Ein Patient hat einen Termin für eine Zahn-OP. Doch etwas ist anders an diesem Tag. Das medizinische Personal zieht sich vor der Operation über die üblichen Handschuhe noch ein weiteres paar Handschuhe. Und alle sind komplett vermummt. „Verwiesen wird in solchen Fällen dann auf vermeintliche Hygienevorschriften, die es so aber gar nicht gibt“, sagt Brigitte Ströbele, Geschäftsführerin des Vereins Aidshilfe Tübingen-Reutlingen mit Sitz in Tübingen. Sein Einzugsbereich erstreckt sich über die gesamte Region Neckar-Alb, also auch über den Zollernalbkreis. Der Grund für die doppelte Vorsicht während der Zahn-OP: Der zu behandelnde Patient ist HIV positiv. Zugetragen hat sich diese Zahnarzt-Episode nicht in den 1980er-Jahren, sondern erst vor ein paar Wochen.
Rückblick: Im Jahr 1983 entdeckten Forscher das HI-Virus Typ 1, drei Jahre später Typ 2. Der „Spiegel“ titelte seinerzeit: „Die tödliche Seuche Aids“. Was folgte, waren viele Jahre der Stigmatisierung. Vor allem homosexuelle Männer und drogenabhängige Menschen waren dieser allgemeinen (Vor-)Verurteilung ausgesetzt.

Beim Christopher-Street-Day (CSD) in Balingen im Jahr 2025 war die Aidshilfe Tübingen-Reutlingen auch mit einem Stand vor Ort. (Foto: Aidshilfe Tübingen-Reutlingen)
Und über 40 Jahre später? „Während Medizin und Forschung in den vergangenen 26 Jahren enorme Fortschritte in der Behandlung von HIV gemacht haben, sind diese Errungenschaften im gesellschaftlichen Umgang mit HIV-positiven Menschen weniger zu erkennen“, so Melanie Eisele, die in der Aidshilfe für den Bereich Prävention und Bildungsangebote zuständig ist. Aids ist heute längst nicht mehr die „tödliche Seuche“, wie der „Spiegel“ einst titelte. Das heißt gleichwohl nicht, dass sie für Betroffene nicht auch weiterhin tödlich enden kann. Frühzeitig erkannt und behandelt, kann man das Fortschreiten der Krankheit medikamentös aber mit großer Wahrscheinlichkeit aufhalten und die Virenlast unter die Nachweisgrenze bringen.
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„Um auch mal etwas die Panik aus der öffentlichen Debatte herauszunehmen, ist es wichtig zu wissen, dass das HI-Virus in Deutschland gar nicht so weitverbreitet ist, wie häufig vermutet wird“, sagt Ströbele. Bei rund 95 Prozent der derzeit etwa 97.000 mit dem HI-Virus infizierten Menschen in Deutschland liege die Virenlast unter der Nachweisgrenze. „Sie gelten damit als nicht mehr ansteckend.“ Und selbst wenn man auch einmal ungeschützten Sex mit einem infizierten Partner oder einer infizierten Partnerin habe, komme es dabei in den allermeisten Fällen nicht zu einer Übertragung des Virus.
Da es aber auch nicht ausgeschlossen ist und es noch einige andere sexuell übertragbare Infektionen gibt, „ist unsere Präventionsarbeit so wichtig“, betont Melanie Eisele. Die beginnt bei Siebtklässlern in Schulen in der gesamten Region, reicht über diverse Infoveranstaltungen und -stände und endet bei persönlichen Beratungsgesprächen und Hilfestellungen in den Räumen der Aidshilfe in der Herrenberger Straße in Tübingen, an die auch das vom Verein organisierte Café Rote Schleife angeschlossen ist.
Es sei wichtig, das Thema HIV und Aids auch immer in Relation zu stellen. „Denn es ist viel wahrscheinlicher, dass man sich bei einem One-Night-Stand ohne Kondom mit Chlamydien, Gonorrhoe oder etwas anderem ansteckt“, erklärt Ströbele. „Wir versuchen dann immer, die Panik herauszunehmen, irgendwo aber auch die Scham aufzufangen und erstberatend zur Seite zu stehen.“
Aidshilfe Tübingen-ReutlingenHilfe und Beratung seit 40 Jahren
Seit 1986 unterstützt die Aidshilfe Tübingen-Reutlingen Menschen mit HIV/Aids sowie Menschen mit Suchterkrankungen (mit und ohne HIV). Mit Beratung, Begleitung und niedrigschwelligen Angeboten setzt sich die Beratungsstelle für ein würdevolles Leben ohne Ausgrenzung ein. Unter dem Namen Checkpoint gibt es verschiedene Testangebote auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen. In Schulen und Einrichtungen im Gesundheitswesen machen zwei Sozialarbeiterinnen Workshops und Vorträge zu HIV/STIs, Rausch und Risiko sowie sexueller Gesundheit. Die Aidshilfe ist zudem eine Anlaufstelle für queere Menschen.
Reguläre Checkpoint-Termine:
Jeden ersten Dienstag im Monat von 18.30 bis 21 Uhr; jeden Montag 15 bis17 Uhr; Anmeldung zu den Sprechzeiten Montag 15 bis 17 Uhr, Mittwoch bis Freitag 10 bis12 Uhr
Herrenberger Straße 9; 72070 Tübingen; 07071 44490
weitere Informationen www.aidshilfe-tuebinngen-reutlingen.de
Dieser Alltag der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Aidshilfe Tübingen-Reutlingen zeigt, wie sich der Verein seit seiner Gründung vor 40 Jahren gewandelt hat. Seinerzeit gegründet von einer Gruppe schwuler Männer steht Aids zwar „wegen der Bekanntheit in der Öffentlichkeit“ (Ströbele) nach wie vor plakativ im Vereinsnamen. „Aber wir sind längst zu einer allgemeinen ‚Beratungsstelle für die sexuelle Gesundheit‛ geworden. Und bieten in diesem Zusammenhang auch Tests auf die unterschiedlichen Geschlechtskrankheiten an.“Eine Anlaufstelle, die im vergangenen Jahr von 604 Menschen aufgesucht wurde. Bei ihnen wurden insgesamt 1431 Tests – etwa auf HIV, Chlamydien und Syphilis durchgeführt. „Dabei ist es uns wichtig, unser Angebot niederschwellig zu halten“, sagt Ströbele, „konkret heißt das, man kann sich bei uns anonym und kostengünstig testen lassen.“
Dabei ist es uns wichtig, unser Angebot niederschwellig zu halten, konkret heißt das, man kann sich bei uns anonym und kostengünstig testen lassen.
Brigitte Ströbele, Geschäftsführerin der Aidshilfe Tübingen-Reutlingen
Doch die bei der Aidshilfe beschäftigten Sozialpädagogen und Psychologen führen nicht nur Präventionsveranstaltungen und Tests durch, der Verein ist auch eine Anlaufstelle für die unterschiedlichsten Gruppen. Etwa jene Gruppen, die auch heute noch tagtäglich von Teilen der Gesellschaft (sexual-)gesundheitlich stigmatisiert werden. Seien es Drogenabhängige, Homosexuelle oder Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. „In den Anfängen der Aidshilfe haben wir uns augenzwinkernd als ‚Allianz der Schmuddelkinder‛ bezeichnet“.
Man könne aus Sicht der Aidshilfe jetzt nicht sicher sagen, dass sich die allgemeine Stimmung diesen Gruppen gegenüber in der Gesellschaft, ob der zunehmenden, gesellschaftlichen Spaltung und des zu spürenden Rechtsrucks, verschlechtert hat. „Was wir aber feststellen, dass sich gerade auch unter jungen Menschen die Ablehnung dieser Gruppen immer wieder einmal auch in verbaler Aggression äußert“, sagt Eisele. Man versuche dann selbst argumentativ dagegenzuhalten. „Wenn Äußerungen aber beispielsweise in einem Aufruf zur Gewalt münden, suchen wir nach dem Besuch der Schulklasse, der extra ohne Lehrkräfte stattfindet, auch das Gespräch mit Schulsozialarbeitern.“

Im Checkpoint der Aidshilfe Tübingen-Reutlingen können sich Menschen auf unterschiedliche Geschlechtskrankheiten testen lassen. (Foto: Aidshilfe Tübingen-Reutlingen)
Das Stigma, dem die „Schmuddelkinder“ ausgesetzt sind, weist, so die Erfahrung von Ströbele, Eisele und Co. auch ein großes Stadt-Land-Gefälle auf. „Wir haben explizit auch schon Infoveranstaltungen auf der Schwäbischen Alb organisiert, da sind nur wenige gekommen.“ Und das liege mit Sicherheit nicht daran „dass die Menschen auf der Alb weniger Sex haben, sondern wohl daran, dass die Sichtbarkeit des einzelnen natürlich viel größer ist, als in einem urbaneren Umfeld wie in Tübingen oder Reutlingen.“
Was Stadt und Land eint, ist hingegen die Tatsache, dass die finanziellen Mittel für die Aidshilfe aus den öffentlichen Haushalten vielerorts zurückgefahren werden. „Wir machen unsere Arbeit und setzen hierfür die Mittel ein, die uns zur Verfügung stehen,“ so Ströbele. „Wenn tatsächlich gekürzt werden sollte, müssen wir unsere Angebote entsprechend einschränken.“ Eine Arbeit, die gleichwohl nicht weniger wird, auch wenn das die Wunschvorstellung von Melanie Eisele und Brigitte Ströbele wäre. „Der beste Fall wäre doch, dass sich unser Verein auflösen könnte, weil es für uns nichts mehr zu tun gibt.“ Dass dies eine Utopie bleiben wird, ist allen Beteiligten aber auch klar.