Anderes Denken
06. September 2026 09:57
Dennis Lenz

(Symbolbild) Rund acht Prozent aller Kinder weltweit sind von ADHS betroffen, und die Diagnose wird meist ausschließlich über ihre Defizite beschrieben. Eine im Fachjournal iScience erschienene Arbeit der Neurowissenschaftlerin Radwa Khalil von der Constructor University in Bremen zeichnet ein anderes Bild: Dieselben Aufmerksamkeitsmuster, die den Alltag erschweren, begünstigen demnach das Erkunden ungewöhnlicher Ideenverbindungen. Kreative Tätigkeiten wie Kunst, Musik und Tanz könnten dieses Potenzial gezielt nutzbar machen.
(Foto: © Forschung und Wissen)
ADHS gilt im Alltag vor allem als Belastung: Konzentration fällt schwer, Impulse lassen sich kaum bremsen, Routineaufgaben werden zur Geduldsprobe. Zugleich finden sich die typischen Merkmale auffällig oft bei erfolgreichen Künstlern, Musikern und Erfindern. Eine im Fachjournal iScience erschienene Arbeit unter Leitung der Neurowissenschaftlerin Radwa Khalil von der Constructor University in Bremen löst diesen scheinbaren Widerspruch auf und zeigt, warum genau die zerstreute Aufmerksamkeit von Menschen mit ADHS messbar mehr neuartige Ideen hervorbringt.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, zählt zu den häufigsten neurologischen Entwicklungsbesonderheiten überhaupt. Schätzungen zufolge sind weltweit rund acht Prozent aller Kinder betroffen, und bei vielen bleiben die Merkmale bis ins Erwachsenenalter bestehen. Typisch sind Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit über längere Zeit auf eine einzelne Aufgabe zu richten, dazu kommen häufig Impulsivität und ein starker Bewegungsdrang. In Schule, Studium und Beruf, wo anhaltende Konzentration ständig gefordert wird, führt das zu handfesten Nachteilen, weshalb Diagnostik und Behandlung traditionell fast ausschließlich auf die Defizite blicken. Genau diese einseitige Sichtweise stellt die Forschung zunehmend infrage, denn dieselbe Diagnose findet sich auch in den Biografien außergewöhnlich erfolgreicher Kreativer, als Beispiele nennt die beteiligte Hochschule etwa den Musiker Justin Timberlake und die Turnerin Simone Biles.
Khalil und ihre Koautoren, darunter Forscher mehrerer französischer Einrichtungen, haben für ihre Arbeit den Stand der Neurowissenschaft zu Aufmerksamkeit und Kreativität systematisch zusammengeführt. Ihr zentrales Bild ist das eines Scheinwerfers: Die meisten Menschen können den Lichtkegel ihrer Aufmerksamkeit eng auf eine Sache bündeln. Bei ADHS ist der Scheinwerfer dagegen deutlich weiter aufgezogen, das Gehirn nimmt mehr Informationen gleichzeitig auf. Für Routineaufgaben, die einen engen Fokus verlangen, ist das hinderlich. Für kreatives Denken kehrt sich der Nachteil jedoch um, denn der breite Blick erleichtert das Erkunden entfernter Ideen und das Knüpfen unerwarteter Verbindungen, aus denen originelle Einfälle entstehen. Fachleute sprechen von defokussierter Aufmerksamkeit und frei assoziierendem Denken.
Was ADHS und Kreativität im Gehirn verbindet
Auf neuronaler Ebene überlappen sich die Netzwerke für Aufmerksamkeitssteuerung und für schöpferisches Denken erheblich, wie die im Journal iScience veröffentlichte Analyse im Detail nachzeichnet. Kreativität entsteht demnach aus einem Wechselspiel zweier Modi: einem ausschweifenden, assoziativen Denken, das viele Rohideen erzeugt, und einem kontrollierten, bewertenden Denken, das die brauchbaren darunter erkennt und ausarbeitet. Menschen mit ADHS verbringen von Natur aus mehr Zeit im ersten Modus, ihr Gedankenstrom springt leichter zwischen Themen und aktiviert dabei auch weit entfernte Gedächtnisinhalte. Eine große Vorgängeruntersuchung mit rund 750 Teilnehmern hatte diesen Zusammenhang bereits empirisch gestützt und das spontane Gedankenwandern als Bindeglied zwischen ADHS-Merkmalen und Kreativität identifiziert.
Mehr neuartige Ideen und ein Gespür für die besten
Auch in Leistungstests wird der Effekt sichtbar. In Untersuchungen mit Gestaltungsaufgaben erzeugten Teilnehmer mit ADHS mehr neuartige Ideen als Vergleichsgruppen, auch wenn nicht jeder Einfall den Qualitätsmaßstäben genügte. Bemerkenswert ist ein zweiter Befund: Dieselben Personen erwiesen sich als überdurchschnittlich gut darin, aus der eigenen Ideenflut genau jene Vorschläge auszuwählen, die sowohl originell als auch brauchbar waren. Das Bild des chaotischen Kopfes, der nur Unfertiges produziert, greift damit zu kurz. Zutreffender erscheint das Bild eines Ideengenerators mit hoher Schlagzahl, der von einem funktionierenden inneren Auswahlprozess begleitet wird. Voraussetzung ist allerdings, dass die weit gestreute Aufmerksamkeit in produktive Bahnen gelenkt wird, und genau an diesem Punkt setzt der Vorschlag der Autoren an.
Kunst, Musik und Tanz als mögliche Therapie
Khalil und ihr Team sehen in kreativen Tätigkeiten ein bislang unterschätztes Werkzeug für den Umgang mit ADHS. Malen, Musizieren, Tanzen, Schreiben oder auch das Gestalten von Spielen geben dem breiten Aufmerksamkeitsscheinwerfer einen strukturierten Rahmen: Die Gedanken dürfen ausschweifen, müssen aber immer wieder zum Werk zurückkehren, was zugleich die Hirnsysteme für Fokus und Selbstkontrolle trainiert. Solche Ansätze könnten Medikamente nicht ersetzen, aber als nichtmedikamentöse Ergänzung dienen, wie die Constructor University in einer begleitenden Mitteilung erläutert. Gerade für Kinder, bei denen Nebenwirkungen und Langzeitfolgen von Medikamenten besonders sorgfältig abgewogen werden müssen, wäre das ein bedeutsamer Zugewinn an Behandlungsoptionen.
Warum die Forschung jetzt umdenken will
Damit aus der Idee belastbare Therapie wird, fordern die Autoren einen systematischen Forschungsrahmen. Nötig seien Längsschnittstudien, die Betroffene über Jahre begleiten, einheitliche Messverfahren für Kreativität sowie eine enge Zusammenarbeit von Neurowissenschaftlern, Kunsttherapeuten und Klinikern, die bislang weitgehend nebeneinanderher arbeiten. Die Botschaft der Arbeit reicht dabei über die Behandlung hinaus, denn sie verändert den Blick auf die Diagnose selbst. Wer bei ADHS ausschließlich fragt, was fehlt und repariert werden muss, übersieht nach Einschätzung von Khalil die andere Seite derselben neurologischen Münze. Ein Gehirn, das die Welt mit weitem Scheinwerfer abtastet, zahlt im Alltag einen Preis, bringt aber genau die Denkweise mit, aus der neue Ideen entstehen. Für Millionen Betroffene und ihre Familien ist das mehr als ein Trost, es ist eine wissenschaftlich begründete Aufwertung.
iScience, Attention unleashed: Creative therapy for thoughtful transformation; doi:10.1016/j.isci.2026.115387