
AUDIO: Caren Heuer über historischen Gehalt des Films „Vaterland“ (7 Min)
Stand: 09.09.2026 11:46 Uhr
„Vaterland“ mit Hanns Zischler als Thomas Mann und Sandra Hüller als dessen Tochter Erika Mann läuft seit dem 3. September im Kino. Caren Heuer leitet das Buddenbrook-Haus in Lübeck und ordnet den Film historisch ein – denn er weicht von der Realität ab.
Im preisgekrönten Roadmovie „Vaterland“ zeigt Regisseur Paweł Pawlikowski die Reise von Thomas Mann (Hanns Zischler) im Jahr 1949. Gemeinsam mit seiner Tochter Erika Mann (Sandra Hüller) kehrt er aus seinem Exil ins Nachkriegsdeutschland zurück.
Allerdings: Historisch ist der Film nicht ganz korrekt, nimmt sich einige Freiheiten, weicht teilweise von realen Ereignissen ab. Caren Heuer ist Leiterin des Buddenbrook-Hauses in Lübeck. Die Thomas Mann-Expertin erklärt, wie hoch der historische Gehalt des Films wirklich ist.

Sandra Hüller und Hanns Zischler brillieren in Pawlikowskis schwarzweißem Meisterwerk über Exil, Verlust und Wiederkehr.
Finden Sie es schlimm, dass der Film stellenweise von der Realität abweicht?
Caren Heuer: Es stimmt, dass der Film in Teilen stark von den realen Bedingungen abweicht. Ein Beispiel: Im Film ist es Erika Mann, die ihren Vater durch das zerstörte Deutschland fährt. Erika Mann hat an dieser Reise gar nicht teilgenommen. Historisch überliefert ist es so gewesen, dass ein junger Schweizer Chauffeur Thomas Mann durch Deutschland fuhr und er diese Reise gemeinsam mit seiner Ehefrau Katja unternommen hat, nicht mit seiner Tochter.
Das tut aber dem Film gar keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Der Film hat nicht den Anspruch, historisch explizit korrekt zu sein – gleichzeitig ist er es aber. Teilweise wird Thomas Mann im Originalwortlaut zitiert. In meinen Augen ist der Film eine eigene künstlerische Leistung, der die realhistorischen Bedingungen benutzt, verändert, verdichtet und zuspitzt. Das macht ihn auch so grandios.
Video:
Trailer „Vaterland“: Drama mit Sandra Hüller und Hanns Zischler (2 Min)
Wie ist das für Sie als Mann-Expertin, Hanns Zischler und Sandra Hüller in ihren Rollen zu sehen?
Heuer: Es konfrontiert mich mit den eigenen Bildern, die ich im Kopf habe. Ich fand zum Beispiel Sandra Hüller als Erika Mann auf den Punkt genau getroffen. Ich hatte den Eindruck, dass das Wesen von Erika Mann, die nach dem aus deutscher Perspektive verlorenen Weltkrieg so formlos hart mit den Deutschen richtet und gleichzeitig ihren Bruder Klaus mit großer Verzweiflung liebt, wahnsinnig beeindruckend gespielt wurde. Auch das schwierige Verhältnis zum Vater Thomas Mann spielt sich bei ihr in wenigen Sekunden in ihrem Gesicht ab.

Caren Heuer leitet das Buddenbrook-Haus in Lübeck und kennt sich mit der Geschichte von Thomas Mann bestens aus.
Bei Hanns Zischler habe ich den Eindruck: Das ist die Rolle seines Lebens. Er macht etwas sehr Eigenes, etwas anderes – ich fand das fantastisch.
Vier Jahre nach Kriegsende, im Jahr 1949, war Thomas Mann gar nicht so willkommen in Deutschland, oder?
Heuer: Das kann man wohl sagen. Das war ihm auch klar, denn die Manns erhielten neben der Fanpost, die Thomas Mann durchaus bekam, auch einige Drohbriefe. Thomas Mann hatte richtig Angst vor dieser Reise und hat lange gezögert, ob er sie überhaupt antreten soll. Er hatte Angst, diesem Land wieder zu begegnen, das ihm, wie er es selber gesagt hat, so wildfremd geworden war.
Ihm war klar, dass er nicht viele Leute treffen würde, die ihm wohlgesonnen sind, und auch, dass es viele Gegner und Feinde gibt, die ihm sehr übel genommen haben, dass er das Deutsche Reich verlassen hat – oder die ihm sein Engagement gegen den Nationalsozialismus immer noch sehr übel nahmen.

Hanns Zischler und Sandra Hüller spielen eindrucksvoll im Roadmovie über Manns erste Deutschlandreise im Jahr 1949. Nicht alles an Paweł Pawlikowskis Historienfilm ist akkurat. Mit Absicht.
Die Familie Mann ist immer noch Stoff für Diskussionen. Woran liegt das?
Heuer: In diesem Kontext liegt es an etwas, was Thomas Mann auf dieser Reise erfährt. Es verstört ihn auch ein bisschen, aber in seiner Eitelkeit gefällt es ihm auch ganz gut. Er erfährt nämlich, dass er zum Symbol geworden ist, und ich glaube, von diesem Symbol zehren wir noch heute. An ihm arbeiten wir uns immer noch ab.
Thomas Mann und auch die Entscheidung seiner gesamten Familie, mit den Nazis gerade nicht gemeinsame Sache zu machen, sondern das Land zu verlassen und die Nazis von außen aktiv zu bekämpfen – literarisch mit der Feder, mit dem gesprochenen Wort, mit den Radioansprachen, die Thomas Mann im Exil – über die BBC ausgestrahlt – gehalten hat. All das hat ihn zu einem Symbol gemacht für ein anderes, für das bessere Deutschland, für eine deutsche Kultur, die sich vom Nationalsozialismus nicht hat korrumpieren lassen.
Das Gespräch führte Philipp Schmid.

Comic-Experte Mathias Heller stellt drei Neuheiten vor: „Tokyo dieser Tage“, „Thomas Mann – 1949“ und „Die Alten Knacker“.

In der Hansestadt erinnert nach wie vor vieles an den Literaturnobelpreisträger, unter anderem Marzipan in Form von Thomas Mann.

Caren Heuer, die Leiterin des Buddenbrookhauses in Lübeck, erklärt im Interview, welche Bedeutung der Roman für Thomas Manns Karriere hatte.

Konnte Thomas Mann ein einfaches Spiegelei zubereiten? Das wird in dieser Folge endlich mal geklärt.