Als TOXICITY von System Of A Down im September 2001 erschien, wirkte es wie ein musikalischer Urknall. Dabei begann alles erstaunlich unspektakulär: Daron Malakian schrieb den Großteil der Lieder in seinem alten Kinderzimmer, während seine Eltern im Nebenzimmer fernschauten. Als die Platte veröffentlicht wurde und ‘Aerials’ oder ‘Chop Suey!’ plötzlich auf MTV liefen, erkannten seine Eltern die Melodien wieder, die sie zuvor durch die Wand gehört hatten.

Malakian war in dieser Phase so produktiv, dass die Band über 30 Lieder zur Auswahl hatte. Gemeinsam mit Rick Rubin und Manager David Benveniste entschied man demokratisch, welche Stücke auf das Album kommen sollten. Die übrigen Songs wurden später neu eingespielt und als STEAL THIS ALBUM! (2002) veröffentlicht – ein Beleg dafür, wie hoch die kreative Schlagzahl in dieser Zeit war.

Die Kunst, Chaos und Harmonie zu vereinen

TOXICITY ist ein Album, das sich jeder eindeutigen Genre-Zuordnung entzieht. Es wird als Alternative Metal und Nu Metal beschrieben, aber auch als Thrash, Art Metal, Hard Rock, Progressive Metal und Heavy Metal. Dazu kommen Folk‑Fragmente, Jazz‑Ausbrüche, Middle Eastern‑Skalen, griechische Melodien und Instrumente wie Sitar, Banjo, Piano oder Keyboard.

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Malakian formulierte die Herausforderung im Interview mit Loudwire so: „Ich wollte mehr Harmonie hinzufügen, aber nicht die Härte verlieren.“ Dieser Spagat gelingt, weil die Band die extreme Vielfalt immer wieder auf treibende Rhythmen und melodische Hooks zurückführt. Serj Tankians Stimme ist dabei der Fixpunkt: Sie springt zwischen gesungenem Rap, hysterischen Ausbrüchen und baritonalen Growls, ohne jemals den Faden zu verlieren. Was auf dem Debüt bereits angedeutet war, wird hier zur radikalen Handschrift: System Of A Down mischen Genres wie am Buffet, aber mit dem Feingefühl eines Sternekochs. Das Ergebnis ist ein brutal melodisches Potpourri, das die Musikwelt noch nicht gehört hatte.

Im falschen Moment erschienen

TOXICITY erschien am 4. September 2001 – und wurde eine Woche später von den Ereignissen des 11. September überschattet. Die Band hatte unbeabsichtigt einen Soundtrack zu einer globalen Katastrophe geliefert. Serj Tankian beschrieb die Situation rückblickend als „unglaublich surreal“.

Besonders heftig wirkte ‘Chop Suey!’ in diesem Kontext. Der Refrain „Trust in my self-righteous suicide / I cry when angels deserve to die“ wurde plötzlich mit Bildern des Einsturzes der Twin Towers assoziiert. Zweitweise wurde das Lied nicht mehr im Radio gespielt, weil die Zeilen als unpassend empfunden wurden. Viele erinnern sich daran, wie sie die Türme einstürzen sahen und gleichzeitig die Textzeilen aus ‘Toxicity’ hörten: „You, what do you own the world? / How do you own disorder? Disorder…“ Ein Zufall, der sich für die Band wie ein Schlag ins Gesicht anfühlte.

Die Welt hört zu

Schon ohne diesen Kontext wäre TOXICITY ein Ereignis gewesen. Das Album stieg direkt auf Platz 1 der Billboard 200 ein und verkaufte 220.000 Exemplare in der ersten Woche. Alle Singles erreichten die Billboard Hot 100; ‘Aerials’ wurde ein Nummer eins‑Hit der Rock‑Charts. Erst vor zwei Jahren, in der großen METAL HAMMER-Liste der 500 besten Metal-Alben aller Zeiten, landete TOXICITY auf Platz 10. Ein Ritterschlag, der zeigt, wie zeitlos und einflussreich dieses Werk ist.

TOXICITY weigert sich, zu zerfallen

Eigentlich müsste ein Album mit dieser Fülle von Einflüssen zerfasert wirken. Doch System Of A Down schafften es, durch die ständige Rückbesinnung auf Rhythmus und Melodie eine Klarheit zu erzeugen, die den Wahnsinn strukturiert. Schon der Opener ‘Prison Song’ dringt direkt ins Langzeitgedächtnis. Jedes Stück hat eine eigene Identität, aber alle gehören zu einem organischen Ganzen.

Über allem thront ‘Chop Suey!’ als größter Hit der Band. Ein Song, der gleichzeitig absurd, emotional und perfekt komponiert ist. Dass dieses Werk erst das zweite Album der Band ist, wirkt rückblickend fast grotesk. Die Reife, die Konsequenz, die Vision – all das deutet auf eine Band hin, die bereits mitten in ihrer Hochphase steckt. Seine zeitlose Konstanz, sein Einfluss und seine kompromisslose Eigenständigkeit machen TOXICITY zu einem der wichtigsten Metal‑Alben des 21. Jahrhunderts. Und zu einem Werk, das auch heute noch jede Ecke erreicht und jeden einfängt, der versucht, sich ihm zu entziehen.


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