„Ascanio in Alba“ ist äußerlich eine Verbeugung vor der Kaiserin, fächert aber bereits viele Tugenden des Genies hörbar auf. Im MusikTheater an der Wien begeisterten einmal mehr Les Talens Lyriques – und ein Faun. 

Mütter können ganz schön anstrengend sein. Göttinnen bilden da keine Ausnahme. Ascanio kann ein Lied davon singen. Er, der Sohn von Venus und Aeneas, soll die Nymphe Silvia, ebenfalls aus göttlichem Geschlecht, heiraten. Das zukünftige Paar hat sich allerdings noch nie gesehen. Mutter hat jedoch vorgesorgt und Gott Amor in Gestalt von Ascanio seit längerem in Silvias Träume eingeschleust. Diese, vollkommen ahnungslos, ist entsetzt, als sie erfährt, dass sie bald heiraten wird. Ihr Herz gehört doch dem unbekannten stets nachts getroffenen Jüngling! Der wiederum darf sich nicht zu erkennen geben. Venus hat sich noch eine weitere Prüfung ausgedacht. Am Ende löst sich natürlich alles in Wohlgefallen auf, Ascanio fällt Silvia in die Arme und die Menge huldigt Venus.

Das Publikum im Jahr 1771 verstand sofort: mit der weisen, umsichtigen Mutterfigur war Maria Theresia gemeint. Der 15-jährige Wolfgang Amadé Mozart, gerade aus Italien zurückgekehrt, hatte den ehrenvollen Auftrag erhalten, für die Hochzeit ihres Sohnes Erzherzog Ferdinand mit Prinzessin Maria Beatrice d’Este die Serenata teatrale „Ascanio in Alba“ zu komponieren. In wenigen Wochen war die Arbeit fertig und wurde am 17. Oktober 1771 in Mailand uraufgeführt. Am Tag zuvor hatte Johann Adolf Hasse seine Festoper „Il Ruggiero“ präsentiert. Laut Vater Mozart hat die Serenata des Sohnes Hasses Oper „niedergeschlagen“. 

Zum Drüberstreuen boten Les Talens Lyriques und Christophe Rousset am Rande der sensationellen Produktion von Gassmanns „L’opera seria“ im MusikTheater an der Wien eine konzertante Aufführung von Mozarts Frühwerk. Immer wieder ist es lohnend, die Anfänge zu erkunden. Sich das Ausprobieren und Experimentieren, vor allem die Instrumentierung betreffend, vor Ohren zu führen. Das Dehnen, Weiten und Überschreiten der vorherrschenden Konventionen. Vieles lässt sich ja bereits erahnen. 

„Ascanio in Alba“ bietet idyllische Chöre, Bravourarien und stimmungsvolle Szenerien. Die Besetzung der fünf Solo-Partien war ausgezeichnet bis sehr gut: beginnend bei Anna El-Khashem als Silvia mit glockenhellem Sopran und anmutiger Erscheinung. Alisa Kolosova als Ascanio gefiel mit ihrem betont erdig-dunklen Mezzo. Liebling des Abends war eindeutig Eleonora Bellocci als rühriger Faun. Stimme und Ausdruck passten perfekt zur Figur. Mélissa Petit (der bekannteste Name in der Runde) punktete als edle Venus. Und Alasdair Kent als Priester Aceste sang sich zunehmend frei, um seine etwas trocken klingenden Koloraturen zu meistern. Dazu 14 Mitglieder des Arnold Schoenberg Chores. Die unterschiedlichen Positionen – vorne an der Rampe, seitlich, auf einem kleinen Podest, hinten an der Wand – reichten vollkommen aus, um den Abend räumlich etwas zu strukturieren. Und in der Mitte das wie gewohnt mit Esprit spielende Orchester Les Talens Lyriques. 

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