Nach Angaben von Kovács soll die einheitliche Auflösung vor allem eine Lücke zwischen groben Kontinentalkarten und lokal detaillierten Erhebungen schließen. Dadurch lässt sich nicht nur erkennen, wo Feuchtgebiete liegen, sondern auch, wie stark sie zersplittert sind und welche Nutzungsspuren in ihrer Umgebung auftreten.
Die Kartierung umfasst Binnenmarschen, Moore, Salzmarschen, Salinen, Wattflächen sowie Moor- und Heidelandschaften nach dem verwendeten europäischen Landbedeckungssystem. Sie erfasst damit nicht alle historischen oder entwässerten Feuchtgebiete. Ehemalige Moorböden unter Acker- und Grünland sowie bewaldete organische Böden wurden bewusst ausgeklammert, weil sie in der europäischen Wiederherstellungsplanung anderen Regelungsbereichen zugeordnet sind.
Viele Flächen sind kleiner als 25 Hektar
Besonders auffällig ist die starke Zersplitterung. Je nach Unsicherheitsabschätzung liegen 27 bis 33 Prozent der Feuchtgebietsfläche in zusammenhängenden Kartenflächen von weniger als 25 Hektar. Weitere 7 bis 11 Prozent entfallen auf Flächen unter einem Hektar. Gerade solche kleinen Vorkommen werden von gröberen Datensätzen häufig nicht erfasst.
Koautorin Stéphanie Horion betont, dass die Karte zunächst als Screening-Werkzeug gedacht ist. Sie kann Gebiete mit hohem Wiederherstellungspotenzial sichtbar machen und zugleich Unterschiede zwischen Feuchtgebietstypen berücksichtigen, etwa die besonders großen Kohlenstoffvorräte vieler Moore.
Die Forscher haben außerdem landwirtschaftliche und städtische Nutzung als Näherungsmaß für menschliche Belastung ausgewertet. Demnach sind 20,4 ± 3,4 Prozent der erfassten Feuchtgebietsflächen direkt oder indirekt von menschlichen Aktivitäten beeinflusst. Am stärksten betroffen sind die Binnenfeuchtgebiete. Dies ist auch für den Klimaschutz relevant, weil Entwässerung und intensive Nutzung den in Böden gespeicherten Kohlenstoff mobilisieren können.
Kohlenstoffverlust bleibt eine Potenzialschätzung
Aus der kartierten Fläche und veröffentlichten Spannweiten für Bodenkohlenstoff leiten die Forscher einen möglichen Verlust von 0,84 bis 4,87 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent gegenüber einem ungestörten Ausgangszustand ab. Diese Zahl ist keine gemessene aktuelle Emissionsrate. Sie beschreibt eine potenzielle Differenz im Kohlenstoffvorrat, deren zeitlicher Verlauf auf kontinentaler Ebene bislang nicht ausreichend beobachtet wird.
Auch die länderspezifischen Flächenangaben zur Renaturierung sind als standardisierte Szenarien zu verstehen. Sie zeigen, welche Größenordnung sich ergibt, wenn die europäischen Zielwerte rechnerisch auf die kartierten beeinträchtigten Feuchtgebiete angewendet werden. Sie bilden weder nationale Rechtsauslegungen noch konkrete Wiederherstellungspläne exakt ab.
Planungshilfe für die Wiederherstellung
Der politische Hintergrund ist die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur. Sie verlangt für Ökosysteme, die sich nicht in gutem Zustand befinden, gestaffelte Wiederherstellungsziele. Dazu gehören 30 Prozent bis 2030, 60 Prozent bis 2040 und 90 Prozent bis 2050. Für die Umsetzung sind räumlich vergleichbare Ausgangsdaten wichtig, weil Maßnahmen später messbar und zwischen Ländern nachvollziehbar sein sollen.
Horion sieht darin eine praktische Grundlage für nationale Wiederherstellungspläne. Staaten können die Karte als Ausgangspunkt nutzen, müssen konkrete Flächen aber weiterhin mit nationalen Daten, lokalen Bedingungen und den rechtlichen Vorgaben abgleichen.
Die Karte ersetzt damit keine lokale Prüfung und keine politische Priorisierung. Sie zeigt vielmehr, wo kleine, belastete oder kohlenstoffreiche Feuchtgebiete liegen und wo eine genauere Bewertung sinnvoll ist. Für die Forscher ist gerade die europaweit einheitliche Auflösung entscheidend, damit Fortschritte später vergleichbar dokumentiert und neue Kartierungen nach derselben Methodik wiederholt werden können.
Quellen:
29. August 2026
– Robert Klatt