Großes Wandgemälde mit drei auf einer Bank sitzenden Menschen vor einem großen Gemälde mit einer Figur mit geöffnetem Mund

AUDIO: Sehenswert und verstörend aktuell: Harald-Duwe-Schau in Kiel (4 Min)

Stand: 10.03.2026 07:49 Uhr

Die Stadtgalerie Kiel nimmt Harald Duwes 100. Geburtstag zum Anlass und erinnert an einen Künstler, der mit seiner figurativen Malerei der bundesrepublikanischen Wirklichkeit immer einen kritischen Spiegel vorhielt.

von Frank Hajasch

Aus der Ferne sieht es aus wie ein Wimmelbild – das aber mit zwei mal 4,50 Meter Größe. Die Menschen und ihre Attribute sind gut zu erkennen. Dicht an dicht liegen sie da, wohl irgendwo an der Kieler Bucht. Denn 1976, als sein „Großes Strandbild“ entstand, war Harald Duwe schon Dozent für Malerei an der heutigen Muthesius Kunsthochschule. Ein typischer Duwe, sagt Kurator Sönke Kniphals zu dem Bild: „Wie ein gesellschaftliches Panorama: Man sieht aus allen Altersgruppen, aus allen gesellschaftlichen Schichten Personen an einem Freizeitort.“ Es gebe Rocker, Neonazis und ganz normale Menschen. „Unten hockt auch ein Kunsthallen-Direktor – das ist Jens Christian Jensen, den er mit reingemalt hat. Man drängt sich am Strand. Alle wollen ihren Platz an der Sonne. Und dem gegenübergestellt ist die ‚Große Industrielandschaft‘.“

Duwes Misstrauen gegenüber der neuen Normalität

Harald Duwe mit Malpalette

Harald Duwe wurde 1926 in Hamburg geboren und verstarb 1984 bei einem Autounfall.

Was hier als dreiteiliger Solitär hängt, gehört zu einem Bilderzyklus – in der Stadtgalerie flankiert von „Supermarkt“ aus demselben Jahr und eben dieser „Großen Industrielandschaft“ von 1978. Es sind großformatige Ölbilder. Harald Duwe hatte sie fürs Thor-Heyerdahl-Gymnasium im Kieler Stadtteil Mettenhof gemalt. Man darf vermuten, dass er damit eine Art Bildungsappell verbunden hat. „Diese Selbstverwirklichung am Strand hat seinen Preis. Der Preis ist die Realität, die sich auf der ‚Großen Industrielandschaft‘ zeigt. Das ist die Denke oder die Kritik von Harald Duwe, also diese Erkenntnis des Konsumkapitalismus‘ der frühen BRD oder der späten 1970er-Jahre, die er hier quasi als Chronist festhält“, erklärt Sönke Kniphals.

Die gezeigte Situation sei doch schon in den Wohlstandssiebzigern keine günstige gewesen. Der Platz an der Sonne ist begrenzt und durch Müll und andere Umweltsünden gekennzeichnet. Die Suche nach individueller Freiheit und Glück ist in der Sackgasse. Das alles, aber besonders auch die Persilschein-Mentalität der bundesdeutschen Nachkriegszeit habe Harald Duwe bewegt: „Er hat den Krieg als Jugendlicher und junger Erwachsener mitgemacht, war auch noch kurz in Kriegsgefangenschaft; seine Lithografie-Lehre wurde da unterbrochen. Dann hat er Kunst studiert. Er startet eigentlich schon äußerst kritisch und pessimistisch in diese Wirtschaftswunderjahre, weil er feststellt, dass diese Gräueltaten und die Traumata des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht aufgearbeitet werden sollen.“

Malerei als Protest gegen Verdrängung und Vergessen

Künstlerisch fiel das alles in die Zeit der Abstraktion, die nicht unbedingt für Anschaulichkeit steht, sagt der Kurator. Duwe sei Pazifist gewesen, Humanist, Aufklärer, der mit Kriegserfahrung, Wiederaufrüstung und im enthemmten Konsumkapitalismus gelebt habe. Er zeigt auf die „Graue Wand“ aus den 1960ern: Auf vier großen Bildern erinnern verschwommene Motive an Francis Bacon – wegen der deformierten, geschundenen, entmenschlichten Körper. „Mit dieser ‚Grauen Wand‘ will er sich gegen diesen Trend der Abstraktion wenden. Er macht das zum Zeitpunkt der zweiten Auschwitz-Prozesse, wo er Kritik äußern will – aber wo er diese Kritik auch nicht unter den Teppich gekehrt wissen will, sondern wo er es als seine Pflicht ansieht, das auch zu verbildlichen und die Gesellschaft damit zu kontrollieren“, erklärt Kurator Sönke Kniphals.

Förde-Szenen als moderner Nachhall des „Floßes der Medusa“

Gemälde: Mehrere nackte Personen sitzen dicht beieinander auf einem kleinen Floß

Harald Duwe: Fördeszene III (Floß auf der Förde), 1981

Was Menschen sich antun, zeigen dann auch die „Fördeszenen III“ von 1981: Eine zu kleine Rettungsinsel treibt in der Kieler Innenförde, umkämpft von viel zu vielen Hilfesuchenden, die sich dazu noch aus einem überdreckigen Wasser retten müssen. Harald Duwe hatte während eines Paris-Stipendiums „Das Floß der Medusa“ von Géricault gesehen, erzählt Sönke Kniphals – und damit menschliches Grauen nach einem Schiffbruch: „Zur Vorbereitung des ‚Floßes der Medusa‘ ist Géricault tatsächlich in Leichenhallen von Krankenhäusern gegangen. Diese Skizzen schaut sich Duwe ganz genau an. Zum Beispiel haben wir hier auch den Gefallenen von ’66; das ist eins zu eins eine Skizze von Géricault, die er dann in einen Weltkriegsgefallenen ausarbeitet.“

Erschreckend aktuelle Bilder

Harald Duwes Bilder sind, vielleicht wegen ihrer figürlichen Malerei, immer noch so stark – und aktuell sowieso.

Die Erweiterung der Jubiläumsschau um vergleichende, auch aktuelle Positionen bräuchte es nicht. Aber Stadtgalerie-Leiter Peter Kruska wollte kunsthistorische Parallelen aufzeigen, dazu inhaltliche Kontinuitäten. Die Ausstellung jedenfalls ist absolut sehenswert.

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Sehenswert und verstörend aktuell: Harald-Duwe-Schau in Kiel

Duwes Bilder hielten der Bundesrepublik einen gnadenlos ehrlichen Spiegel vor – und wirken heute aktueller denn je.

Datum:
07.03.2026, 18:00 Uhr

Ende:
24.05.2026

Ort:

Stadtgalerie Kiel

Andreas-Gayk-Straße 31

24103

Kiel

Preis:
Eintritt frei

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