Aus Angst vor einer Eskalation sind westliche Partner bisher immer Donald Trump entgegengekommen. Allen voran Ursula von der Leyen in Brüssel. Jetzt zeigt Kanada, dass auch eine Gegenattacke eine Option ist.
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Wer kürzlich in den USA auf Google Maps den Lake Ontario suchte, bekam ihn nicht angezeigt. Der große See zwischen dem Bundesstaat New York und der kanadischen Provinz Ontario wird nun als „Lake America“ ausgewiesen. Es ist die direkte Folge eines Präsidentendekrets von Donald Trump aus der vergangenen Woche, dem die Suchmaschine vorsorglich Folge leistet.
Vor laufenden Kameras hatte Trump ein Dokument unterschrieben, in dem er US-Behörden anwies, die Namensänderung durchzuführen. „Jetzt haben wir einen Golf und einen See“, erklärte Trump stolz und bezog sich auf die Umbenennung des Golfs von Mexiko in „Golf von Amerika“ infolge des Handelsstreits mit dem südlichen Nachbarn im vergangenen Jahr.
Nun ist es Kanada im Norden, das Trump bestrafen will. Am Sonntag legte er verbal nach: „Sie denken, sie seien ein Staat, aber das sind sie nicht“, sagte Trump bei Fox News. Neben symbolischen und rhetorischen Volten verhängte er massive Zölle gegen Ottawa.
Kanada hat diesen immensen Ärger durch einen bemerkenswerten Schritt ausgelöst: Es hatte die Verhandlungen über einen Handelsdeal abgebrochen. Etwas, was sich andere westliche Handelspartner der USA nie trauten.
Als etwa Ursula von der Leyen Trump Ende Juli in seinem Golfresort im schottischen Turnberry die Hand gab, war ein Handelsvertrag besiegelt, den viele Kritiker in Europa als Kapitulation verstanden. Die EU stimmte einem US-Zoll auf europäische Produkte von bis zu 15 Prozent zu, während US-Güter zollfrei nach Europa eingeführt werden dürfen. Außerdem versprach die Kommissionspräsidentin europäische Milliardeninvestitionen in den USA.
Von der Leyen hatte eine klare Absicht: In Anbetracht der gewaltigen Abhängigkeit Europas von den USA wollte sie keine weitere Handelseskalation mit Trump riskieren; das Land ist für die EU schließlich der größte Absatzmarkt. Und sicherheitspolitisch stand zu jener Zeit die weitere Unterstützung der USA für die Ukraine infrage, ein für Europa überlebenswichtiger Punkt.
Zwar sieht sich Kanada aufgrund seiner geografischen Lage weniger Bedrohungen ausgesetzt, ist also weniger abhängig von amerikanischem Schutz. Dafür ist die wirtschaftliche Verflechtung um ein Vielfaches größer. Mehr als 70 Prozent aller kanadischen Exporte gehen in die USA, in der Autoindustrie sind es sogar 90 Prozent. 60 Prozent aller Importe nach Kanada kommen aus dem Nachbarland.
„Wir wurden angegriffen“, sagte Kanadas Premier
Kanadas Premierminister Mark Carney hat sich dennoch anders entschieden als Ursula von der Leyen. Nach wochenlangen Verhandlungen zog er seine Verhandler aus Washington ab und kehrte Trump den Rücken. „Man ist im Krieg, wenn man angegriffen wurde. Wir wurden angegriffen“, begründete er seinen Schritt.
Trump tat daraufhin das, was die Europäer für sich verhindern wollten: Er eskalierte. Der US-Präsident verhängte Strafzölle in Höhe von 50 Prozent auf kanadische Importe. Die Umbenennung des Lake Ontario und verbale Beschimpfungen folgten in den Tagen darauf.
Nichts davon schreckte Kanada bislang ab – im Gegenteil. Carney kündigte an, die US-Zölle spiegelbildlich zu vergelten. Am 8. September sollen sie in Kraft treten, inklusive Einfuhrabgaben auf bestimmte Produkte, die die Wirtschaft in republikanischen Hochburgen treffen. Beispielsweise befinden sich Haushaltsgeräte auf der Liste, die traditionell in Ohio hergestellt werden.
Es ist ein Moment, auf den Carney vorbereitet war. Schon beim Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres sprach er von einem Bruch zwischen den USA und ihren Verbündeten. Während seines Wahlkampfes im Frühjahr 2025 warb er dafür, die Abhängigkeit seines Landes von den USA zu reduzieren.
Colin Robertson hat die Genese der Entfremdung zwischen den Nachbarn aufmerksam verfolgt. Er ist Senior Fellow am Canadian Global Affairs Institute, war lange als kanadischer Diplomat in Washington stationiert und gehört heute einem Beratergremium der Regierung in Ottawa für Handelsfragen an. Für ihn kommt Carneys Reaktion nicht überraschend. „Die Kanadier haben in ihrer Geschichte mehrere Gelegenheiten, sich den USA anzuschließen, ausgelassen. Die Unabhängigkeit ist tief in der DNA verankert“, sagt er im Gespräch mit WELT.
Trump hatte nicht nur mit seiner provozierenden Bezeichnung Kanadas als 51. Bundesstaat versucht, die Unabhängigkeit des Landes in Zweifel zu ziehen. Auch während der Verhandlungen hat sein Team laut übereinstimmenden Berichten mehrerer Medien gefordert, dass Ottawa zentrale Hoheitsrechte abtritt.
So wollte Washington ein Zugeständnis, dass Kanada den USA in Handelsentscheidungen gegenüber anderen Ländern folgt, und forderte die Abschaffung eines Gesetzes, das Streaminganbietern vorschreibt, französischsprachige Inhalte prominent zu platzieren.
Daraufhin vom Verhandlungstisch aufzustehen, sei zwar nicht rational, so Robertson. Aber die kanadische Geschichte lasse eine solche Unterwerfung nicht zu. „Die US-amerikanische Verfassung steht für Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Unsere Verfassung steht für Frieden, Ordnung und eine gute Regierungsführung“, so Robertson.
Dieser gewachsene Widerstandsgeist gegen die USA sei aber nur einer der Faktoren, die das unterschiedliche Verhalten im Vergleich zur EU erklären. „In der EU gab es keine Einigkeit für ein härteres Vorgehen gegen Trump“, sagte Robertson.
Carney hingegen kann sich des Rückhalts seiner Landsleute sicher sein. 76 Prozent der Kanadier unterstützten laut einer Umfrage des Instituts Angus Reid seine Entscheidung, die Verhandlungen zu beenden.
Die offene Frage ist allerdings, wie lange solche Werte Bestand haben werden. „Es gibt eine nationale Erkenntnis, dass das eine harte Zeit wird“, sagte Robertson. Die wirtschaftliche Lage in Kanada ist ohnehin angespannt. Ökonomen rechnen laut Robertson damit, dass die jüngste Eskalation das Bruttoinlandsprodukt um drei bis vier Prozent schrumpfen lassen könnte.
Kanada ist aber nicht völlig mittellos – was ein weiterer Unterschied zur EU ist und Carney ermutigt hat, sich nicht alles gefallen zu lassen. „Die USA sind abhängig von Kanada, wenn es um den Import von Öl, Gas, Strom oder Düngemitteln geht“, so Robertson.
Zwar könne Washington langfristig etwa Öl aus Venezuela importieren, doch Raffinerien sind auf kanadisches Öl eingestellt. Und beim Düngemittel ist die Abhängigkeit noch stärker. „Ohne unseren Dünger können sie keinen Mais anbauen“, sagte Robertson. Exportbeschränkungen oder Steuern sind ein Ass, das Ottawa noch ziehen könnte. Carney geht dabei jedoch eine Wette ein: Die wirtschaftlichen Folgen für die USA müssen sich schneller in politischen Druck verwandeln als in Kanada.
Gregor Schwung berichtet für WELT seit Juli 2026 als US-Korrespondent aus Washington, D.C. Zuvor war er außenpolitischer Korrespondent in Berlin.