Der Roman „Wuthering Heights“ stürmt wieder die Bestsellerlisten. Doch viele junge Leser kommen kaum über die ersten Seiten hinaus. Überfordert ein Roman von 1847 die TikTok-Gegenwart – oder liest die Gen Z einfach anders?
Gerade erlebt „Wuthering Heights“ einen gewaltigen Popularitätsschub bei einer jungen Leserschaft. In England und den USA steht der Klassiker – zu Deutsch: „Sturmhöhen“ – auf den Bestsellerlisten, auch im deutschsprachigen Raum liegt das Buch prominent und in mehrfachen Ausführungen in den Läden aus.
Grund dafür ist die Neuverfilmung, bei der alles angerichtet ist für ein Gen-Z-Fest: Margot Robbie und Jacob Elordi spielen die Hauptrollen, zwei der populärsten Stars ihrer Generation. Regie führte Emerald Fennell, die zuvor mit „Saltburn“ einen schrägen Überraschungshit gelandet hatte. Der Soundtrack ist von Charli XCX, die vielen Um-die-30-Jährigen als Pop-Ikone gilt.
Die Rückkehr des Liebes- und Rachedramas in die Kinos befeuert also die Buchverkäufe. Doch nun stellt sich heraus: Viele schaffen es nicht, den wuchtigen alten Stoff zu lesen.
„Ich brauche eine Pause nach drei Seiten“
Sie benötige nach drei Seiten jeweils eine Pause, berichtet etwa eine englische Leserin auf TikTok. Eine andere fragt: „Ist dieses Buch so schwierig, oder bin ich dumm?“ Die US-Amerikanerin Grace Deutsch, die einen Buch-Blog betreibt, kommt zum Fazit: „Ich mag das Buch nicht, weil ich nicht kapiere, was passiert.“
Nun, „Wuthering Heights“ wurde vor über 180 Jahren von der englischen Schriftstellerin Emily Brontë geschrieben und 1847 erstmals veröffentlicht. In der Regel sind die Ausgaben rund 400 Seiten dick.
Literarisch ist das Buch tatsächlich keine leichte Kost. Brontë hat die Geschichte vielschichtig gewebt, mit mehreren Erzählperspektiven, und natürlich schrieb sie in einer Sprache, die für Lesende in der heutigen Zeit umständlich wirkt.
Dass der Sprachgebrauch im 19. Jahrhundert ein anderer war als heute, sei aber nicht das Problem, sagt Linguistin Christa Dürscheid. „Im Kontext sind die Texte dennoch verständlich.“
Doch – und das bemerkt die Gen-Z-Leserschaft in TikTok-Videos durchaus selbstkritisch bis zynisch – die verkürzten Aufmerksamkeitsspannen erschweren es generell, überhaupt ein Buch von vorn bis hinten zu lesen. Das zeige die aktuelle Forschung, sagt Dürscheid. „Es braucht einen zusätzlichen kognitiven Aufwand, um sich auf lange Texte zu konzentrieren. Vor allem, wenn diese eine komplexe Handlung darstellen.“ Was bei „Wuthering Heights“ der Fall sei.
Es zeichnet sich also ein Kulturverlust ab – der Roman, gefährdet von an Dopamin gewöhnten Gehirnen. Die Versuchung sei heute groß, sich Mühe beim Lesen zu ersparen, sagt Dürscheid. Man könne auf KI-Zusammenfassungen zurückgreifen, auf Podcasts und Kurzvideos, in denen Handlungen mündlich aufbereitet werden. Mit dem Resultat: Man macht sich abhängig von den Textinterpretationen anderer Menschen oder der KI.
Da hilft es auch nicht, dass insbesondere junge Frauen Lesegruppen bilden und sich auf TikTok und Instagram über Bücher austauschen. Auch Pop-Superstar Dua Lipa betreibt einen Buchclub samt eigener Redaktion – „Wuthering Heights“ wird dort ohne Abstriche empfohlen. Die Stoffe, die online behandelt werden, sind aber meistens leichteren Genres zuzuordnen – und keine fast 200 Jahre alten Klassiker.
Es gibt Vertreterinnen der Gen Z, die sich gegen diese Deutung wehren. Im Magazin „Dazed“ argumentiert eine Autorin, dass es nicht an fehlenden kognitiven Fähigkeiten liege, dass das jüngere Publikum an „Wuthering Heights“ scheitere.
Sondern daran, dass die Welt an sich anstrengend und komplex geworden sei. „Das moderne Leben erschöpft“, meint die Autorin. Weshalb viele Menschen lieber leichtere Stoffe lesen – oder sich am Ende eines Tages halt berieseln lassen, um „das Hirn nicht zu brauchen.“
Linguistin Christa Dürscheid sagt: „Lesen braucht Training. Es ist wie beim Sport.“ Deshalb sei es wichtig, sich immer wieder der Herausforderung einer komplexen Lektüre zu stellen.
Buchbloggerin Grace Deutsch teilt derweil mit ihrer Gefolgschaft einen Lese-Hack für „Wuthering Heights“: Sie habe irgendwann vor jedem neuen Kapitel online jeweils eine Zusammenfassung gelesen. „Wenn ich wusste, worum es geht, dann macht es Spaß, das Buch zu lesen.“
Dieser Artikel erschien zuerst im Schweizer „Tages-Anzeiger“, die wie WELT zur Leading European Newspaper Alliance (LENA) gehört.