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Berlin – Ihr Leben gleicht einer Achterbahnfahrt mit zu vielen Loopings. Am Mittwoch erscheint „Liza – Kids, Wait Till You Hear This!“ (528 S., 26 Euro, Heyne Verlag). Es sind die lang erwarteten Memoiren des Weltstars Liza Minnelli (79, „Cabaret“). Die Oscarpreisträgerin blickt darin schonungslos auf ihr Leben zurück. Und schreibt auch über ihren schlimmsten Absturz im Jahr 2003: Minnelli lag nach einem Besuch in einer Bar stundenlang auf einem New Yorker Bürgersteig.
Wie kam es dazu? Nach ihrer bislang letzten Ehe mit dem Filmproduzenten David Gest (1953–2016) befand sich Liza Minnelli an einem Tiefpunkt.

Als Sally Bowles in „Cabaret“ (1972) wurde Liza Minnelli (damals 26) zum Star. Sie trat mit dem Film endgültig aus dem Schatten ihrer berühmten Eltern Judy Garland (1922–1969) und Vincente Minnelli (1903–1986)
Foto: INTERFOT
Die Hochzeit wurde 2002 groß gefeiert, die Liebe hielt nur ein Jahr. Nach der Trennung suchte sie, so schreibt Minnelli in „Liza – Kids, Wait Till You Hear This!“, Zuflucht in einer Bar in Manhattan. „Beim Barpersonal war ich bekannt, und sie bedienten mich ohne große Nachfragen. Sie hatten sicher von meinem Alkoholproblem gehört, schoben mir aber über den Tresen, was ich bestellte. Ich weiß nicht mehr, was ich an jenem Tag trank, vielleicht Cola mit Rum, Scotch oder Cognac. Es war auch egal, mir nichts, dir nichts war ich vollkommen platt und taumelte durch die Straßen.“

März 2002: Die Hochzeit von Liza Minnelli (damals 56) und David Gest (1953–2016) war ein Medienspektakel. Das Paar trennte sich im März 2003. Erst 2007 wurden sie geschieden
Foto: REUTERS
Minnelli schreibt weiter: „Ich war viel betrunkener, als ich dachte, und stolperte ziellos die Lexington Avenue entlang. Nach ein paar Minuten konnte ich mich bereits nicht mehr auf den Beinen halten. Ich kam ins Straucheln und sank fast komatös auf dem Bürgersteig zusammen. Fast zwei Stunden lag ich dort. Hunderte von Menschen stiegen in der Zeit über mich hinweg oder gingen um mich herum.“
Berührung mit Alkohol-, Medikamenten- und Drogenmissbrauch hatte Liza Minnelli früh in ihrem Leben. Ihre Mutter Judy Garland (1922–1969, „Der Zauberer von Oz“) wurde schon als Jugendliche abhängig, weil Hollywoods Studiobosse sie mit Tabletten zu Höchstleistungen trieben.

1963: Judy Garland (damals 41) und Liza Minnelli (damals 17) bei einem gemeinsamen Auftritt in der „The Judy Garland Show“. Garland gilt bis heute als eine der größten Entertainerinnen des 20. Jahrhunderts. Doch auch ihr Leben war von Abstürzen geprägt
Foto: Getty Images
Erste Probleme nach dem Tod ihrer Mutter Judy Garland
Kurz nach dem Tod ihrer Mutter mit nur 47 Jahren geriet auch Liza Minnelli zunehmend in einen Teufelskreis, dem sie jahrzehntelang nicht entkam. Sie schreibt: „Stress und Anspannung überwältigten mich. Ich war völlig am Ende. Ein Arzt hatte mir zur Entspannung vor dem Begräbnis Valium verschrieben. Es war das erste Mal, dass ich eine solche Tablette nahm, und ich konnte nicht fassen, wie schnell sie den Schmerz linderte. Wie hatte ich bisher nur ohne sie leben können? Ich wünschte, ich könnte sagen, dass das eine einmalige Sache war. Dass nach der einen Tablette Schluss war.“

1973: Liza Minnelli und ihr Oscar für „Cabaret“. Spätestens mit diesem Erfolg hat sie bewiesen, mehr als „die Tochter von…“ zu sein
Foto: Bettmann Archive
Ein Irrglaube: „Aber das Valium hat etwas Grauenhaftes in mir in Gang gesetzt, wie ein Streichholz, das einen Flächenbrand auslöst. Aus einer einmaligen Sache wurde erst eine Gewohnheit und dann, in den folgenden Jahren, eine schreckliche Sucht. Die Anfälligkeit dafür war Mamas letztes Geschenk, ihr genetisches Erbe, dem ich nicht entkommen konnte.“ Und: „Ich geriet in einen Drogenstrudel. Benzodiazepine. Barbiturate. Amphetamine. Alkohol. Kokain. Diese Substanzen waren wie Krücken für mich, aber keine Freunde. Ich war der Meinung, jederzeit aufhören zu können, und manchmal tat ich das auch … ein Tag hier … ein paar Tage dort.“

„In den Jahren des Studios 54 hatte ich eine Menge Spaß mit Menschen, die ich liebte“, schreibt Liza Minnelli. Das Foto aus dem Jahr 1978 zeigt sie mit Bianca Jagger (damals 33, M.) und Andy Warhol (1928–1987). „Aber es war auch ein gewaltiger Rückschritt, was meinen Kampf gegen die Sucht anbelangt. Ich erreichte neue Höhen der Verleugnung und glaubte tatsächlich, ich hätte alles im Griff.“
Foto: imago images/MediaPunch
Liza Minnelli schämt sich bis heute für Absturz 2003
Für ihren Alkohol-Absturz im Jahr 2003 schäme sie sich noch immer, so Liza Minnelli. Und sie weiß, dass sie mit ihrer Erkrankung nicht allein ist. „Bitte verurteilen Sie uns nicht. Bitte verstehen Sie, dass wir oft kluge, talentierte, freundliche, liebenswerte Menschen sind, die leider mit ihren inneren Dämonen zu kämpfen haben.“

Erscheint pünktlich zum 80. Geburtstag am 12. März: „Liza – Kids, Wait Till You Hear This!“ (528 S., 26 Euro, Heyne Verlag)
Foto: Heyne
Sie will heute vor allem Mut machen: „Aber wir sind kein hoffnungsloser Fall, es kann uns besser gehen. Ich bin der lebende Beweis dafür. An diesem furchtbaren Tag im Jahr 2003 mag ich es zwar nicht in meine Wohnung zurückgeschafft haben, aber ich habe es danach endlich geschafft, abstinent zu sein. Es gibt Licht am Ende des Tunnels!“
Für Liza Minnelli gab es noch ein weiteres Happy End: Elf Jahre lang, seit 2015, hat sie mithilfe ihrer Freunde und Ärzte auch im Kampf gegen ihre weiteren Süchte die Oberhand gewonnen: „Zum ersten Mal heißt es zwischen mir und der Sucht unentschieden, ich halte sie in Schach.“