Nur ein paar Schritte von Gewürzduften und Stimmengewirr des Brunnenmarkts entfernt, beginnt Doris Pesendorfers ganz persönliche Version vom Stadtleben. „Ich liebe diese bunte Mischung hier“, sagt sie. In fünf Minuten ist sie mit dem Rad im siebten oder achten Bezirk, doch eigentlich spielt sich alles Wesentliche hier ab: Rund um den Markt, wo sie jedes Wochenende ihren Obst- und Gemüsevorrat einkauft, am Yppenplatz – und auf ihrer Terrasse.

Das Gründerzeithaus in Ottakring, wo sie jetzt unter dem Dach wohnt, wurde vor fünf Jahren umfassend revitalisiert. Fast alle Bewohner zogen gleichzeitig ein. „Das war ein Glücksfall“, erzählt sie. „Wir sind eine sehr vertrauensvolle Hausgemeinschaft.“ Man kennt einander, gießt Pflanzen, nimmt Pakete an. Großstadt in freundlich.

Früher lebte sie im sechsten Bezirk, im klassischen Altbau. Während der Pandemie wuchs der Wunsch nach mehr Licht, einem Außenraum, einem Stück Himmel. Als die Entscheidung fiel, ging alles rasch. Kurz darauf gehörte ihr eine 83 Quadratmeter große Maisonette mit 14 Quadratmetern Terrasse, über zwei Ebenen, unter Dachschrägen, mit viel Potenzial.

Unten: Vorzimmer, offener Wohn- und Küchenbereich, Gäste-WC und die Terrasse. Oben: Schlafzimmer, Bad, Stauraum.„Ich musste die Räume erst hören“, sagt sie, als Brand-Designerin denkt sie oft in Atmosphären. Also ließ sie nach dem Kauf die Leitungen in Küche und Bad neu verlegen, um ihre Vorstellung von Großzügigkeit umzusetzen. Kochen ist für sie kein Nebenschauplatz, sondern Mittelpunkt. Die Küche, ihr absoluter Lieblingsort, plante sie selbst, heute sitzt jeder Handgriff.

Im Bad liegt das Waschbecken direkt unter einem großen Schrägfenster. Morgens fällt dort das erste Licht herein. „Ich sehe die Sonne aufgehen, während ich mir die Zähne putze.“ Die Wände sind hellgrau, die Küche bewegt sich im selben Farbraum. Ton in Ton gegen die Unruhe der Dachschrägen. „Das Grau beruhigt“, sagt sie. „Die Architektur bringt schon genug Dynamik.“

Über dem Waschbecken geht jeden Tag die Sonne auf.

Über dem Waschbecken geht jeden Tag die Sonne auf. wienerwohnsinn

Maßgefertigte Tischlereinbauten in Küche, Bad und Vorzimmer nutzen jeden Zentimeter. Auch die Schrägen wurden nicht als Hindernis, sondern als Einladung verstanden. Die Holzvertäfelung im Wohnraum kam später dazu. Sie fasst den Sofabereich wie ein Rahmen, warm, ruhig, leicht skandinavisch angehaucht.

»Ich brauche das Visuelle.«

Doris Pesendorfer

Designerin

Ein paar Stücke begleiten sie schon seit Jahrzehnten: ein dänisches Mid-Century-Sideboard, der ikonische Ball Chair. „Sie sind wie alte Freunde.“ Alles andere durfte neu entstehen. „So nach und nach.”

Materialität spielt eine Hauptrolle: geöltes Holz, Textilien, Stein, metallische Oberflächen. Dazu Grün in allen Nuancen : Kissen, Accessoires und vor allem Pflanzen. „Es sind inzwischen mehr als auf den Fotos“, sagt sie lachend. Jede einzelne hat ihren Platz, ihre Geschichte. In den Regalen liegen alte Holzwerkzeuge ihres Vaters und Großvaters, unaufgeregt stille Erinnerungen an das Mühlviertel, wo sie aufgewachsen ist.

Der Wohnraum ist zugleich auch Arbeitsraum.

Der Wohnraum ist zugleich auch Arbeitsraum. wienerwohnsinn

Der Wohnraum ist zugleich Arbeitsraum. Moodboards hängen an der Wand, Projektausschnitte, Farbproben. Im Vorbeigehen entstehen Gedanken. „Ich brauche das Visuelle“, sagt sie. „Anschauen hilft.“

Ordnung ist dabei kein Selbstzweck, sondern Denkraum. Alles hat seinen Platz. Vieles erzählt von Hospitality-Projekten, von Food- und Packaging-Konzepten, die sie als Brand-Designerin entwickelt. Ihr Umfeld soll das aktuelle Leben spiegeln.

Die Terrasse ist südostseitig ausgerichtet. Ab März wird sie alle Jahre wieder zum erweiterten Wohnraum. „Ein Zimmer unter freiem Himmel.“ Frühmorgens mit Kaffee, an lauen Abenden mit Freunden. Der Blick geht in die Krone eines hohen Baums im Innenhof und weiter zu den Spitzen einiger Wiener Kirchen.

„Jetzt im September zieht sich alles langsam zurück nach innen“, erzählt sie. Die großen Pflanzen bleiben, Kräutertöpfe dürfen wandern. Es ist ein zyklischer Rhythmus,, genauso wie der Markt unten, wie die Projekte auf ihrem Schreibtisch.

Und was fehlt? „Ein kleines Kabinett wäre schön“, sagt sie nach kurzem Überlegen. „Aber vielleicht ist gerade das gut. Räume dürfen auch ein bisschen fordern.“

Zum Ort, zur Person

Ottakring entstand 1892 als 16. Wiener Bezirk aus Vorortgemeinden, den Brunnenmarkt gibt es seit 1786. Der namensgebende Brunnen musste 1872 der Pferdestraßenbahn weichen.

Eigentumswohnungen neu kosten in Ottakring in guter Lage rund 5800 Euro/m2. (Quelle: WKO)

Doris Pesendorfer ist im Mühlviertel geboren und lebt seit 30 Jahren in Wien. Als Brand Designerin gestaltet sie Marken mit Fokus auf Hospitality, Food und Packaging. www.dorispesendorfer.com