Ein Handybildschirm auf dem das Logo Spotify zu sehen ist, daneben liegen Kopfhörer.

AUDIO: Gespräch: Identitätsmissbrauch durch KI-Musik im Streaming (6 Min)

Stand: 10.03.2026 10:34 Uhr

Immer häufiger melden Musikschaffende, dass unbefugte Dritte über ihre offiziellen Streaming-Kanäle KI-generierte Musik veröffentlichen. Damit machen sie ihnen Tantiemen streitig. Das Problem ist bekannt, eine Lösung aber nicht in Sicht.

von Kristoffer Patrick Cornils

Am 11. Februar wandte sich die Indie-Pop-Künstlerin Tara Nome Doyle über Instagram an Musikschaffende: „Werft einen Blick auf eure Künstlerprofile bei Spotify!“ Sie hatte am Morgen festgestellt, dass ein halbes Dutzend KI-generierter Songs ohne ihr Wissen und Mitwirken über ihren Account auf der Streaming-Plattform veröffentlicht wurden. Selbst beim Artwork der Musik handelte es sich um eine mittels Künstlicher Intelligenz vorgenommene Abwandlung vom Cover von Doyles Album „Ekko“. Auch auf anderen Plattformen wie bei YouTube wurde die Musik hochgeladen.

Doyle könne sich selbst nicht erklären, wie die Songs auf ihrem offiziellen Künstlerprofil bei Spotify und anderswo landen konnten, sagt sie in dem Video.

Auch andere Musikerinnen und Musiker betroffen

Dabei ist sie bei Weitem nicht die einzige, der ein solches KI-Kuckucksei in das offizielle Streamingprofil geschmuggelt wurde. Schon im Sommer vergangenen Jahres widerfuhr dies der Band Toto, dem Indie-Rock-Künstler Jeff Tweedy und sogar dem bereits im Jahr 1989 verstorbenen Country-Sänger Blaze Foley. Seitdem wurden Dutzende ähnliche Fälle bekannt, und es werden immer mehr.

Eine Masche mit Methode und wenig Hürden

Die auf Streamingplattformen angebotene Musik wird in der Regel nicht von Musikschaffenden oder ihren Labels direkt hochgeladen. Dies erledigen Vertriebe in deren Auftrag. Lädt dort jemand Musik, Artwork und Metadaten für die Auslieferung an die Streamingplattformen hoch, muss dabei auch angegeben werden, auf welchem Künstlerprofil die einzelnen Songs auf den Streamingdiensten veröffentlicht werden sollen.

Das eröffnet Unbefugten ein Schlupfloch. Der Musiker und YouTuber Venus Theory bewies in einem Selbstversuch, wie einfach es geht. Er erstellte einen Scherzsong, der nach nur wenigen Klicks auf seinem offiziellen Spotify-Künstlerprofil veröffentlicht wurde. „Ich hätte dort buchstäblich jeden anderen Namen eingeben können“, sagt er in einem Video dazu. Ein Name wie zum Beispiel Tara Nome Doyle.

Menge an Musik erschwert Kontrolle

Musikrechte sind kompliziert. Beteiligte Musikschaffende, Labels oder andere Rechteinhaber können befugt sein, Songs ins Netz zu laden und Tantiemen dafür zu erhalten. Für Vertriebe ist allerdings kaum möglich, im Einzelfall zu prüfen, ob jemand einen Song befugterweise hochlädt. Auch wegen der schieren Menge an Musik, die mittlerweile veröffentlicht wird, wäre der bürokratische Aufwand enorm. Laut Zahlen der Streamingplattform Deezer werden derzeit pro Tag 150.000 neue Songs hochgeladen.

Die Vertriebe greifen deshalb so gut wie gar nicht ein. Dank Künstlicher Intelligenz lässt sich das einfacher denn je ausnutzen. Die Verantwortlichen versprechen sich davon einen schnellen Taler. Wird ein Song unter dem Künstlerprofil einer Musikerin wie Tara Nome Doyle veröffentlicht, erreicht dieser schnell ihre Fans und landet womöglich in automatisch erstellten Playlists. Perfiderweise macht die Kuckucks-KI den Musikschaffenden also die Tantiemen streitig, bis die Sache auffliegt – oder noch länger. Denn bis Streamingplattformen die KI-Musik wieder löschen, vergeht in der Regel viel Zeit.

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Rechtliches Vorgehen nahezu aussichtslos

Doyle reagierte sofort und nahm Kontakt mit Spotify auf. Der Marktführer im Streaminggeschäft hatte bereits im Herbst angekündigt, stärker gegen Identitätsmissbrauch vorgehen zu wollen und sein System zur Erkennung von „content mismatch“, also fälschlicherweise über Künstlerprofile hochgeladene Songs, zu verbessern. Der Fall Doyle zeigt allerdings, dass es alles andere als perfekt ist. Und auch die Vertriebe unternehmen wenig, um die Masche mit der Kuckucks-KI einzudämmen.

Es übernimmt schlussendlich kaum jemand Verantwortung, und die Musikschaffenden können sich kaum wehren. Ein rechtliches Vorgehen ist nahezu aussichtslos, weil die Identität der Betrüger nur unter großen Anstrengungen zu ermitteln wäre. Aktuell sieht es nicht so aus, als ob sich das von ihnen ausgenutzte Schlupfloch so schnell schließen ließe. Es bleibt also weiter an Künstlerinnen wie Tara Nome Doyle, regelmäßig einen Blick auf ihre Künstlerprofile zu werfen und die Entfernung von Kuckucks-KI-Musik selbst zu veranlassen.

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