Vier Stunden in der Gesellschaft von Elon Musk verbringen zu müssen: Das würden viele wohl als Zumutung empfinden. Der Hype um „Musk“ – Alex Gibneys 224-minütigen Dokumentarfilm über den Multimilliardär, der am Dienstag am Lido Premiere feierte – spricht jedoch für sich. Musk ist eine Schlüsselgestalt unserer Gegenwart, ob man will oder nicht. Sein Ruf hat viele Ursachen. Musk ist Gründer von Marken, die für Fortschritt stehen – Tesla, SpaceX, Starlink oder Grok. Er gilt als reichster Mann der Welt und ist ein Meinungskämpfer im Krieg gegen Wokeness, zudem der Besitzer der Social-Media-Plattform X und ein Unterstützer für rechtsextreme, ausländerfeindliche Parteien überall in der Welt. Während manche Musk verehren, ist er für andere gleichbedeutend mit allem, was gerade in der Welt schiefläuft. 

Wem der Name Alex Gibney etwas sagt, kann sich bereits denken, dass sein „Musk“ keines dieser bei Netflix so populären Promi-Porträts sein wird, die in enger Zusammenarbeit mit ihrem Subjekt entstehen und dementsprechend schmeichelhaft ausfallen. Mit einem gewissen Stolz setzt der amerikanische Dokufilmer von Werken wie „We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks“ (2013) an den Beginn seines neuen Werks die verfehlte Kontaktaufnahme zwischen ihm und Musk auf X. „Gibney is a douche“ („Gibney ist ein Vollidiot“): So schrieb Elon, als er gelesen hatte, dass dieser einen Dokfilm über ihn machen will. „Douché“, antwortet Gibney stilvoll.

„Musk“ ist mithin ohne direkte Zusammenarbeit mit dem Mann im Zentrum entstanden. Stattdessen holt Gibney zahlreiche Menschen aus dessen Umfeld vor die Kamera – darunter Männer, die mit ihm Geschäfte gemacht und Frauen, die ihm Kinder geboren haben. Journalisten aus der Tech-Welt, wie Podcasterin Kara Swisher und „Enshittification“-Autor Cory Doctorow, kommen dazu. Mit Ausnahme von Elons Vater Errol Musk – dem es offenbar egal ist, wer ihn interviewt, Hauptsache, er kommt auch mal zu Wort – äußern sich alle kritisch, wenn nicht gar abwertend.

Als Ersatz für ein direktes Gespräch mit Musk greift Gibney zu einem raffiniert klingenden Trick: Er lässt eine Computerspielfigur mit Musks Antlitz generieren und legt ihm dessen Zitate in den Mund. Die Wirkung dieses Avatars verblasst allerdings augenblicklich angesichts der Archivaufnahmen, die Gibney rastlos aneinander schneidet. Aus ihnen wird deutlich, dass der reale Musk viel bizarrer wirkt als jede Nachbildung es tun könnte. Sei es, wenn er kleinkindhaft den Start seiner Raketen bejubelt, vor Publikum triumphierend-ungelenk die Arme in die Höhe reckt – oder gar neben Präsident Trump in die Luft springt.

Für den Dokumentarfilm als Ganzes gilt: Er bekommt seinen Protagonisten nicht in den Griff, was auch immer er versucht. So schreitet Gibney in den vier Stunden brav die Karriere des selbst ernannten Chefingenieurs ab, von den frühen Anfängen als Gründer von Firmen wie dem Zahlungsanbieter X.com über den Einstieg ins Raumfahrt-Business mit SpaceX und den Erfolg als „Disruptor“ der Autoindustrie mit Tesla. Ein einzelnes Kapitel ist seinen Frauen gewidmet – und dem groteske Ausmaße annehmenden Streben, sich mit bislang gesichert 14 Nachkommen zu verewigen. Die Übernahme von Twitter und seine Kampfansage an den „Woke Mind Virus“ kommen vor, genauso die Kontroversen um den Einsatz von Starlink in der Ukraine – und das Doge-Projekt, Musks kurz währender Einsatz in Trumps zweiter Administration.

Immer wieder setzt Gibney an, Musk als Schaumschläger zu entlarven. In der Tat haben sich fast keine der kühnen Prophezeiungen, die Musk für seine Firmen von sich gab, bislang erfüllt. SpaceX fliegt nicht zum Mars, Teslas fahren nicht komplett autonom und Doge, die Initiative zur Effizienzsteigerung der Regierung, hat den amerikanischen Staat im Endeffekt wohl mehr Geld gekostet als durch Musks Kürzungen eingespart wurde. Macht ihn das zum „Betrüger“?

Überraschende Einsichten bietet „Musk“ leider nicht. Gibney präsentiert durchweg bereits bekanntes Material. Dass Musk Tesla Motors nicht selbst gegründet hat, sondern lediglich als früher Investor dazukam, lässt sich auf Wikipedia nachlesen, wie auch die übrigen Kritikpunkte – Tesla und SpaceX erhielten viele Subventionen vom Staat –, die Gibney anführt.

Musks politische Rolle kommt dagegen viel zu kurz. Ist er ein Gefährder? Nicht nur für die Demokratie in den USA, wo er viel Geld ausgibt, um politisch seinen Willen durchzusetzen – sondern womöglich auch für ein Land wie Deutschland, wo er im Januar 2025 ausgerechnet im sachsen-anhaltischen Halle für die AfD auftrat? Darauf versucht Gibneys Film erst gar keine Antwort zu geben. Lieber schneidet er schnell zum nächsten Interview-Clip – oder verliert sich im Spiel mit Computersimulationen.

Statt einer kritischen Demontage erzeugt „Musk“ zum Schluss fast den gegenteiligen Effekt: Nach vier Stunden ist man von der Größe und Wichtigkeit, sei es auch im Negativen, der Person Musk überzeugter denn je.