Am Tag nach dem mutmaßlichen Mord an einer jungen Frau durch den Bruder ihres Partners bleiben noch viele Fragen offen. Nicht nur bei den Nachbarn in Graz sitzt der Schock tief.
Es ist ein strahlend schöner Freitagvormittag in der Grazer Innenstadt, die Straßen und Gastgärten sind gut gefüllt. In einem Innenhof eines prächtigen Stadtpalais ganz in der Nähe des Bischofssitzes werden von einer Reinigungsfirma Glasscherben zusammengekehrt. Es sind die Spuren einer fürchterlichen Gewalttat, die sich am Donnerstag hier ereignet hat.
Gegen 12.40 Uhr soll ein 23-Jähriger eine 24-jährige Frau tödlich verletzt haben, das Opfer konnte nicht mehr gerettet werden und verstarb noch an Ort und Stelle. Der mutmaßliche Täter wurde kurz nach der Tat von Beamten der Schnellen Interventionsgruppe (SIG) im Stiegenhaus festgenommen. Wie die Polizei nach anfänglicher Zurückhaltung am Freitagnachmittag bekanntgab, handelte es sich bei dem Mann um den Bruder des Lebensgefährten des Opfers. Das Paar lebte gemeinsam in der zweistöckigen Dachgeschosswohnung, sein Bruder wohnte nicht an dieser Adresse.
Dachgeschossfenster im obersten Stockwerk zerstört
Ermittler des Landeskriminalamts Steiermark (LKA) hatten noch vor Ort die weiteren Erhebungen zur Klärung des Tötungsdelikts übernommen. Spezialisten sicherten am Tatort Spuren, um den genauen Ablauf des Geschehens rekonstruieren zu können. Eines der wenigen Details, die man bislang veröffentlichen konnte: Der Mann soll sich gewaltsam Zutritt zur Wohnung verschafft haben, während die 24-Jährige gerade alleine zuhause war.
© Nina MüllerEin Fenster im oberen Dachgeschoss wurde zerstört und notdürftig abgedeckt, die Scherben lagen im Innenhof
Hinter dem ganz offenbar zerstörten Dachgeschossfenster im obersten Stockwerk, von dem die Scherben im Innenhof stammen dürften, haben sich wohl unbeschreibliche Szenen abgespielt. Was die Tatortarbeit und Spurensicherung zum Tathergang ergeben haben, das wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen bewusst nicht veröffentlichen. Zudem wollte man so eine weitere Traumatisierung der Angehörigen vermeiden.
Nachbarn über Gewalttat im Grazer Innenstadt-Haus bestürzt
Das junge Paar, das seit etwa zweieinhalb Jahren hier wohnte, habe er immer wieder einmal im Stiegenhaus getroffen, sagt ein Nachbar, der Tür an Tür mit dem Opfer wohnte. „Es ist einfach fürchterlich, dass so etwas Grausames direkt hier passiert – das hätte ich mir niemals vorstellen können.“ Mitbekommen habe er aber kaum etwas, obwohl er zum Tatzeitpunkt direkt nebenan im Homeoffice in seiner Wohnung arbeitete. „Ich hatte mein Headset auf, gerade einmal die Rettungssirene habe ich kurz gehört, aber das auch nur kurz“, erzählt er. Umso größer die Bestürzung, als er erfuhr, dass die junge Frau gewaltsam sterben musste.
© Nina MüllerDie amtliche Versiegelung an der Tür weist darauf hin, dass dahinter etwas Schreckliches passiert ist
„Es ist furchtbar und macht mich sehr betroffen“, sagt eine andere Nachbarin, die schon seit mehr als 20 Jahren hier in einer der ausgebauten Wohnungen im Innenhof des Palais wohnt. „Ich habe nicht einmal ein Gesicht vor mir, aber wir sind uns bestimmt immer wieder einmal beim Briefkasten oder beim Müllausleeren begegnet.“ Sie selbst war zum Tatzeitpunkt gerade nicht in ihrer Wohnung, sondern in einem Gastgarten ganz in der Nähe – dort war die schreckliche Tat am Donnerstag, die durch das hohe Polizeiaufkommen nicht unbemerkt geblieben war, das einzige Gesprächsthema.
© Nina MüllerDas Haus liegt in unmittelbarer Nähe zum Bischofssitz und zur Grazer Stadtpfarrkirche
Die Frage nach dem Warum stellt sich am Tag nach der Tat weiterhin. Und weiterhin gibt es aber keine Antwort darauf. Denn der mutmaßliche Täter hat jegliche Angaben zum Tatgeschehen sowie zum Motiv verweigert und damit von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch gemacht. Über Anordnung der Staatsanwaltschaft Graz sollte der Mann im Laufe des Freitags in die Justizanstalt Graz-Jakomini eingeliefert werden, hieß es. Dort wird am Wochenende über die Untersuchungshaft entschieden.
Die Obduktion des Leichnams der 24-Jährigen hat ebenfalls am Freitag auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Graz stattgefunden, auch zu möglichen Erkenntnissen daraus hielt sich die Polizei nach wie vor bedeckt.
Die Ermittlungen zur genauen Rekonstruktion des Tathergangs und der Hintergründe würden jedenfalls andauern, hieß es von der Polizei. Ermittelt wird gegen den 23-Jährigen wegen Mordverdachts.
Rasche Hilfe in Krisensituationen
In Krisensituationen gibt es mehrere Anlaufstellen, an die man sich wenden kann:
PsyNot Steiermark: die kostenfreie Hotline ist 24 Stunden am Tag unter 0800 / 44 99 33 zu erreichen
Rat auf Draht: unter der Telefonnummer 147 ist ein Notruf für Kinder, Jugendliche und deren Bezugspersonen eingerichtet – kostenlos und ebenfalls rund um die Uhr
Telefonseelsorge ist unter der Nummer 142 zu erreichen.