In Zeiten von SpaceX oder Blue Origin werden mehr Raketenstarts denn je von Kameras begleitet. Man ist geneigt, sich an die beeindruckenden Bilder zu gewöhnen. Allerdings sticht der jüngste Launch des deutschen Raumfahrtpioniers Isar Aerospace hervor: Zum ersten Mal überhaupt hat ein europäisches Privatunternehmen den Erdorbit erreicht – und nach dem Meilenstein ist vor der Massenproduktion.

Unternehmen berichten gern von ihren positiven Resultaten, doch nur selten kommen dabei Statements zustande, die man so wahrlich nicht aller Tage liest: „Heute hat Isar Aerospace den Weltraum von Kontinentaleuropa aus geöffnet“, freut sich Daniel Metzler, der CEO und Mitgründer des deutschen Raumfahrt-Primus.

„Der Start bleibt der größte Engpass für die globale Raumfahrtindustrie, und ab heute gibt es eine echte Alternative für kommerzielle und institutionelle Kunden.“

Als erstem kommerziellen Raumfahrtunternehmen aus Europa ist es Isar Aerospace gelungen, mit der eigenen Spectrum-Rakete die Erdumlaufbahn zu erreichen – und das gleich beim zweiten Flug. Beim ersten Versuch im März letzten Jahres gelang lediglich der Start wie gewünscht; nach weniger als einer Minute kam Spectrum jedoch unsanft wieder auf dem Boden der Tatsachen an.

„Onward and Upward“ wird seinem Namen gerecht

Anders als am späten Samstagabend: Die Mission unter dem programmatischen Titel „Onward and Upward“ hob um 22:12 Uhr vom firmeneigenen Startkomplex bei Andøya in Norwegen ab und absolvierte anschließend die entscheidenden Flugphasen: Spectrum durchquerte MaxQ, die Phase des maximalen aerodynamischen Drucks, bevor die Haupttriebwerke abgeschaltet und die beiden Raketenstufen voneinander getrennt wurden.

Anschließend zündete die zweite Stufe wie geplant. In 100 Kilometern Höhe überquerte Spectrum die Kármán-Linie und warf die Nutzlastverkleidung ab, ehe die Rakete die für den Orbit erforderliche Geschwindigkeit erreichte.

Nach dem Manöver zur Zirkularisierung der Umlaufbahn wurden schließlich die transportierten Nutzlasten ausgesetzt – genauer fünf CubeSats und ein Experiment:

CyBEEsat – TU Berlin
TriSat-S – TU Berlin
Platform 6 – EnduroSat
FramSat-1 – Norwegian University of Science and Technology (NTNU)
SpaceTeamSat1 – TU Wien Space Team
„Let It Go“ – Experiment vom Münchner Raumfahrtunternehmen Dcubed

„Wir haben innerhalb weniger Jahre erreicht, wofür die europäische Raumfahrtindustrie zuvor Jahrzehnte gebraucht hat“, resümiert CEO Daniel Metzler nachvollziehbar zufrieden.

„Europa verfügt nun über einen souveränen Zugang zum Weltraum. Wir sind in ein neues Kapitel der europäischen Raumfahrt eingetreten. Ich bin unglaublich stolz auf unser Team, das diese Erfolgsgeschichte aus Europa möglich gemacht hat“, ergänzt er.

Bis zu 40 Trägerraketen pro Jahr geplant

Natürlich gedenkt man bei Isar Aerospace nicht, sich auf den jüngsten Lorbeeren auszuruhen. „Wir werden uns nun darauf konzentrieren, die Produktion von Trägerraketen schnell hochzuskalieren, unsere Auftragspipeline abzuarbeiten und der stark steigenden globalen Nachfrage gerecht zu werden“, unterstreicht Metzler.

Soll zahlreich Gesellschaft bekommen: Spectrum-Rakete im Ruhezustand am Launchpad (Bild: Isar Aerospace)
Soll zahlreich Gesellschaft bekommen: Spectrum-Rakete im Ruhezustand am Launchpad (Bild: Isar Aerospace)

Das Unternehmen gibt in diesem Zusammenhang an, sein globales Netzwerk verfügbarer Startplätze ausgebaut zu haben und „kurz vor der Fertigstellung der größten integrierten Produktionsanlage Europas für Trägerraketen“ zu stehen.

Dabei sei eine „Maschine hinter der Maschine“ entstanden, die unter anderem ein vertikal integriertes Fertigungsmodell und einen hohen Automatisierungsgrad beinhaltet. Eine rund 40.000 Quadratmeter umfassende Produktionsfläche soll in absehbarer Zukunft bis zu 40 Raketen pro Jahr fertigen können; Spectrum 3 bis 7 befinden sich aktuell in Produktion.

Neben dem jüngsten Erfolgsschauplatz in Andøya, Norwegen, errichtet Isar Aerospace dieser Tage zudem einen weiteren Startkomplex im kanadischen Nova Scotia, der mittlere bis hohe Bahnneigungen abdeckt.