LEIPZIG / LONDON (IT BOLTWISE) – Europas Gesundheitspolitik und Fachgesellschaften rücken chronische Nierenerkrankungen (CKD) stärker in den Fokus als bislang. Im Hintergrund steht die klare Empfehlung, nicht nur Kreatininwerte zu betrachten, sondern die eGFR sowie den Albumin-Kreatinin-Quotienten (uACR) routinemäßig zu bestimmen. Die Initiative zielt vor allem darauf, Herz-Kreislauf-Risiken früh zu erkennen und Therapien sowie Dosierungen rechtzeitig anzupassen.

CKD-Früherkennung: Europa schaltet auf flächiges ScreeningCKD-Früherkennung: Europa schaltet auf flächiges Screening (Foto: IT BOLTWISE)

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Chronische Nierenerkrankungen (CKD) gelten in vielen Regionen weiter als Diagnose, die „zu spät“ gestellt wird. Genau daran setzen derzeit Präventions- und Screening-Programme an: Gesundheitsbehörden intensivieren Reihenuntersuchungen und ergänzende Aktivitätsangebote, um Risiken kontinuierlich zu überwachen und Folgeschäden langfristig zu reduzieren. Der Punkt ist dabei nicht nur medizinisch, sondern auch organisatorisch: Sobald CKD als Teil eines größeren Gefäß- und Herzrisiko-Puzzles behandelt wird, müssen Laborlogik, Überweisungswege und Terminplanung enger miteinander verzahnt werden.

Im Zentrum steht die Wechselwirkung zwischen Herz und Niere. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) weist im Vorfeld ihrer 18. Jahrestagung, die vom 8. bis 11. Oktober 2026 in Leipzig geplant ist, auf die hohe Dunkelziffer chronischer Nierenkrankheiten hin. Besonders deutlich wird die Relevanz an einem Kernmuster aus der Praxis: Etwa die Hälfte aller Patientinnen und Patienten mit Herzschwäche leidet zusätzlich unter einer chronischen Nierenkrankheit, die oft unentdeckt bleibt. Das europäische Safe Hearts Plan-Framework vom 16. Dezember 2025 stuft CKD dabei als einen zentralen Risikofaktor ein, wodurch sich die Forderung nach einem integrierten Ansatz für Herz-Kreislauf-Patienten zusätzlich verfestigt.

Medizinisch entscheidet dann die Frage, welche Laborwerte wirklich aussagekräftig sind. Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) in Zusammenarbeit mit der European Renal Association (ERA) empfehlen für Herz-Kreislauf-Patienten ein routinemäßiges Screening, bei dem nicht allein der Kreatininwert herangezogen wird. Stattdessen soll die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) über einen Bluttest bestimmt werden, während im Urin der Albumin-Kreatinin-Quotient (uACR) als Indikator für eine Schädigung herangezogen wird. Der technische Kern dahinter: Kreatinin allein kann je nach Ausgangsbedingungen weniger präzise sein, während eGFR und uACR zusammen ein differenzierteres Bild liefern, ob die Nierenfunktion bereits eingeschränkt ist und ob gleichzeitig ein erhöhtes Risiko für Gefäß- und Entzündungsprozesse besteht.

Auf der Ebene der Versorgungssteuerung macht die Größenordnung klar, warum das so ernst genommen wird: In Europa sind schätzungsweise 100 Millionen Menschen von CKD betroffen. Eine frühzeitige Diagnose eröffnet damit nicht nur die Möglichkeit für eine gezielte Therapie, sondern auch praktische Anpassungen im Medikationsalltag. Gerade bei verschiedenen Herz-Kreislauf-Programmen können Dosierungen bei eingeschränkter Nierenfunktion nötig werden, um Komplikationen zu vermeiden. Das betrifft in der Realität nicht nur „große“ Therapiesprünge, sondern auch das Zusammenspiel mehrerer Wirkstoffe über Jahre hinweg – ein Grund, warum Screening in der Praxis oft die Eintrittskarte für nachhaltige Behandlungspläne wird.

Parallel dazu wird die Früherkennung in anderen Bereichen mit moderner Diagnostik beschleunigt. In der Region Rhein-Kreis Neuss wird etwa ein Lungenkrebs-Screening mittels Niedrigdosis-Computertomografie (CT) eingesetzt, wobei der Scan laut Angaben des Radiologen Julian HägeIe vom ZRN Dormagen in weniger als 20 Sekunden durchgeführt werden kann. Das Programm richtet sich vor allem an aktive oder ehemalige starke Raucher, weil Lungenkrebs häufig in Stadien entdeckt wird, in denen eine Heilung kaum mehr möglich ist. Ergänzend untermauern wissenschaftliche Daten die Chancen einer verbesserten Früherkennung bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD): Die CHRONOS-Studie der Uniklinik Freiburg untersuchte 73 Raucher mit Beschwerden und 74 gesunde Kontrollen; über empfindliche Atemmessungen konnten Funktionsstörungen in den kleinen Atemwegen früh identifiziert werden, und eine anschließende inhalative Dreifachtherapie über zwölf Wochen führte bei den betroffenen Probanden zu einer signifikanten Verbesserung der Lungenfunktion sowie einer Linderung der Beschwerden.

Auch die vaskuläre Prävention bleibt dabei kein isoliertes Thema. Das Gefäßorum Österreich kündigte für den Zeitraum vom 21. bis 25. September 2026 kostenlose Ultraschall-Screenings zur Erkennung von Bauchaortenaneurysmen an, angeboten in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und Tirol. Da bis zu 80 Prozent der Betroffenen bei einer Ruptur versterben, richtet sich das Angebot primär an Risikogruppen wie Männer ab 60 Jahren sowie Frauen und Männer mit entsprechenden Vorbelastungen. Genau in dieser Kombination aus Risiko-Nähe und klarer Testlogik zeigt sich ein wiederkehrendes Muster vieler Präventionsprogramme: Sobald Ergebnisse zuverlässig sind, können konkrete Handlungswege schneller und zielgerichteter umgesetzt werden.

Damit rückt auch die gesundheitspolitische Ebene in den Fokus, weil Screening alleine nicht skaliert, wenn Strukturen und Budgets nicht mitziehen. Das Bundesministerium für Gesundheit treibt laut einem aktuellen Konzeptpapier eine Präventionsoffensive voran: Die Gesundheitsausgaben in Deutschland liegen demnach über dem EU-Durchschnitt, die Lebenserwartung jedoch darunter; Volkskrankheiten verursachen jährliche Kosten von über 175 Milliarden Euro. Obwohl sich die Ausgaben im Rahmen des Präventionsgesetzes seit 2015 verfünffacht haben, ist ein weiterer Vorschlag zur strukturellen Entwicklung für Anfang 2027 geplant, unter anderem mit einer größeren Rolle der Apotheken, etwa durch die Befugnis, alle Personen ab 18 Jahren mit Impfstoffen (ausgenommen Lebendimpfstoffe) zu versorgen. Daneben greifen regionale Programme der Krankenkassen: Die AOK PLUS startet ab September 2026 ein Herbstprogramm in 27 Filialen in Sachsen und Thüringen, flankiert von über 430 Veranstaltungen, die von Yoga-Kursen über Erste-Hilfe-Schulungen bis hin zu Beratungen zur elektronischen Patientenakte (ePA) reichen.

Für Entscheider in Kliniken, Praxen und Krankenkassen ist die Botschaft damit ziemlich konkret: CKD-Früherkennung wird zunehmend als Teil eines breiteren Herz-Kreislauf- und Gefäßmanagements verstanden. Wenn eGFR und uACR routinemäßig in Standardroutinen einfließen, entsteht mehr als nur „ein zusätzlicher Test“; es entsteht ein Daten- und Prozessrahmen, der spätere Eskalationen reduziert und die Wirksamkeit von Therapiepfaden erhöht. Gleichzeitig bleibt die praktische Herausforderung, Laborwerte schneller in verständliche Befunde zu übersetzen und Überweisungsentscheidungen daran zu koppeln – genau dort, wo KI-gestützte Auswertung in Zukunft helfen kann, ohne die medizinische Verantwortung aus den Händen zu nehmen.

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