Am dritten Tag in Folge sind die europäischen Gaspreise gestiegen. Am Mittwochvormittag (2. September) notierte der Erdgas-Terminkontrakt zur Lieferung in einem Monat an der Börse in Amsterdam bei 74,43 Euro pro Megawattstunde. Das ist der höchste Stand seit Beginn des Iran-Kriegs. Am Mittwochnachmittag lag die Notierung immer noch bei über 72 Euro. Der Grund für den anhaltenden Höhenflug: Die Angriffe der USA und des Iran dämpfen die Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme der Energielieferungen über die Straße von Hormus.
„Unsere Referenzerwartung hinsichtlich der Dauer des Konflikts hat sich inzwischen deutlich nach hinten verschoben“, schreibt Florian Böhnke, Senior Analyst für den Gas- und LNG-Markt beim Preisinformationsdienst ICIS. Dadurch seien sowohl die Risiken für die rechtzeitige Befüllung der Gasspeicher als auch die Preisrisiken am europäischen Gasmarkt gestiegen.
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Florian Boehnke ist Senior Analyst für den Gas- und Energiemarkt beim Preisinformationsdienst ICIS.Bild: © ICIS
Wir gehen inzwischen von einem Füllstand von 64 Prozent in Deutschland bis 1. Dezember aus.
Florian Boehnke,
Senior Analyst für den Gas- und LNG-Markt beim Preisinformationsdienst ICIS
Der Füllstand der deutschen Gasspeicher liegt mittlerweile im Schnitt bei 53,28 Prozent. Der Konflikt am Golf geht in den siebten Monat, die Zeit bis zum Beginn der Heizperiode wird immer kürzer: „Ein Speicherfüllstand von über 70 Prozent vor Beginn des Winters ist inzwischen nicht mehr realistisch“, so Böhnke weiter. Um dieses Ziel zu erreichen, hätten bereits im August deutlich höhere Einspeicherungen stattfinden müssen. In einer Studie von Anfang August hatte ICIS die Erreichung dieses Zielwertes – ein schnelleres Einspeichertempo vorausgesetzt – noch für möglich gehalten.
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Bei ICIS hält man mittlerweile bis zum 1. Dezember nur noch einen Füllstand von rund 64 Prozent für möglich. Das entspräche rund 160 Terawattstunden (TWh). „Das wäre der niedrigste Wert innerhalb der vergangenen Dekade zu diesem Stichtag“, betont Böhnke.
Die Vorgaben für die Gas-Speicherfüllstände
Die Gasspeicher in Deutschland müssen zum 1. November des jeweiligen Jahres zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein. So sieht es die noch relativ junge Gasspeicherfüllstandsverordnung vor. Ausnahmen gibt es für einige größere Speicher, wie Uelsen, Frankenthal oder Bad Lauchstädt, mit einer Füllstandsvorgabe von rund 45 Prozent. Daraus ergibt sich rechnerisch die Vorgabe eines durchschnittlichen Speicherfüllstands von 70 Prozent bis Anfang November. Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass 60 bis 70 Prozent bis Anfang November ausreichen müssten, um die durchschnittliche Nachfrage eines Winters zu decken, heißt es auf dem Onlineportal der Tagesschau.
Die EU-Vorgabe ist noch ambitionierter und sieht vor, dass die Gasspeicher der Mitgliedstaaten zwischen dem 1. Oktober und dem 1. Dezember zu 90 Prozent gefüllt sein sollen. Unter bestimmten Marktbedingungen können die Zielwerte um bis zu 10 Prozentpunkte unterschritten werden. Dies entspricht einem Zielwert von 80 Prozent.
Einspeichertempo reicht nicht aus
Zwar seien im vergangenen Monat rund 15 Terawattstunden (TWh) an Gas eingespeichert worden. Für das Erreichen der 72-Prozent-Marke wäre jedoch über die kommenden Monate ein Einspeichertempo erforderlich, das bisher historisch kaum beobachtet wurde. Insbesondere der November sei kein Monat, in dem nennenswerte Mengen an Gas eingespeichert würden.
Aktuell befänden sich rund 131 TWh Gas in deutschen Speichern. Das nationale Ziel von 72 Prozent entspreche etwa 173 TWh. Damit fehlten derzeit noch rund 42 TWh, um dieses Ziel zu erreichen. Für ein realistischeres Ziel von 64 Prozent fehlten noch 29 TWh auf insgesamt 160 TWh.
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„Aus unserer Sicht handelt es sich mehr um ein Preisrisiko und weniger um ein unmittelbares Versorgungsrisiko.“
Andreas Schröder,
Head of Energy Analytics (Gas, LNG) bei ICIS
Die Versorgungssicherheit schätzt ICIS auch für den kommenden Winter weiterhin als grundsätzlich gewährleistet ein, ergänzt Andreas Schröder, Head of Energy Analytics (Gas, LNG) bei ICIS. Deutschland beziehe nach wie vor große Mengen Gas aus Norwegen, und auch wenn LNG-Lieferungen aus Katar derzeit nicht verfügbar seien, liefen die übrigen Bezugsquellen auf hohem Niveau.
Zudem sei die globale LNG-Infrastruktur vergleichsweise breit diversifiziert, sodass einzelne Ausfälle in der Regel kompensiert werden könnten. „Aus unserer Sicht handelt es sich deshalb derzeit primär um ein Preisrisiko und weniger um ein unmittelbares Versorgungsrisiko“, so Schröder.
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Wie sich der Füllstand bis Ende der Heizperiode entwickeln könnte
Die Modellergebnisse von ICIS zeigten zudem, dass der Füllstand in den Monaten Dezember bis März nächsten Jahres auf etwa 54 TWh beziehungsweise rund 20 Prozent sinken könnte.
Im vergangenen Winter 2025/26 wurden in Deutschland von Oktober 2025 bis einschließlich März 2026 rund 600 TWh Gas verbraucht.
Bilanziell wurden davon etwas mehr als 140 TWh aus Speichern gedeckt. Vor dem Winter lagen die Speicherbestände in Deutschland bei 191 TWh, Ende Februar 2026 hingegen nur noch bei 51 TWh. Dies geschah bei voller Verfügbarkeit der internationalen LNG-Mengen, so der ICIS-Analyst.
Lage ist deutlich angespannter als im Vorjahr
Europaweit stellte sich die Speichersituation im vergangenen Jahr ebenfalls deutlich entspannter dar. Zum Höchststand waren die Speicher zu 83 Prozent gefüllt, aktuell sind es 65,4 Prozent.
„Dementsprechend sind Deutschland und seine Nachbarn in diesem Winter deutlich stärker auf LNG-Importe angewiesen. Und das in einer deutlich angespannteren Lage“, sagt Schröder.
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Europäische Gaspreise mit deutlichem Aufwärtspotenzial
Deutschland beziehungsweise Europa werden verstärkt um LNG-Importe konkurrieren müssen beziehungsweise mittelfristig höhere Preise bieten müssen, damit LNG-Schiffe mit flexiblem Zielort wieder verstärkt europäische Häfen anlaufen. „Obwohl die Großhandelspreise für den europäischen Leitpreis TTF zuletzt deutlich gestiegen sind und sich der Spread zu den asiatischen Preisen entsprechend verringert hat, zeigen unsere Modellergebnisse weiterhin erhebliches Aufwärtspotenzial“, betont Schröder. Dieses hänge jedoch maßgeblich von der angenommenen Dauer des Konflikts ab. Aktuell liegt der Preis für die durchschnittlichen Monatskontrakte im Winter bei 72,30 Euro pro Megawattstunde (MWh) für den THE.
Unterstellt man eine kurzfristige Friedenslösung und die Wiederaufnahme der LNG-Flüsse aus Katar noch vor Beginn des Winters (Mitte Oktober), würden die durchschnittlichen Monatspreise auf rund 64 Euro pro MWh sinken. Ein Großteil dieses Preisrückgangs entfiele dabei auf die Kontrakte zum Ende des ersten Quartals 2027.
So stark könnten die Terminpreise steigen
„Unsere Referenzerwartung hinsichtlich der Konfliktdauer hat sich zuletzt jedoch deutlich nach hinten verschoben. Hält der Konflikt bis März 2027 an, modellieren wir ein noch höheres Preisniveau als ohnehin bereits erwartet“, sagt Schröder. In der Spitze würden sich dann für einzelne Monatskontrakte Modellergebnisse von 86 bis 88 Euro pro MWh ergeben.
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Die Wahrscheinlichkeit eines staatlichen Eingriffs hält Schröder weiterhin für gering. Grundsätzlich könnte der Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe (THE) zusätzliche marktbasierte Anreize für Einspeicherungen schaffen. „Aktuell sehen wir jedoch keine konkreten Hinweise darauf, dass entsprechende Maßnahmen vorbereitet werden“, erklärt Schröder. Konkrete Konzepte könnten eine Prämie für eingespeichertes Gas zu einem gewissen Stichtag nach italienischem Vorbild sein. Dadurch würden sich für die Akteure andere Sommer-Winter-Spreads ergeben. Direkte Beschaffungen respektive Ausschreibungen seien ebenfalls möglich.