Von Premierenspannung war an diesem Abend keine Spur. Es ist aber auch schwer mit dieser „Clemenza di Tito“, der „Milde“ eines Kaisers, der jede Gelegenheit nutzt, auch noch dem übelsten Verräter zu verzeihen. Daran musste sich sogar ein Mozart die Zähne ausbeißen. Man vergleiche den „Don Giovanni“, dessen Liebesabenteuer und die Höllenfahrt. Und dann wird am Premierenabend bei Auftakt des Dirigenten auch noch das Licht ausgeknipst. Schlafenszeit? Jetzt schon?
Kaum wird es hell, gibt es dann kein richtiges Bühnenbild zu sehen. Auf einem schlichten Podium sorgt Regisseur Jan Lauwers allerdings vom ersten Ton an für hektische Bewegung, auch wenn diese nicht erkennbar viel mit dem Stück zu tun hat. Weil in dieser Oper bekanntermaßen nicht viel los ist, werden die Figuren der Handlung nahezu unentwegt vom Ballett umtanzt und umsprungen. Und wenn es beim Auftritt des gütigen Kaisers repräsentativ zugehen muss, tänzelt sogar der Chor herein wie eine Faschingsgilde.
Das Historiendrama als Gschnasfest? Auch. Aber Lauwers, der die Akteure in Christbaumkugel-Glitzerkostüme hüllt, kann sich nicht entscheiden für eine durchgängige – und sei es parodistische – Erzählweise. Er würfelt heterogene stilistische Elemente durcheinander. Zwischendurch fährt auch einmal eine Kinoleinwand herunter und bringt mit den cineastischen Bildern Sergej Eisensteins die große Szene vor dem Putschversuch auf dem Kapitol um ihre Wirkung. Starke Bilder aus einem anderen Genre ersticken die schwachen Triebe operngerechter Personenführung, die an diesem Abend hie und da aufkeimen.
Die Leidtragenden sind die Sänger, die von den zwischenmenschlichen Konflikten erzählen sollten, die Mozart komponiert hat. Emily d‘Angelo zum Beispiel ringt sich als Sextus in diesem Moment aus Liebe zur machtgierigen Vitellia zum Verrat an seinem kaiserlichen Freund durch. Beeindruckend für alle, die solche Augenblicke aufzuspüren vermögen unter dem szenischen Krimskrams; und denen es gelingt, mit gespitzten Ohren durch das zähflüssige orchestrale Klangkontinuum zur Essenz von Mozarts Dramaturgie vorzudringen.
Dirigent Pablo Heras-Casado demonstriert nämlich nur ganz zu Beginn der Ouvertüre Gestaltungswillen: Da zerdehnt er die ersten Takte, als gehörten sie zu einer langsamen Introduktion, um gleich darauf rasant davonzustürmen. Aber dieser Elan erlahmt mangels liebevoll führender, vorwärtstreibender Durchgestaltung des Stimmengeflechts, die auch die Sänger gut gebrauchen könnten. Ist doch der Bühnenraum wieder einmal nach oben hin offen geblieben, was die Stimmen empfindlich an ihrer Entfaltung hindert.
Cecilia Molinari als Annio hat freilich das nötige großkalibrige Format, um die doch immer wieder ins Dramatische gehenden Anforderungen des späten Mozart zu meistern. Ihr gelingt auch zu Beginn das Duett mit Servilia, die Florina Ilie singt, wohllautend und geschmeidig. Solch gute Eigenschaften vermisst man im Übrigen an diesem Abend über weite Strecken. Katleho Mokhoabane bringt für den Titus zwar imposante Statur, aber nur vergleichsweise schlanke Tenortöne mit. In denen schwingt die titelgebende Milde des Herrschers mit, nicht aber dessen ehrfurchtgebietende Machtfülle.
Fehlt diese Fallhöhe, dann ist „La Clemenza di Tito“ Dokument eines Schwächezustands, keine „vera opera“, wie Mozart meinte, mit Menschen aus Fleisch und Blut auf der Szene, von denen sich vielschichtige Charakterporträts zeichnen ließen. Etwa das der ehrgeizzerfressenen Vitellia. Aber da hat das Besetzungsbüro Hanna-Elisabeth Müller wieder einmal gebeten, über die Verhältnisse ihres zartgliedrigen Soprans zu leben. Die tückische Partie geht in allen Lagen an die Substanz: In der Tiefe während der undankbaren Primadonnenarie vor dem Finale, in der Höhe schon eingangs, im hektischen Terzett beim Augenblick des Erkennens, dass man einen kapitalen Fehler begangen hat. Die Möglichkeiten einer schönen lyrischen Stimme werden da von beiden Enden her aufgezehrt, durch schier unerfüllbare Ansprüche – auch an präzis definierte Koloraturtöne.
Und ob Matheus França die vokalen Äußerungen des Publio wirklich mit dem Freistilringer-Gehabe zur Deckung bringen sollte, das ihm die Regie abverlangt – jeder Zoll kein würdiger römischer Präfekt – bleibt offen, wie viele Fragen an diesem Abend. Etwa auch, ob es Mikola Majtanova als (für diese Produktion hinzuerfundene) Berenice, von ihren Tänzerkollegen schon während der Ouvertüre in atemberaubenden Figuren gehoben und geworfen, gelingen wird, in keiner der folgenden Aufführungen in den Orchestergraben zu fallen.
So lässt sich natürlich auch Spannung erzeugen. Dabei lässt sich leicht übersehen, dass zwischendurch vor allem in den undankbaren, weil größtenteils aus Zeitnot nicht von Mozart selbst komponierten Rezitativen durchaus im Sinne des Librettos Theater gespielt wird. Wenn auch immer nur so lange, bis im entscheidenden Moment dann doch wieder in Richtung des Dirigenten und nicht des Dialogpartners gesungen wird. Dergleichen zu vermeiden, reichen offenbar weder die Kompetenz des Regisseurs noch die der musikalischen Einstudierung und Leitung.
Sicherheit vermittelt an diesem Abend nur der Mann am Hammerklavier. Bleiben ein schönes Bassethorn- und vor allem ein eloquentes Klarinettensolo als Erinnerung an Zeiten eines ungetrübten wienerischen Mozartverständnisses. Bei unseren Musikern ist es offenbar nicht ausgestorben. So sehr man sich auch sonst bemüht, es nach allen Regeln der (Un)kunst vergessen zu machen.