Gaspreise treiben die Inflationssorgen im Euroraum

Gas verteuert sich derzeit rapide, Unternehmen geben Kosten weiter. Ein Effekt der Hyperscaler-Anleihen auf die Langfristzinsen im Euroraum lässt sich bislang nicht nachweisen.

André Kühnlenz Publiziert heute um 05:00 Uhr LinkedIn Link kopiert Error occurred Facebook Link kopiert Error occurred X Link kopiert Error occurred E-Mail Link kopiert Error occurred Link kopieren Link kopiert Error occurred Eine Bank mit Geldscheinen vor orangenem Hintergrund.

Illustration: Marco Tancredi

Aktuell kommen neue Inflationssorgen in Europa auf: Der Frontmonatskontrakt auf europäisches Gas stieg zu Beginn des September auf mehr als 70 €/MWh. Erste Ökonomen sprechen bereits von einem Energiepreisschock. Der Anstieg gegenüber Juni liegt bei 80%, im Vergleich gegenüber Februar sind es 240%. Dabei geben die Industrieunternehmen im Euroraum (ohne Energie und Lebensmittel) ihre höheren Kosten längst an die Kunden weiter: Ihre monatlichen Preisanstiege lagen kalender- und saisonbereinigt auf das Jahr hochgerechnet im Juli bei 5% und im August bei 4%, wie neue Zahlen zur Euro-Teuerung diese Woche zeigen.

In den sechs Monaten seit März liegt der Anstieg der Industriegüterpreise jedoch nur bei 1,9% – dies bedeutet auf das Jahr hochgerechnet noch Preisstabilität seit Beginn des Nahostkriegs. Seit Anfang August stiegen die zehnjährigen Inflationsprämien (2,06%) im Euroraum bereits um 0,2 Prozentpunkte. Die langfristigen Renditen an den Märkten für Staatsanleihen stehen auch diese Woche im Fokus der Finanzmärkte.Nach der Rede von Kevin Warsh vergangener Woche auf dem Zentralbankertreffen in Jackson Hole steigt aber vor allem die Verzinsung über zwei und fünf Jahre. 

Der US-Notenbankchef kommuniziert wieder klarer mit den Marktteilnehmern und stimmte sie gleich auf eine weitere Zinserhöhung im September ein. In der Schweiz stiegen die kurzfristigen Renditen auf Wochensicht um rund 0,05 Prozentpunkte noch moderat. In Deutschland und den USA macht der Anstieg rund 0,15 Prozentpunkte aus. Die dreissigjährige Rendite stieg dagegen langsamer, um 0,07 bis 0,09 Prozentpunkte. In der Schweiz sank sie um 0,02 Prozentpunkte.

Anleger und Analysten nennen für den langfristigen Zinsanstieg der vergangenen Woche vor allem zwei Gründe: die Sorgen um die Staatsfinanzen der Regierungen sowie die gewaltigen Emissionen durch die US-Hyperscaler wie Amazon, Alphabet und Microsoft. Sie finanzieren ihren gewaltigen KI-Investitionsbedarf zunehmend auch über die Anleihenmärkte in Europa: in Euro, Franken und Pfund. Bis 2028 dürfte ihr Kapitalbedarf mehr als 1 Bio. $ erreichen – das ist zu viel, um dies allein aus eigenen Mitteln – dem freien Cashflow – zu stemmen.

Der Anteil der Hyperscaler an den neu begebenen Euro-Unternehmensanleihen liegt bereits bei fast 10%, mit Rekordemissionen von Amazon und Alphabet. Auch in der Schweiz stemmten die beiden Konzerne ein Zehntel des gesamten Emissionsvolumens am Primärmarkt im ersten Halbjahr. Insgesamt brachten alle Emittenten aus dem In- und Ausland in den ersten sechs Monaten neue Papiere mit einem Volumen von fast 57 Mrd. Fr. auf den Markt.

Die Ökonomen der Europäischen Zentralbank (EZB) haben in einem Blogbeitrag die Emissionsflut der Hyperscaler im Euroraum untersucht. Sie sehen darin bislang mehr Diversifizierung als Verdrängung: Investoren aus dem Euroraum haben die Nachfrage nach heimischen Emittenten kaum reduziert, die Renditeaufschläge (Spreads) der Hyperscaler-Anleihen gegenüber risikofreien Zinsen (Swapsätze oder Renditen bester Staatsanleihen) sind zwar leicht gestiegen, blieben aber moderat.

Einen klaren Beitrag zu steigenden Langfristzinsen im Euroraum können die Autoren – anders als in den USA – jedoch nicht belegen. In den USA soll die KI-Finanzierungswelle bereits zum Anstieg der langfristigen Realrenditen beigetragen haben. Im Euroraum sei das Emissionsvolumen der Hyperscaler dafür schlicht noch zu klein, zudem stützten robuste Staatsanleihenmärkte die Stabilität.

Die Fachleute warnen jedoch: Bei weiter wachsendem Angebot, zunehmender Konzentration in Anleihenindizes und begrenzten Investorenbilanzen könnten Crowding-out-Effekte und steigende Risikoprämien künftig auch auf breitere Zinsniveaus im Euroraum durchschlagen – ein Trend, der von Anlegern genau beobachtet werden sollte.

Mehr zum Euroraum

Newsletter

FuW Daily

Erhalten Sie die wichtigsten News und Geschichten der FuW. Von Montag bis Freitag in Ihrem Postfach.

Weitere Newsletter

Einloggen