Hier geht eine
Ära zu Ende. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat gestern die
Schließung der deutschen Goethe-Institute angekündigt, wie er sagte, als
Reaktion auf die Schließung des Russischen Hauses in Berlin durch die
Bundesregierung. Dieses hatte sich unter anderem als Treffpunkt für russische
Einflussagenten keinen guten Namen gemacht.
Was wie ein
weiterer reziproker Verwaltungsakt im hybriden Konflikt von Russland gegen Deutschland
klingt, ist weit mehr aus der Sicht von Russen und von Deutschen, die noch nach
Russland reisen oder dort leben. Das Ende des Goethe-Instituts in Russland ist
das Ende einer Hoffnung, eines Treffpunkts beider Länder jenseits der Politik und
eines Fensters nach Europa für viele Russinnen und Russen. Und dem darf ruhig
einmal nachgetrauert werden.
Als ich im
vergangenen Winter zum letzten Mal im Moskauer Goethe-Institut war, sah ich mit
vielen jungen Leuten den Film Hannah Arendt von Margarethe von Trotta. Danach
gab es eine kleine Diskussion auf Russisch und mehrere Gespräche am Rande in
der gut sortierten Bibliothek des Instituts. Das Moskauer Goethe-Institut liegt
am Leningradskij Prospekt nahe dem Belarussischen Bahnhof, ein renovierter
Backsteinbau. Dort waren zuletzt noch ein paar Seminarräume, Verwaltungsbüros
und die schöne Bibliothek. Das soll nun geschlossen werden, genauso wie das
Institut in St. Petersburg und die Niederlassung in Nowosibirsk.
Das war nur
noch ein kleiner Restbestand der einst mächtigen Operation Goethe in Russland. Seit
seiner Eröffnung 1992 waren die Vertretungen in Russland zum größten Goethe-Regionalinstitut
weltweit angewachsen, mit Moskau als größtem Institut überhaupt. Kaum eine
andere Einrichtung hat so enge Verbindungen in die russische Zivilgesellschaft
aufgebaut wie das Goethe-Institut. Ein Netz von Niederlassungen und
Nebenstellen in der Provinz verbreitete die deutsche Sprache, organisierte
Ausstellungen und Diskussionen und schlug Brücken zwischen der russischen und
deutschen Kultur. Viele Russen
und Russinnen setzten sich für die Verbreitung der deutschen Sprache ein. Sogar
Ljudmila Putina, die geschiedene Ehefrau des Herrschers, erhielt als
Deutschlehrerin 2002 den Jacob-Grimm-Preis für Verdienste um die Verbreitung
der deutschen Sprache in Russland.
Die Institute waren Orte ohne Angst
Ein ehemaliger
russischer Mitarbeiter erinnert sich, wie das Goethe-Institut in Russland nach
dem Ende der Sowjetunion zu einem Ort wurde, an dem sich die in Russland so
chronische Angst auflöste. Viele russische Organisationen, die sich für das
Ausland und Europa interessierten, wandten sich an das Goethe-Institut mit
ihren Projektideen. Ob in Moskau, St. Petersburg oder im weiten Land – das
Goethe-Institut war für viele Russen die nahe liegendste Art, kurz mal ins
Ausland zu reisen. »Das Goethe« organisierte viele Veranstaltungen mit
russischen Theatern, Ausstellungen mit Museen, wie die legendäre Schau Bilder,
die noch fehlten im Moskauer Haus der Fotografie. Oder die Festspiele zum 250.
Geburtstag von Goethe und dem 200. Geburtstag von Puschkin, unter anderem in
Zusammenarbeit mit dem Moskauer Bolschoi-Theater.
Das alles ist
leider schon länger vorbei – und hat mit der Schließung des Russischen Hauses
in Berlin nichts zu tun. Das
dichte Netz von deutschen Kultur- und Sprachlehreinrichtungen im ganzen Land hatte
der russischen Regierung schon Jahre zuvor nicht gefallen. Als Deutschland und
Russland 2022 in mehreren Runden Mitarbeiter der Botschaften auswiesen,
eskalierte Russland. Die Regierung entzog Hunderten Deutschen die
Aufenthaltsberechtigung. Damit traf sie gezielt die Mitarbeiter deutscher
Kulturinstitutionen und deutsche Lehrer, die diplomatischen Status genossen.
Was früher ein Schutz war, wurde jetzt zur Falle. Von den rund 200
fest angestellten Mitarbeitern des Goethe-Instituts mussten fast alle gehen. Zuletzt
arbeiteten nur noch 15 Mitarbeiter im Goethe-Institut, die wenigsten von ihnen
aus Deutschland. An mehr hatte die russische Regierung kein Interesse.
Hybrider Krieg
Z+ (abopflichtiger Inhalt);
Konflikt mit Russland:
Soll das denn ewig so weitergehen?
Z+ (abopflichtiger Inhalt);
Drohnenangriff in Leipzig:
Russland war’s!
Z+ (abopflichtiger Inhalt);
Claudia Major:
»Für Putin ist dieser Herbst ein Moment der europäischen Schwäche«
Die Präsidentin des Goethe-Instituts, Carola Lentz, sprach Ende 2021
über deutsche auswärtige Kulturpolitik und distanzierte sich ausdrücklich von
dem Begriff »Soft Power«, den sie Politikwissenschaftlern und Politikern
zuschrieb. Damals verdrehte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Marija Sacharowa, den Sinn ihrer Worte und unterstellte, Deutschland wolle mit
der Spracharbeit Einfluss in Russland nehmen. Sacharowa trieb danach die
Sperrung der Bankkonten des Goethe-Instituts in Russland mit voran. Das
Vorgehen gegen die deutsche Sprache in Russland bekam eine gesetzliche
Grundlage.
Die russische Regierung zerstört die Bindung zu Deutschland
Mit dem Schuljahr 2023/24 führte Russland an allen Schulen einen
neuen Bildungsstandard ein, der die zweite Fremdsprache betraf. Dabei ging es in
erster Linie um Deutsch, das in Russland am häufigsten als zweite Fremdsprache
gelehrt wurde. Heute ist die zweite Fremdsprache kein Pflichtfach mehr, viele
russische Schulen haben sie aus dem Programm genommen. Die Zahl der
Deutschlehrer ist seither drastisch zurückgegangen. Der stellvertretende
Parlamentsvorsitzende Pjotr Tolstoj sagte dazu, dass das Lernen von
Fremdsprachen künftig nicht mehr so wichtig sei. »Russisch reicht auch.« Trotzdem erreichten die Sprachkurse
des Goethe-Instituts im Jahr 2025 zuletzt noch 10.000 Lernende, wurden 22.000 Prüfungen abgelegt.
© Lea Dohle
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Bei allen Maßnahmen, nach denen die Bundesregierung als Antwort
auf den hybriden Krieg Russlands sucht, muss man wissen: Der russischen
Regierung ist sehr an der Zerstörung der zivilgesellschaftlichen Bindungen
zwischen Russland und Deutschland gelegen. »Vergesst Europa!«, lautet die
Botschaft Putins an sein Volk. Dazu passt die Stigmatisierung und strafgesetzliche
Verfolgung der meisten zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich einst
um die Vernetzung der Menschen in Russland mit Deutschland verdient gemacht
haben. Als Beispiele seien genannt: Memorial, der DAAD, das Deutsche
Historische Institut, die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde, zuletzt die
Forschungsstelle Osteuropa und viele andere. Sie alle sind aus staatlich-russischer Sicht »unerwünschte«, ja sogar »extremistische« Organisationen.
Mit dem Goethe-Institut verschwindet nun eines der letzten
Bindeglieder zwischen den Gesellschaften, das Fenster nach Europa schließt sich.
Wenn die Bundesregierung jetzt ankündigt, sie wolle auch bei den C-Visa für
russische Staatsbürger restriktiver werden, lohnt es sich, einmal kurz innezuhalten
und genau zu schauen, wen in Russland man treffen will. Leute, die in Leipzig
Drohnen fliegen lassen, trifft man so wahrscheinlich nicht. Hier geht es um
jene Einreise-Visa, die es russischen Bürgern ermöglichen, Verwandte in
Deutschland oder einfach auch nur Deutschland zu besuchen. Noch so ein kleines Fenster.
Vielleicht sollten wir nicht alles zumachen.