Eine Mitarbeiterin bedient eine EDV-Anlage auf dem Messestand von Robotron, 1970

AUDIO: Peggy Mädler überzeugt mit „Selbstregulierung des Herzens“ (5 Min)

Buchpreis-Nominierung

Stand: 08.09.2026 15:23 Uhr

Die in Dresden geborene Autorin Peggy Mädler steht mit ihrem neuen Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. „Selbstregulierung des Herzens“ erzählt unter anderem von der Computertechnik in der DDR. Für die Jury ist es ein großer Roman über die Kreativität, mit der Wissenschaft und Kunst auch unter schwersten Bedingungen ihren Weg finden – und damit ein Werk von zeitloser Aktualität. Eine Rezension.

von Tino Dallmann, MDR KULTUR

Thematisch schwingt der neue Roman von Peggy Mädler zwischen gegensätzlichen Polen hin und her – zwischen Kontrolle und Selbstbestimmung, Planbarkeit und Zufall, Realität und Utopie. Georg, einer der Protagonisten des Romans, ist mit dieser binären Logik vertraut. Als Wirtschaftswissenschaftler interessiert er sich schon in den 1960er-Jahren für die Kybernetik. Er hofft, dass das Wissen darüber, nach welchen Regeln sich Maschinen steuern lassen, die Wirtschaft der DDR wieder in Fahrt bringen kann.

Kybernetik untersucht universelle Muster der Steuerung: Wie gelingt es ganz verschiedenen Systemen ihre Störungen auszugleichen, Ziele zu erreichen und stabile Zustände zu wahren? Das umfasst viele Bereiche in Natur, Technik und Gesellschaft – von Thermostaten über Nervensysteme bis hin zu Organisationen.

Während Georg als junger Mann an den Fortschritt durch Zahlen und Formeln glaubt, kann er sich Jahrzehnte später kaum noch vorstellen, von welchen Freiheiten er einst geträumt hat. Seine Hoffnungen auf Reformen zerschlagen sich spätestens 1971, als die SED-Führung die Einheit von Sozial- und Wirtschaftspolitik verkündet. Die Kybernetik – die davon ausgeht, dass sich komplexe Systeme überwiegend selbst regulieren können – gilt nun endgültig als Pseudowissenschaft.

Spannend zu lesen, weil sie theoretische Fragen stets in praktische Arbeit zu übersetzen weiß.

Tino Dallmann, MDR KULTUR Literaturkritiker

Alltag in der DDR zwischen Anpassung und Widerspruch

Georg arbeitet weiterhin als Programmierer und versucht, sich mit dem System und seinen Widersprüchen zu arrangieren. Zu diesen Widersprüchen gehört auch, dass gerade in der DDR, in der so viel Wert auf eine zentrale Planung gelegt wird, sich beinahe jeder Betrieb sein eigenes Abrechnungsprogramm leistet.

Den Fragen der Kybernetik folgt der Roman dabei konsequent: Er befasst sich nicht nur damit, wie Maschinen und deren Prozesse gesteuert werden, sondern auch damit, welchen Einflüssen menschliche Handlungen unterliegen. Während Georg seine Gefühle stets im Griff zu haben scheint, ist seine erste Frau Helga impulsiver. Sie ist gelernte Chemiefacharbeiterin und will ihr Leben nicht auf Arbeit, Haushalt und Kind reduziert wissen. Für sie gilt der Gedanke: Das kann doch nicht alles sein!

Geschichte von Mauerbau bis zur Corona-Pandemie

Wie in ihrem Roman „Wohin wir gehen“ spannt Peggy Mädler einen großen historischen Bogen, der von den frühen 1960er-Jahren bis in die jüngste Vergangenheit und die Corona-Pandemie reicht. Im Zentrum steht ein kleines Dorf bei Berlin. Dort errichten Georg und Helga einen Bungalow, in dem sie die Wochenenden verbringen können.

Buchcover „Selbstregulierung des Herzens“

Der Roman „Selbstregulierung des Herzens“ ist im Galiani Verlag erschienen.

Das Dorf bietet Gemeinschaft, aber auch Freiräume und die Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen – auch wenn sich in der Nähe eine Funktionärssiedlung, eine Hochschule und schließlich ein militärisches Sperrgebiet befinden. Dass sie von der Staatssicherheit überwacht worden sind, stellen Georg und seine Freunde in den umliegenden Häusern erst später fest.

Spannende Lektüre – Sprache und Themen überzeugen

In einer unaufgeregten und unglaublich fein gearbeiteten Sprache verbindet Peggy Mädler Wirtschafts- und Mentalitätsgeschichte. Ihr Roman, der nun auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis steht, ist äußerst spannend zu lesen, weil sie theoretische Fragen stets in praktische Arbeit zu übersetzen weiß – und den Alltag eines Programmierers genauso anschaulich beschreibt wie den einer Krankenschwester.

Eine Frau sitzt auf einem umgedrehten Stuhl vor einer Holzlattenwand, an der ein Gartenschlauch hängt.

Für ihr Buch „Wohin wir gehen“ wurde Peggy Mädler 2019 mit dem Fontane-Literaturpreis ausgezeichnet.

Spannend ist der Roman auch, weil die Fragen von Freiheit und Selbstbestimmung auf der einen Seite und Planbarkeit und Kontrolle auf der anderen Seite bis in unsere Gegenwart reichen. Und vielleicht lässt sich innerhalb dieser Gegensätze – so deutet es Peggy Mädler an – der Realität noch immer ein Funken Utopie abgewinnen.

Informationen zum Buch

Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“
Verlag Galiani Berlin

304 SeitenPreis: 23 EuroISBN: 978-3-86971-335-9

Quelle: MDR KULTUR (Tino Dallmann)

Bearbeitung: ngh, lm, bh