Das in der Corona-Pandemie bekannt gewordene Unternehmen steckt tief in den roten Zahlen. Die beiden Gründer verlassen den deutschen Impfstoffhersteller und gründen ein neues Unternehmen mit Schwerpunkt auf mRNA-Technologie. Die Aktie reagiert mit deutlichen Verlusten.
Wien. BioNTech steht vor einem tiefgreifenden Führungswechsel: Die Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci werden das Unternehmen bis Jahresende verlassen, um eine neue Biotechfirma mit Schwerpunkt auf mRNA-Technologie aufzubauen. BioNTech will das Vorhaben finanziell und technologisch unterstützen und sich im Gegenzug eine Minderheitsbeteiligung sowie künftige Meilenstein- und Lizenzzahlungen sichern.
Der Schritt markiert einen strategischen Einschnitt für das Mainzer Unternehmen, das mit seinem Covid-19-Impfstoff weltweit bekannt wurde. Zugleich erfolgt der Wechsel in einer Phase, in der BioNTech stärker auf Kommerzialisierung und den Ausbau des Krebsmedikamenten-Geschäfts ausgerichtet ist.
Şahin und Türeci wollen nach Angaben des Unternehmens bis Ende des Jahres in die neue Gesellschaft wechseln. BioNTech plant, sich an dem neuen Unternehmen zu beteiligen und dazu Teile seiner Rechte sowie mRNA-Technologien einzubringen.
Şahin begründete den Schritt damit, dass er und Türeci sich in erster Linie als Wissenschaftler verstehen. Statt ein großes biopharmazeutisches Unternehmen zu führen, wollten sie ihre Energie stärker auf Innovation konzentrieren. BioNTech sei in seiner Entwicklung nun an einem Punkt angekommen, an dem Themen wie Geschwindigkeit, operative Umsetzung, Kommerzialisierung und Industrialisierung stärker in den Vordergrund rückten.
„BioNTech bewegt sich nun in eine Phase, in der es stärker um Tempo, Umsetzung, Kommerzialisierung und Industrialisierung geht“, sagte Şahin in einem Interview. Für diese Aufgaben gebe es Manager, die genau darin ihre Stärke hätten.
An den Märkten wurde der angekündigte Abgang der Gründer zunächst negativ aufgenommen. Die in den USA gehandelten Hinterlegungsscheine von BioNTech verloren vorbörslich zeitweise bis zu 16 Prozent. Belastend wirkte neben dem Führungswechsel auch ein Umsatzausblick, der unter den Erwartungen von Analysten lag.
BioNTech war in den vergangenen Jahren rasant gewachsen und erreichte eine Marktkapitalisierung von rund 26 Milliarden Dollar. Damit ist das Unternehmen heute fast siebenmal so viel wert wie beim Börsengang im Jahr 2019.
Nach Angaben Şahins ist der Übergang das Ergebnis von mehr als 18 Monaten interner Gespräche über die künftige Führungsstruktur und verschiedene Modelle für die Leitung des Unternehmens. Der Schritt fällt in eine sensible Phase für die mRNA-Technologie.
In den USA steht das Feld politisch unter Druck. Kürzungen bei staatlicher Finanzierung für mRNA-Impfstoffprojekte sowie eine vorsichtigere Impfstrategie haben die Stimmung unter Investoren belastet. Şahin betonte jedoch, das Potenzial der Technologie bleibe groß und dürfe nicht durch Entwicklungen außerhalb der Wissenschaft bestimmt werden.
Die neue Firma wird das dritte Biotech-Unternehmen sein, das Şahin und Türeci gemeinsam aufbauen. Zuvor hatten sie 2001 Ganymed Pharmaceuticals gegründet, ehe 2008 BioNTech folgte.
BioNTech hatte sich während der Pandemie gemeinsam mit Pfizer auf Impfstoffe konzentriert und damit Milliardenerlöse erzielt. Diese Mittel nutzt das Unternehmen nun, um sein Onkologiegeschäft auszubauen und die erste Krebstherapie zur Marktreife zu bringen. Ein vielbeachteter Kandidat ist das Präparat Pumitamig, das derzeit bei Brust- und Lungentumoren getestet wird.
Im Unterschied zum Konkurrenten Moderna setzte BioNTech die Einnahmen aus dem Impfstoffgeschäft nicht nur auf mRNA-Projekte, sondern nutzte sie auch zur Diversifizierung. Zudem suchte das Unternehmen frühzeitig nach Transaktionen in China.
Am Dienstag meldete BioNTech für 2025 einen höher als erwarteten Verlust je Aktie. Für das laufende Jahr rechnet das Unternehmen mit weiter sinkenden Umsätzen, da die Erlöse aus Covid-19-Impfstoffen sowohl in Europa als auch in den USA zurückgehen.
Trotz der Trennung soll die Zusammenarbeit nicht abreißen. BioNTech will mit der neuen Firma von Şahin und Türeci bei möglichen Kombinationsansätzen in der Krebstherapie weiter kooperieren. Der Vollzug der Aufspaltung dürfte voraussichtlich bis Mitte 2026 abgeschlossen sein. (Bloomberg).
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