Internationale Großstudie
Aktualisiert am 03.09.2026, 17:54 Uhr

Arteriosklerose beginnt viel früher als gedacht – teilweise schon mit 18 Jahren, wie eine Studie zeigt. Das könnte die Vorsorge für Herzinfarkte und andere Krankheiten verändern. (Symbolbild)
© Getty Images/iStockphoto/AndreyPopov
Arteriosklerose gilt als typische Alterskrankheit. Doch eine internationale Studie mit mehr als 16.000 Teilnehmern zeigt: Gefäßablagerungen lassen sich schon bei jungen Erwachsenen nachweisen – oft Jahrzehnte vor dem ersten Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Forscher fordern ein Umdenken bei der Vorsorge.
Fette, Blutgerinnsel und andere Substanzen lagern sich in den Wänden der Arterien ab, verengen die Gefäße schleichend – und können irgendwann einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen. Arteriosklerose zählt weltweit zu den häufigsten Todesursachen.
Bislang gilt die Erkrankung vor allem als Problem älterer Menschen. Eine internationale Studie unter Leitung von Henning Bundgaard vom Rigshospitalet in Kopenhagen und Borja Ibáñez vom spanischen Herz-Kreislauf-Forschungszentrum CNIC stellt diese Annahme nun grundlegend infrage: Bereits jeder 13. junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren trägt demnach stille Gefäßablagerungen in sich. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht und auf dem ESC-Kardiologiekongress 2026 vorgestellt.
Für die Untersuchung mit dem Namen REACT rekrutierten die Forschenden 16.808 Erwachsene im Alter von 18 bis 70 Jahren in Dänemark und Spanien. Keiner der Teilnehmenden hatte eine bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung.
Mithilfe von dreidimensionalem Ultraschall der Hals- und Beinschlagadern sowie einer speziellen Computertomografie der Herzkranzgefäße durchleuchteten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen drei zentrale Gefäßregionen – und stießen auf ein alarmierendes Ergebnis: Bei 57,1 Prozent aller Teilnehmenden fanden sich atherosklerotische Ablagerungen, sogenannte Plaques, obwohl niemand Beschwerden hatte oder von einer Vorerkrankung wusste.
Ablagerungen bereits ab dem 18. Lebensjahr nachweisbar
Besonders bemerkenswert sind die Befunde bei den Jüngsten. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen wiesen 8,7 Prozent der Männer und 6,7 Prozent der Frauen bereits Veränderungen in mindestens einem Gefäß auf, wie es in der Studie heißt. Mit steigendem Alter nahm die Häufigkeit drastisch zu. Bei den 60- bis 70-Jährigen waren neun von zehn Personen betroffen.
Auch das Ausmaß der Ablagerungen veränderte sich mit den Lebensjahren erheblich. Bei jüngeren Menschen beschränkten sich die Plaques meist auf ein einzelnes Gefäßgebiet – etwa die Hals- oder Beinarterien. Im höheren Alter hingegen wuchs das Volumen der Ablagerungen exponentiell an und es waren zunehmend mehrere Gefäßregionen gleichzeitig betroffen. Die Forschenden leiten daraus einen typischen Krankheitsverlauf ab: schleichender Beginn, gefolgt von einer massiven Beschleunigung im mittleren und höheren Erwachsenenalter.
Zwischen den Geschlechtern zeigten sich deutliche Unterschiede. Männer entwickelten die Gefäßveränderungen im Schnitt fünf bis zehn Jahre früher als Frauen. Bei Frauen hingegen stieg die Häufigkeit der Arteriosklerose vor allem zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr steil an – eine Phase, die zeitlich mit den Wechseljahren zusammenfällt. Die Ergebnisse unterstreichen nach Einschätzung der Studienautoren, wie wichtig geschlechtsspezifische Präventionsstrategien sind.
Bisherige Risikoeinschätzung greift zu kurz
Ein weiterer zentraler Befund betrifft die gängigen Methoden zur Einschätzung des Herz-Kreislauf-Risikos. Instrumente wie der verbreitete Risiko-Score SCORE2, der Faktoren wie Alter, Blutdruck, Cholesterin und Raucherstatus berücksichtigt, identifizierten laut der Studie nur einen Bruchteil der Menschen, die bereits stille Ablagerungen in ihren Gefäßen trugen.
Forscher Ibáñez fordert deshalb einen grundlegenden Wandel in der Vorsorge: „Jahrzehntelang haben wir das Herz-Kreislauf-Risiko anhand von Faktoren wie Alter, Blutdruck und Cholesterin geschätzt. Diese Studie zeigt, dass wir nun einen Schritt weitergehen und die Krankheit direkt erkennen können, bevor sie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verursacht.“
Statt das Erkrankungsrisiko nur indirekt zu berechnen, solle die Arteriosklerose künftig direkt durch bildgebende Verfahren sichtbar gemacht werden, so Ibáñez. Vorbeugende Maßnahmen und die Behandlung von Risikofaktoren könnten dann gezielt an den tatsächlichen Gefäßzustand angepasst werden.
Ultraschall könnte die Früherkennung revolutionieren
Wie die Studienergebnisse zeigten, war eine Arteriosklerose, die ausschließlich die Herzkranzgefäße betraf, in allen Altersgruppen selten. Die allermeisten Teilnehmenden mit Veränderungen an den Koronararterien hatten gleichzeitig auch Ablagerungen in den Hals- oder Beinschlagadern. Da sich diese Gefäße vergleichsweise einfach, schnell und ohne Strahlenbelastung per Ultraschall untersuchen lassen, sehen die Forschenden darin einen praktikablen Ansatz für ein breit angelegtes Screening.
Ibáñez erklärte: „In dem Modell, das wir vorschlagen, werden tragbare Ultraschallgeräte, die von jeder medizinischen Fachkraft bedient werden können, zum Standardinstrument für die Arteriosklerose-Früherkennung ab dem frühen Erwachsenenalter.“
Studienleiter Bundgaard ergänzte: „Bisher basierten Entscheidungen zur Prävention auf einer Risikoschätzung, ohne dass wir wussten, ob die Krankheit bereits vorhanden ist. REACT zeigt, dass Arteriosklerose Jahrzehnte vor dem Auftreten klinischer Symptome erkannt werden kann.“
Zweite Phase soll klären, ob Früherkennung Leben rettet
Ob eine solche bildgebende Früherkennung tatsächlich dazu beitragen kann, Herzinfarkte und Schlaganfälle zu verhindern, muss allerdings noch belegt werden. In einer geplanten zweiten Studienphase von 2027 bis 2032 wollen die Forschenden in einer großen randomisierten klinischen Studie untersuchen, ob eine an Gefäßaufnahmen orientierte Präventionsstrategie das Fortschreiten der Arteriosklerose bremsen oder sogar stoppen kann.
Empfohlenes Video
Acht Stunden Schlaf? Forscher stellen Regel infrage

© bitprojects
Valentin Fuster, Generaldirektor des CNIC und an REACT beteiligt, sagte: „Seit Jahren vertreten wir die These, dass ein frühes Eingreifen bei Arteriosklerose nicht nur deren Fortschreiten verhindern, sondern die Krankheit möglicherweise sogar heilen könnte.“
Empfehlungen der Redaktion
Die Studie hat allerdings auch Einschränkungen: Untersucht wurden ausschließlich Menschen aus Dänemark und Spanien – ob die Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen übertragbar sind, muss sich erst zeigen. Die Forschenden haben deshalb bereits Kooperationen mit Partnern in Indien, Singapur, Tansania und Mexiko aufgebaut, um die Befunde weltweit zu überprüfen. (red)
Verwendete Quellen