Abschreckung beruht auf einer einfachen Tatsache: Der Gegner muss glauben, dass man die Mittel und die Entschlossenheit besitzt, ihn dort zu treffen, wo es schmerzt. Deutschland und Europa bauen Raketen, Drohnen und Cyberwaffen, weil sie wissen: Wer abschrecken will, muss handlungsfähig sein. Im Ringen darum, was Menschen glauben und wie sie sich verhalten – der kognitiven Domäne –, haben wir dagegen einen blinden Fleck. Obwohl unsere Demokratie gerade hier besonders verwundbar ist, verhalten wir uns rein reaktiv. Wir überwachen unseren Informationsraum, entkräften Fake News, versuchen, soziale Medien zu regulieren – und halten das für die ganze Aufgabe.

SZ-Podcast „Das Thema“

:Wie KI Kriege verändert

Zielen, steuern, treffen: Wenn künstliche Intelligenz selbst den Abzug drückt.

Von Andrian Kreye, Henk Ruigrok van der Werven und Lars Langenau

Doch das entscheidende Terrain der kognitiven Auseinandersetzung ist nicht die eigene Gesellschaft, sondern die des Angreifers. Nicht, wie gut wir russische Narrative herausfiltern, ist entscheidend, sondern wie gut wir die Maschinerie, die sie erzeugt, verstehen und auf sie einwirken.

Vor mehr als einem Jahrzehnt forderte General Waleri Gerassimow, Russland solle nichtmilitärische gegenüber militärischen Mitteln im Verhältnis von etwa vier zu eins gewichten – um Kriege zu gewinnen, bevor ein Schuss fällt. Russland hat genau diese Maschine im Informationsraum gebaut.

KI-Chatbots fluten das Internet mit kremlnahen Falschbehauptungen zu ganz konkreten Fragen

Zwei Methoden zeigen, wie weit es damit gekommen ist. Bot-Farmen – große Netzwerke gefälschter Accounts, zunehmend KI-gesteuert – überschwemmen die sozialen Medien, um den Anschein eines Konsenses zu erzeugen. Perfider noch: Da KI-Chatbots heute auf Live-Ergebnisse aus dem Netz zugreifen, kann das Fluten des Internets mit Tausenden identischer Falschbehauptungen die Antwort auf eine konkrete Frage besetzen – zu einem Politiker, einer Schlacht, einer Sanktion –, sodass Nutzer kremlnahe Antworten erhalten, ohne die Quelle zu ahnen.

Nirgendwo werden diese Methoden so intensiv eingesetzt und nirgendwo sind sie so gefährlich wie vor Wahlen. Analysen in Rumänien, Moldau und Armenien zeigen identische Muster: massive Manipulation von Narrativen, Cyberangriffe, wirtschaftlicher Druck. Vor den deutschen Landtagswahlen hat Russland in sozialen Medien Kampagnen wie Matrjoschka und „Storm-1516“ eingesetzt, um etablierte Parteien zu verunglimpfen und AfD und BSW zu begünstigen.

SZ-Gastautor Sviat Hnizdovskyi (l.) ist Gründer und CEO von Open Minds; Ko-Autor Arndt Freytag von Loringhoven ist ehemaliger Vizepräsident des BND.

SZ-Gastautor Sviat Hnizdovskyi (l.) ist Gründer und CEO von Open Minds; Ko-Autor Arndt Freytag von Loringhoven ist ehemaliger Vizepräsident des BND.

Foto: privat, IMAGO/NUR Photo/Mateusz Wlodarczyk

Die Verteidigung der Heimatfront ist dringend notwendig, aber nicht hinreichend. Eine rein reaktive Haltung ist zu einem Katz-und-Maus-Spiel verdammt, in dem jede aufgedeckte Operation von der nächsten abgelöst wird – und wir stets einen Zug zurückliegen. In der kognitiven Domäne hat der einen enormen Vorteil, der zuerst handelt. Wirksame Abschreckung entsteht aber nicht allein daraus, schneller zu reagieren, sondern daraus, zu verstehen, was Russlands eigene Kriegsmaschine antreibt, damit der Kreml weiß: Wir sehen seine Schwächen und können sie, wenn nötig, dort treffen, wo es schmerzt.

Hierfür sind aus unserer Sicht drei Faktoren entscheidend.

Russlands Schwächen in den Fokus nehmen: Im hybriden Krieg heißt „Russland verstehen“ zu begreifen, wie das Regime seine Kriegsmaschine am Laufen hält und seine Soldaten rekrutiert – zu welchem Preis, mit welchem Zwang, mit welchen Verlusten –, auch wo seine rüstungsindustriellen Lieferketten anfällig sind und ob Sanktionen tatsächlich spürbar sind.

Ukrainische Experten haben kartiert, wo das Regime verwundbar ist – und besonders die Rekrutierung ist eine empfindliche Bruchstelle. Eine Untersuchung von Open Minds von 132 000 Beiträgen auf Plattformen wie Vkontakte und Telegram sowie 9300 Stellenanzeigen ergab, dass 2025 rund jede fünfte Rekrutierungsanzeige den Militärdienst als „sicheren“, „frontfernen“ Dienst darstellte. Tatsächlich wurden Männer, die mit dem Versprechen einer rückwärtigen Verwendung geworben wurden, binnen Wochen an die Front geschickt.

Verwundbar ist Moskau auch an anderen Punkten, wo die Menschen das Vertrauen in die Regimepropaganda verloren haben. Dies gilt besonders für die hohen sozialen und ökonomischen Kosten des Ukrainekriegs. Wo regionale Anwerbeprämien, das Kerninstrument der Rekrutierung, stagnieren oder gekürzt werden, während die Inflation weiterläuft, entwertet sich das Angebot des Regimes. Zugleich schmälern diese Zahlungen zunehmend andere Ausgaben des Staates. Die Kosten des Krieges werden damit unmittelbar am Küchentisch spürbar. Und mit den heimkehrenden Veteranen wächst die Gewaltkriminalität – ein Thema, das viele Menschen zutiefst besorgt und bei dem die Botschaften des Regimes in offenkundigem Widerspruch zu dem stehen, was die Menschen vor Ort erleben.

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An solchen Druckpunkten kann wahrheitsgemäße Information, richtig platziert, die realen Kosten von Russlands Krieg erhöhen. Westliche Regierungen, Medien und Nachrichtendienste sollten diese Möglichkeiten stärker nutzen und für diese Aufgabe ausgestattet werden. Die „Beinfreiheit“, die für den BND gefordert wird, gilt für die kognitive Domäne nicht weniger als für die klassische Spionage.

Von der Reaktion zur Aktion: Russlands Schwächen zu treffen, bedeutet nicht, Russlands Methoden zu spiegeln. Wir müssen unsere überholten Vorstellungen davon überwinden, was Propaganda ist. Es geht nicht mehr um Wahrheit gegen Lüge, nicht einmal um Trolle und Bots gegen Menschen – es geht darum, wer tiefer an die Identitäten und Kränkungen der Menschen rührt. Wahrheit, gut eingesetzt, ist ein scharfes Schwert: nicht als trockener Faktencheck, sondern als ehrliche Offenlegung dessen, was Russen ohnehin spüren. Der vermeintlich „sichere Dienst“, der schnell an der Front endet, benennt einen Verrat, den russische Familien fühlen, bevor sie ihn in Worte fassen können.

Die Frage ist: Wie kann der Westen die russische Gesellschaft erreichen?

Im Kalten Krieg trug Radio Liberty unzensierte Informationen über den Eisernen Vorhang und erreichte auf seinem Höhepunkt rund 17 Prozent der erwachsenen Sowjetbürger. Die Aufgabe, in die Tiefe der russischen Gesellschaft hineinzuwirken, stellt sich heute in neuer Form. Einerseits verleiht der technologische Fortschritt auch dem Westen völlig neue, bisher kaum genutzte mediale Einflussmöglichkeiten. Doch werden diese begrenzt durch fortlaufende Beschränkungen des Internetzugangs. Zudem erreichen offen kremlkritische Kanäle nur ein begrenztes, ohnehin überzeugtes Publikum, bekannte Dissidenten werden oft reflexhaft abgetan oder – in einem sich verschärfenden Polizeistaat – aus Furcht vor dem gemieden, was ein durchsuchtes Telefon offenbaren könnte. Die Aufgabe ist deshalb subtiler: Wie können wir den Menschen innerhalb ihres eigenen Sinnhorizonts begegnen, anstatt von außen auf sie einzureden? Über welche Kanäle, denen die Menschen vertrauen und die sie gefahrlos erreichen, lassen sich glaubwürdige Informationen vermitteln?

Wenn es darum geht, wie und mit welchen Themen man die russische Gesellschaft am besten erreicht, kann Europa viel von der Ukraine lernen. Ihre Erfahrung beweist, dass Zugang und Wirkung auch ungeachtet von shrinking spaces durchaus möglich sind. Hierfür bieten sich dezentrale Netzwerke und alltägliche digitale Räume an – dort, wo Menschen nicht über Politik, sondern über ihr eigenes Leben sprechen. Deutschland kann dabei mit NGOs und russischsprachigen Medien zusammenarbeiten.

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Es geht aber nicht allein darum, ob eine Botschaft in der Breite der Bevölkerung verfängt, sondern auch darum, wie die Führung in Moskau – die politische, militärische und sicherheitspolitische Entscheidungsebene – die Stimmung im eigenen Land liest. Wenn der Kreml zusätzliche Rekrutierungswellen plant oder eine Eskalation in Richtung Baltikum erwägt, stützt er sich auf Daten und auf sein Bild von der eigenen Gesellschaft: Wie viele Männer lassen sich noch anwerben, und zu welchem Preis? Wie viele würden das Land verlassen, wenn eine neue Mobilisierung käme? Wie weit trägt die Zustimmung, wenn die Kosten steigen?

Das Regime mag überzeugt sein, seiner Bevölkerung jede beliebige Version der Wirklichkeit verordnen zu können – doch genau in dieser Selbstgewissheit liegt eine Lücke. Die Ökonomie des Krieges lässt sich nicht wegdefinieren, und das Bild, das die Führung von ihrem eigenen Rückhalt gewinnt, ist beeinflussbar. Wer diese Wahrnehmung vorausschauend prägt, wirkt nicht nur auf die Gesellschaft, sondern auf die Kalkulation derer, die über Eskalation entscheiden.

Eine europäische Koalition der Willigen: Nicht nur die Ukraine, auch Europa sollte angesichts der zunehmenden hybriden Aggression bereit sein, im kognitiven Krieg einen aktiveren Part zu übernehmen. Hierfür braucht es Leadership und neue Formen der Zusammenarbeit, am besten in einer Koalition der Willigen. Eine solche Koalition könnte die Analysen aus Regierung, Denkfabriken und Privatwirtschaft zu einem fortlaufend aktualisierten Bild von Russlands Verwundbarkeiten bündeln. Diese Erkenntnisse würden es der Politik ermöglichen, zielgerichteter als bisher auf Russlands Schwachstellen einzuwirken – mit eigenen Narrativen, Sanktionen, wirtschaftlichem Druck oder Diplomatie. Hierzu könnten die Mitglieder der Koalition die Fähigkeiten und das Know-how aufbauen, die eine breit aufgestellte Abschreckung heute erfordert.

Eine wirksame Abschreckung muss ethischen Grundsätzen folgen – und offen angekündigt werden

Eine solche Koalition wäre mehr als ein weiteres Format zur Unterstützung der Ukraine. Ihr Zweck wäre es, Russlands Fähigkeit zur hybriden Aggression gezielt zu schwächen und damit zur Deeskalation beizutragen – als gemeinsame Plattform für die Aufklärung über Russland, für kognitive Abschreckung und für die Abwehr russischer Desinformation.

Dafür müssen zwei Dinge rasch geklärt werden. Erstens die ethischen Grundsätze. Was der Westen in der kognitiven Domäne tut, muss auf wahrheitsgemäßer Information beruhen und parlamentarisch kontrollierbar sein. Diese Prinzipien sollten nicht am Ende jahrelanger Debatten stehen, sondern zügig definiert werden – sie sind die Voraussetzung dafür, überhaupt handlungsfähig zu werden, und nicht ein nachträglicher Vorbehalt.

Zweitens die Ankündigung. Abschreckung wirkt nur, wenn sie klar und deutlich ausgesprochen wird. Europa sollte deshalb offen erklären, dass es diese Fähigkeiten aufbaut, nach welchen Regeln es sie einsetzt und unter welchen Umständen es bereit ist, sie zu nutzen. Moskau muss wissen, dass seine Verwundbarkeiten bekannt sind und dass sie, wenn nötig, genutzt werden. Erst dann wird aus Analyse Abschreckung.

Arndt Freytag von Loringhoven ist ehemaliger Vizepräsident des BND; Sviat Hnizdovskyi ist Gründer und CEO von Open Minds.