In einer der besten Szenen dieses Films dreht Thomas Mann durch. Im Thomas-Mann-Style natürlich, es ist also eher ein Echauffieren: äußerlich regungslos, im Anzug und mit wohlgesetzten Worten. Der Anlass: Wolfgang und Wieland Wagner setzen ihm zu. Sie wollen ihn im Auftrag ihrer Mutter Winifred als Gewährsmann gewinnen, um die Festspiele in Bayreuth nach dem Krieg wieder aufleben zu lassen. Sein Wort habe Gewicht, schmeicheln sie, er sei doch „der berühmteste Wagnerianer der Welt“. „Sie meinen, nach dem Ableben eines gewissen Adolf Hitler“, entgegnet Thomas Mann. Und als die beiden noch immer nicht begreifen, tauscht er das Florett gegen das Schwert: „Die Musik ihres Großvaters wird immer Bestand haben. Was mich betrifft, so sollte Bayreuth dem Erdboden gleich- und ihrer Frau Mutter der Prozess gemacht werden.“
„Vaterland“ heißt die Produktion, Oscar-Preisträger Pawel Pawlikowski bekam dafür den Regie-Preis bei den Festspielen in Cannes. Der Film erzählt von einer Heimkehr: Thomas Mann reiste im Juli 1949 nach 16 Jahren im Exil zurück nach Deutschland. „Gefühl, als ob es in den Krieg ginge“, notierte er vor dem Aufbruch in sein Tagebuch. In Frankfurt am Main und in Weimar wurde ihm der Goethe-Preis verliehen. Und der Nobelpreisträger, der inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, fand ein äußerlich in Trümmer gebombtes und innerlich zerrissenes Land vor. Zwölf Tage lang wurde er im Buick durch fremdgewordene Gebiete gefahren. Im Westen bezeichneten ihn einige als „Vaterlandsverräter“, und sie konnten nicht fassen, warum er auch in die sowjetisch besetzte Zone fuhr. Dort wiederum muss er sich gegen die Vereinnahmung durch die Politik wehren.
Hanns Zischler spielt Thomas Mann, und er macht das fabelhaft. Er hat vor ein paar Jahren die Tagebücher Thomas Manns als Hörbuch eingelesen, außerdem die Monografie „Mann am Meer“ von Volker Weidermann. Nun genügen ihm Andeutungen, Bewegungsskizzen. Sandra Hüller spielt Erika Mann, älteste Tochter und zugleich Assistentin, Übersetzerin, rechte Hand. Auch sie agiert zurückhaltend und umso nachdrücklicher. Das sind zwei Menschen, in denen es arbeitet. Versehrte, die mit emotionaler Härte auf die Umstände reagieren.
Klaus Mann starb bereits Wochen zuvor
In der ersten Szene des Films begegnet man Klaus Mann (August Diehl) in Cannes. Er telefoniert mit seiner Schwester, der er eng verbunden ist. Sie bittet ihn, nach Deutschland zu kommen, man möge die Reise gemeinsam machen. Doch in Frankfurt empfängt der Vater Erika im Hotelzimmer mit der Nachricht vom Selbstmord des Bruders: „Ich habe mit deiner Mutter gesprochen. Klaus ist tot.“ – „Sollten wir nicht nach Cannes fahren?“ – „Wir fahren morgen früh weiter nach Weimar, bevor die Presse davon erfährt.“
Der Film ist weitestgehend genau in der Nacherzählung der historischen Fakten. In zwei grundlegenden Punkten weicht er jedoch ab. Klaus Mann hatte sich bereits am 21. Mai 1949 das Leben genommen, also einige Wochen zuvor. Der Vater reiste nicht zur Beerdigung. Und: Die Deutschlandreise unternahm Thomas Mann in Wirklichkeit mit seiner Frau Katia, die hier nicht vorkommt. Durch diesen Eingriff zeigt Pawlikowski, wie stark die Kriegserfahrung in die nächste Generation hineinwirkt. Der Film wird zum Drama einer Familie, in der sich die Krise der Welt spiegelt. „Wie kannst du so weitermachen?“, fragt Erika im einzigen emotionalen Ausbruch dem Vater gegenüber. „Es geht hier um Größeres als um den Selbstmord eines drogenkranken Menschen“, entgegnet er. „Du hast dir ein Schloss aus Wörtern gebaut, darin versteckst du dich jetzt.“
Joachim Meyerhoff spielt Gustaf Gründgens
Die Bilder sind großartig komponiert. Das Schwarzweiß glänzt. Das reduzierte Spiel kommt in den komprimiert wirkenden, fast quadratischen Ansichten besonders gut zur Geltung. Eindrucksvoll sind die Gesichter der Zuhörenden während der Reden Thomas Manns. In ihnen erblickt man die existenzielle Verunsicherung, die Entbehrungen der letzten Jahre, die Sorge vor dem, was nun kommen mag. Joachim Meyerhoff spielt in einer Nebenrolle Gustaf Gründgens, der sich von seiner Ex-Frau Erika Mann einer Ohrfeige einfängt. Fritzi Haberlandt tritt als Kellnerin auf, Devid Striesow als Johannes R. Becher.
„Wo meine Heimat ist? Das ist eine schwierige Frage“, sagt Thomas Mann bei der Pressekonferenz zur Verleihung des Goethe-Preises in Frankfurt, die wie ein Gerichtsprozess anmutet. Und darum geht es in diesem Film: dass jemand nicht mehr weiß, wohin er gehört. Räumlich, aber auch zeitlich. Alte Welt, Neue Welt? Verloren an einer Bruchstelle der Historie.
Als Thomas Mann wieder in Kalifornien ist, in seinem Haus in Pacific Palisades, schreibt er in sein Tagebuch: „Glück des Zuhause, des Gerettet- und vor der Welt Geborgenseins, die draußen schreien mag.“ Die Distanz zu den USA der McCarthy-Ära wuchs jedoch. 1952 zog Mann in die Schweiz. Drei Jahre später starb er in Zürich.