Der Franziskaner-Kustos des Heiligen Landes, Francesco Ielpo, sieht für die Region einen langwierigen und steilen politischen Weg. Die Suche nach einer tragfähigen Ordnung in Israel und Palästina müsse die Interessen aller Menschen berücksichtigen, sagte Ielpo im Gespräch mit den Vatikan-Medien.

Gazas Christen zwischen Trümmern und Vergebung

Die christliche Gemeinde im Gazastreifen lebt nach Worten des katholischen Pfarrers Gabriel Romanelli inmitten schwerer Verwüstungen und unter weiter dramatischen Bedingungen. …

„Das Recht auf Sicherheit ist ein unantastbares Recht für alle“, so der italienische Ordensmann. „Doch die Mittel, um Sicherheit und Frieden zu erreichen, führen niemals über den Weg der Waffen oder der Gewalt, sondern immer über den Weg der Politik, der Diplomatie und vor allem des Dialogs. Das ist offensichtlich ein anspruchsvollerer Weg, der vielleicht auch mehr Zeit braucht, aber er führt wirklich zu einem Frieden, der nicht nur gerecht, sondern auch unbewaffnet sein kann.“

„Leid und viel Polarisierung“

Die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür beschreibt der Franziskaner als äußerst schwierig. Er beobachtet Erschöpfung, wirtschaftliche Not und eine zunehmende Polarisierung, besonders im Westjordanland. „Die Situation ist dramatisch, es ist eine Situation großer Schwierigkeiten, großen Leidens“, sagte Ielpo, der seit 2025 als Kustos des Heiligen Landes wirkt. „Vor allem die Menschen, die Bevölkerung, sind sehr müde, müde von diesen fortwährenden Monaten des Konflikts und der Spannung, in denen sich keine Aussicht auf die Möglichkeit einer guten Zukunft zeigt. Es gibt deshalb Leid und viel Polarisierung.“

Unter diesen Bedingungen setzt Ielpo bei Begegnungen zunächst auf einen Schritt, der noch vor einem eigentlichen Gespräch zwischen den Seiten liegt. Dazu verweist er auf Erfahrungen mit Menschen, die Angehörige verloren haben und deren Blick zunächst vom eigenen Schmerz bestimmt wird. Wie der Kustos erklärte: „Heute merke ich wirklich, dass es sehr verfrüht ist, von Dialog zu sprechen. Ich merke auch, dass ich von keiner Seite verlangen kann, den Schmerz der anderen Seite anzuerkennen. Deshalb spüre ich, dass meine Aufgabe und unsere Aufgabe in diesem Moment darin besteht, zuzuhören.“

„Die Lage und das Schicksal der Christen im Westjordanland sind dieselben wie die der gesamten Bevölkerung“

Für die Christen im vom Israel besetzten Westjordanland sieht Ielpo keine abgeschlossene Sonderlage. Die Gemeinden lebten mitten in den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen ihrer Umgebung. Ielpo sagte: „Die Lage und das Schicksal der Christen im Westjordanland sind dieselben wie die der gesamten Bevölkerung, aller Palästinenser, die auf der anderen Seite leben. Natürlich haben wir ein besonderes Augenmerk auf unsere Gemeinschaft, auf unsere Christen, aber es bleibt eine wirklich dramatische Situation, traurig dramatisch, geprägt von Ungerechtigkeit und Leid. Unsere Aufgabe wird weiter darin bestehen, ihnen nahe zu bleiben, sie nicht allein fühlen zu lassen und dasselbe Schicksal, dasselbe Los und auch dieselbe Hoffnung zu teilen.“

Auf politischer Ebene hält der Kustos an der Zwei-Staaten-Lösung fest, die auch Papst und Heiliger Stuhl weiterhin vertreten. Entscheidend sei aus seiner Sicht, überhaupt von einer konkreten politischen Möglichkeit auszugehen und daraus erste Schritte zu entwickeln. „Diese Lösung ist heute die einzige, die auf dem Tisch liegt, wenn es keine anderen Lösungen oder Hypothesen gibt“, erklärte Ielpo. „Das ist der erste Punkt. Der zweite ist, dass es eine Sache ist, sie als möglichen Weg zu benennen, und eine andere, zu verstehen, wie sie verwirklicht werden kann, denn das Wie ist objektiv sehr anspruchsvoll, sehr schwierig.“

„Gewalttaten, Ungerechtigkeiten und politische Entscheidungen dürfen wir nicht zu einem antisemitischen Gefühl werden lassen“

Neben den politischen Fronten nimmt Ielpo Kontakte wahr, die sich einer pauschalen Zuordnung entziehen. Er berichtet von Solidarität im jüdischen und muslimischen Umfeld und verweist zugleich auf die Gefahr, ganze Gruppen für Entscheidungen oder Gewalttaten verantwortlich zu machen. Ielpo sagte: „Eine große Sorge, die wir haben, ist auch, nicht zu verallgemeinern, denn Gewalttaten, Ungerechtigkeiten und politische Entscheidungen dürfen wir nicht zu einem antisemitischen Gefühl werden lassen. Das wäre noch schwerwiegender, es wäre wirklich ein Drama im Drama. Es gilt unterscheiden zu können und auch anzuerkennen, dass es, selbst wenn es eine Minderheit ist, einen Wunsch, eine Sehnsucht nach Zusammenleben gibt.“

Die Aufgabe der Franziskaner reicht für Ielpo über die Sorge um Kirchen und heilige Stätten hinaus. Als Kustos spricht er von den christlichen Gemeinden als den „lebendigen Steinen“ des Heiligen Landes. „Zunächst muss ein Herz bewahrt werden, das unberührt bleibt vom Virus des Hasses und des Grolls, und das ist das Schwierigste“, erklärte der Ordensmann. „Wenn ich an meine Aufgabe als Kustos denke und darüber nachdenke, bedeutet heute die heiligen Stätten zu hüten, die lebendigen Steine mit der christlichen Gemeinschaft zu hüten, Herzen zu hüten, Herzen, die offen bleiben, weit geöffnet für das Evangelium.“

(vatican news – gs)