Nach künstlerisch schwer vernachlässigbaren Blockbustern wie „Gladiator 2“ oder Edel-Trash à la „The House of Gucci“ liefert der unermüdliche Dauerarbeiter Ridley Scott endlich wieder einen Film mit Substanz.
Vielleicht sollte man doch mit dem grumpy Nachbarn reden, der auf die reaktionäre Seite abgebogen ist, rät uns „The Dog Stars“. Vielleicht braucht es wieder mehr Vertrauen, in das Lächeln einer Person, in bestimmte Grundwerte, in die Wissenschaft. Botschaftskino kann pathetisch und aufdringlich sein, die Messages, die uns Sir Ridley mitgeben möchte, können wir aber gerade sehr gut brauchen.