Das Hören von Heavy Metal-Musik auf dem Festival erhöht die Schmerztoleranz des Publikums

Tausende Besucher eines Musikfestivals stehen auf schlammigem Boden vor einer Bühne mit mehreren LED-Bildschirmen und einer großen Skulptur, umrahmt von Bäumen unter blauem Himmel.

Die Feldstudie wurde über mehrere Tage direkt auf dem Wacken Open Air durchgeführt.

Die Feldstudie wurde über mehrere Tage direkt auf dem Wacken Open Air durchgeführt.

© MPI CBS

Auf den Punkt gebrachtSchmerztoleranz: Forschende haben die Schmerztoleranz von 122 Metal-Fans hielten untersucht, die ihre Hand und Unterarm in eiskaltes Wasser hielten, und haben währendessen Herzfrequenz und die Variabilität der Herzschlagfrequenz gemessen.Akzeptanz: Die Teilnehmenden empfanden Schmerzen nicht als weniger unangenehm, konnten sie aber länger ertragen. Dies deutet auf eine höhere Akzeptanz unangenehmer Empfindungen hin.Klinische Relevanz: Wütende Musik wie Heavy Metal könnte chronischen Schmerzpatienten helfen, ihre Ärgergefühle auszuleben und so präventiv die Schmerzentwicklung zu beeinflussen.

„Bisher wussten wir, dass unterdrückter Ärger den größten Effekt auf die Intensivierung von Schmerzerleben bei Patienten mit chronischen Schmerzen hat. Deshalb wollten wir untersuchen, ob sich das Schmerzerleben verändert – gerade bei einer Musikform wie Heavy Metal, bei der ziemliche viele unangenehme Gefühle ausgedrückt werden, insbesondere auch Ärger“, beschreibt Lydia Schneider, Erstautorin der Studie, ihre Motivation, 2023 zum Wacken Open Air zu fahren und direkt vor Ort Metalfans zu untersuchen.

122 von ihnen machten bei dem Experiment der Doktorandin vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften mit, das darin bestand, zu erfassen, wie lange sie Hand und Unterarm in einer Apparatur mit eiskaltem Wasser halten können, nachdem mit EKG Herzfrequenz und Herzratenvariabilität gemessen wurden. „Der Andrang, an dem Experiment teilzunehmen, war groß und wir haben gemerkt, dass Wissenschaft einen hohen Stellenwert in der Szene einnimmt“, sagt Lydia Schneider.

Am deutlichsten sieht man die Zusammenhänge, wenn nur Teilnehmer betrachtet werden, die über den Testtag verteilt gar nicht, wenig oder moderat Alkohol getrunken haben, da Alkohol die Schmerztoleranz unvorhersehbar beeinflussen kann. „Als erstes haben wir die Vergleichsgruppe messen können aus derselben Kohorte an Metal Heads, die ja schon vor Beginn der Live-Konzerte vor Ort sind und mit Freunden die Zelte aufschlagen. Das intensive Musikerlebnis über mehrere Tage am Stück beim Metalfestival hat sich dann nicht negativ darauf auswirkt, wie die Studienteilnehmenden Schmerz erlebt haben. Im Gegenteil – die Festivalbesucher konnten den Kälteschmerz dann sogar länger aushalten als die Vergleichsgruppe“, beschreibt Lydia Schneider die Ergebnisse der Studie.

Schmerz länger ertragen

Im Zelt des Max-Planck-Instituts für Menschliche Kognitions- und Hirnforschung interagieren zwei Personen, im Hintergrund ist ein Festivalgelände mit Menschen sichtbar.

122 Metalfans machten bei dem Experiment von Lydia Schneider vor Ort auf dem Wacken Open Air mit.

122 Metalfans machten bei dem Experiment von Lydia Schneider vor Ort auf dem Wacken Open Air mit.

© MPI CBS

„Die Teilnehmenden empfanden die Schmerzen während des Festivals nicht als weniger unangenehm oder waren weniger empfindlich bei deren Wahrnehmung, sondern sie konnten sie über einen längeren Zeitraum ertragen. Dies scheint darauf hinzudeuten, dass sie widerstandsfähiger wurden, was bedeutet, dass sie die unangenehmen Empfindungen im Zusammenhang mit dem Schmerzerlebnis möglicherweise in größerem Maße akzeptiert und sich auf die Faktoren konzentriert haben, die sie selbst beeinflussen können – wie zum Beispiel die Zeit, bis sie tatsächlich auf ihre unangenehmen Empfindungen reagierten, indem sie ihre Hand und ihren Unterarm aus dem eiskalten Wasser nahmen.“

Tom Fritz, der die Studie gemeinsam mit ihr beim Wacken Festival durchgeführt hat und die Gruppe „Musikevozierte Hirnplastizität“ am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften leitet, erklärt: „Das ist für die Gruppe chronischer Schmerzpatienten durchaus relevant, denn im klinischen Kontext wird Musik ja häufig dafür genutzt, positive Gefühle auszulösen, Entspannung auszulösen – wenn es aber darum geht, auch mal seinen Ärger auszuleben, will man ja nicht unbedingt Entspannungsmusik hören. Akzeptanz unangenehmer emotionaler Zustände oder schwieriger Situationen spielt eine zentrale Rolle für die Resilienz und die Schmerztoleranz, und wütende Musik hören kann daher vorteilhaft sein, anstatt unangenehme Emotionen mit positiven Emotionen zu überdecken. Metal-Musik oder wütende Musik insgesamt könnte so vermutlich bei Patienten mit viel Ärgererleben durch Schmerzen auch präventiv dazu beitragen, die Entwicklung chronischer Schmerzen zu verhindern.“